weather-image

Kontrollgang über den Wolken

4.1
4.1
Bildtext einblenden
Ein Blick auf die Terrasse: Auch hier ist nichts Verdächtiges zu erkennen. (Fotos: Kastner)
Bildtext einblenden
Fräspause: Betriebsleiter Hans Kogler (M.) und Peter Hinterseer.
Bildtext einblenden
Der Aufstieg mit Tourenskiern auf der tief verschneiten Kehlsteinstraße macht dem Skibergsteiger Norbert Eder besonders viel Spaß.
Bildtext einblenden
Der Aufzug fährt bereits. Norbert Eder ist froh.

Berchtesgaden – Im dichten Schneetreiben, bei rund 15 Zentimetern Neuschnee, spurt Norbert Eder mit seinen Tourenskiern mit langen, gleichmäßigen Schritten in Richtung Kehlstein. 800 Höhenmeter sind es bis zum Kehlsteinhaus, das der Schönauer seit 1990 als Wirt betreibt. Während im Sommer rund 380 000 Touristen aus dem Gipfel einen »Rummelplatz« machen, herrscht im Winter dort auf über 1 800 Metern Höhe einsame Stille. Eder zieht es trotzdem etwa alle zwei Wochen hinauf. »Mir lässt es keine Ruhe. Ich muss regelmäßig nachschauen, ob alles passt«, sagt der 53-Jährige. Bei seinem jüngsten Kontrollgang am Mittwoch begleitete ihn der »Berchtesgadener Anzeiger«.


Ohne den Termin mit der Lokalzeitung wäre er an diesem Tag vielleicht gar nicht losgezogen. »Angesichts des Schneefalls habe ich heute Morgen schon überlegt«, sagt Norbert Eder. Andererseits zieht es ihn doch hinauf. Schließlich weiß der Wirt, dass an diesem Tag eine einheimische Firma sowie Mitarbeiter der Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee (TRBK) den Aufzug vom Buswendeplatz zum Haus in Betrieb nehmen. Das ist wichtig für Norbert Eder, weil am Tag darauf die Arbeiten für den Einbau einer neuen Spülmaschine beginnen sollten.

Anzeige

So ziehen sie also im dichten Schneefall los, der Wirt und der Reporter. Für Eder ist das alles andere als ein Malheur, schließlich ist das Skibergsteigen seine Leidenschaft und der Kontrollgang zum Kehlstein ist eine willkommene Trainingstour für den Sportler. Von der Einstellung der Kehlstein-Buslinie im Oktober bis zur Wiedereröffnung im Mai ist er ungefähr alle zwei Wochen am Gipfel. Damit es nicht zu langweilig wird, nimmt er – je nach Witterung – die unterschiedlichsten Wege: Kehlsteinstraße, Sappensteig, Dalsenwinkelstraße, Steig über den Kehlriedl und Steftensteig. Mit Tourenskiern bietet sich eigentlich die Dahlsenwinklstraße an. »Aber ich habe gehörigen Respekt vor den Lawinenschneisen«, sagt Eder. Schließlich hat es dort bereits mehrere tödliche Lawinenunfälle gegeben. Der Schönauer schlägt deshalb diesmal den Aufstieg über die Kehlsteinstraße vor. »Abfahren können wir dann über die Dalsenwinkelstraße. Mit Skiern sind wir schneller an den gefährlichen Stellen vorbei.«

Einbrecher steigt über den Aufzugschacht ein

Teilweise zugeschneite Autospuren deuten darauf hin, dass bereits Arbeiter am Berg unterwegs sind. »Hoffentlich fährt der Aufzug schon«, sagt Eder, der das Haus nach eigenen Worten mit großer Leidenschaft betreibt. Zwar ist diese Aufgabe im Sommer mit großer Arbeitsbelastung verbunden, im Winter aber kann sich Norbert Eder regelmäßig die Ski unterschnallen und die Gipfel erstürmen. »Allerdings«, schränkt er ein, »beginnt im Januar bereits wieder die Saisonvorbereitung. Da geht es um Personaleinstellung und Kooperationen mit Busreiseveranstaltern.« Jeden Morgen sitzt er erst einmal im heimischen Büro in der Schönau; erst dann ist Freizeit angesagt.

Den Kontrollgang zum Kehlsteinhaus betrachtet Eder ebenfalls als Freizeit. »Eigentlich kann da oben ja nichts passieren. Es ist eher eine moralische Sache, etwas für den Kopf«, sagt der 53-Jährige. Obwohl: Vor langer Zeit gab es einmal einen gravierenden Vorfall. Norbert Eder ging wie meistens durch den Notausgang ins Haus. »Plötzlich sah ich, dass jemand eingestiegen war. Er hatte im Haus Mobiliar verbrannt«, so der Schönauer. Weil es im Haus dunkel war und Eder nicht wusste, ob der Einbrecher noch im Hause war, ergriff er fast panikartig die Flucht. Wenig später kehrte er mit dem Polizeihubschrauber zurück. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass der Unbekannte über eine Leiter im Aufzugschacht ins Haus eingestiegen war. Seitdem verhindert ein starkes Gittertor den Zugang zum Stollen, der zum Aufzug führt. Erwischt wurde der Einbrecher nie.

Beim Aufstieg nähert sich plötzlich von oben ein Allrad-Pkw der TRBK. Zwei heimische Handwerker haben ihre Arbeiten am Aufzug beendet und kehren ins Tal zurück. Norbert Eder freut sich. Vor allem bleibt dem Skibergsteiger-Duo nun vermutlich die kräftezehrende Spurarbeit zwischen Buswendeplatte und Haus erspart. Denn die Auffahrt mit dem Aufzug dauert nur ein paar Sekunden.

Wenig später ist die Buswendeplatte erreicht. Die letzten Meter sind fast schneefrei. Betriebsleiter Hans Kogler und sein Kollege Peter Hinterseer haben im oberen Straßenabschnitt mit der Fräse bereits ganze Arbeit geleistet. Sie sind gerade mit den Vorbereitungen für die abschließende Talfahrt beschäftigt. Erst vor Kurzem haben sie die gesamte Kehlsteinstraße gefräst. »Das hat heuer nur eineinhalb Tage gedauert«, erzählt Hans Kogler. »Wir haben auch schon mal 16 Tage dafür gebraucht.« Die beiden wollen noch kurz warten, bis Norbert Eder und sein Begleiter mit dem Aufzug sicher im Haus angekommen sind. »Denn wenn ihr steckenbleibt, kommen wir erst morgen um 10 Uhr wieder«, frotzeln sie. Die Anmerkung hat allerdings einen durchaus realen Hintergrund, denn die beiden sprechen aus Erfahrung.

Nach der Kontrolle die Skiabfahrt

Wenige Minuten später und 100 Meter höher verlässt Norbert Eder den Aufzug und betritt das Haus. Bei den bisherigen Kontrollgängen in diesem Winter gelangte er stets durch den Notausgang ins Haus. »In manchen Jahren, wenn viel Schnee ist, muss ich die Tür freischaufeln«, sagt Eder. Diesmal ist alles einfacher. Und auch der Kontrollgang im Haus verläuft wieder einmal unspektakulär. »Beim Wasser kann nichts passieren, das ist abgedreht«, sagt Eder. So schaut er in erster Linie nach den Fenstern, ob alles dicht ist. Ein kurzer Rundgang im Kaminzimmer, dann hinunter zur kleinen Ausstellung, die in Kürze erneuert werden soll. Auch hier ist alles in Ordnung.

Die Arbeitsflächen und Geräte in der Küche sind mit Tüchern abgedeckt. Dann zeigt Eder noch schnell die alte Spülmaschine, die am nächsten Tag ausgebaut werden soll. Gang, Arbeitszimmer, Keller – alles ist so, wie man es Monate zuvor verlassen hatte. Noch ein kurzer Blick auf die tief verschneite Terrasse. Es liegt deutlich weniger Schnee als in den Vorjahren, aber immerhin wird eine Skiabfahrt möglich sein. Die beginnt dann wenige Minuten später, nachdem Norbert Eder und sein Begleiter das Haus über den Notausgang verlassen haben. Nach wenigen Minuten ist die Buswendeplatte erreicht und dann geht es in Hunderten von gleichmäßigen Schwüngen über die Dalsenwinkelstraße hinab zum Auto. Der Körper freut sich über diese kleine Trainingseinheit und der Kopf Norbert Eders ist erst einmal wieder frei. Bis in zwei Wochen. Dann muss der Schönauer wieder hinauf. Es könnte ja was gewesen sein. Ulli Kastner

- Anzeige -