Kopfschmuck für den Almabtrieb der Kühe

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Das Binden der Fuikln erfordert eine ruhige Hand. Paula Größwang fertigt sie seit über 50 Jahren. (Foto: Pfeiffer)

Vor über 50 Jahren war Paula Größwang Sennerin auf den Königsbach- und den Priesbergalmen. Dort lehrten ihr die Geschwister das Fertigen der Fuikln, des traditionellen Kopfschmucks der Kühe beim Almabtrieb. Nur wenn den Almsommer über nichts passiert ist, wird aufgekranzt. Bis dahin ist es viel Arbeit.


Die heute 71-jährige Bischofswieserin sitzt in ihrer Wohnstube. Draußen: Grauer Himmel, ein paar Tropfen fallen herab. Drinnen sieht es nach Arbeit aus: Vier Jahre lang war Paula Größwang Sennerin, erlebte schöne Sommer auf der Alm, molk die Kühe, machte Butter und Käse – »und nebenbei auch Fuikln«, sagt sie. Das Handwerk hat im Berchtesgadener Land eine lange Tradition, erfordert viel Arbeit, zudem eine ruhige Hand. »Mir hat das immer viel Spaß bereitet«, sagt Paula Größwang, während sie einen Packen bunter Schabertbandln in der Hand hält.

Es gibt sie in allen Farben

Schabertbandl bestehen aus fein gehobeltem Fichtenholz, das so dünn ist, dass man es vorsichtig biegen kann. Es gibt sie in allen nur erdenklichen Farben. Die eingefärbten Hobelspäne werden auch zum Schmücken der Palmbuschen kurz vor dem Osterfest verwendet. Der Kopfschmuck der Kühe nach einem unfallfreien Sommer gilt generell als sehr farbenfroh. Offiziell dürfen die Almbauern ab 24. August, dem sogenannten Bartholomäus-Tag, mit dem Kranzen beginnen. Dann bleiben ihnen in der Regel noch ein paar Wochen, bis der Almabtrieb bevorsteht und die Kühe geschmückt werden – wenn nicht der Winter auf den Bergen schon vorher Einzug hält.

Für die Fuikln verwendet Paula Größwang ausrangierte Christbäume, die sie beim Berchtesgadener Advent sammelt. Sie biegt die dünnen Äste zu Bögen, bindet sie fest und formt damit mehrere Kronen an der Fuikl. »Das sind die Bäuche«, sagt Größwang. Je länger die Äste, desto größer die Kronen. Darin verknüpft sie gekonnt Häkelgarn, das ist reißfest und bestens geeignet, um an dem Geflecht aus Schnur die nun folgenden Bastelarbeiten aus Schabertbandln anzubringen. »Ich kann gar nicht sagen, wie lange ich an einer großen Fuikl sitze«, sagt die Rentnerin. 20 Stunden können da locker zusammenkommen.

»...abends, wenn es mir langweilig ist«

Paula Größwang arbeitet nebenbei für die Berchtesgadener Handwerkskunst, einer Einrichtung des Landkreises Berchtesgadener Land, fertigt für Sennerinnen oder den einen oder anderen Almbauern Fuikln, wenn bei denen die Zeit für die zeitintensive Vorbereitung für den Kopfschmuck knapp wird. »Für mich ist das eine schöne Arbeit, die nebenbei läuft, oft abends, wenn es mir langweilig ist«, sagt sie. Viel verdient ist dabei nicht, es ist mehr ein Hobby, das ihr große Freude bereitet.

Als Größwang vor einem halben Jahrhundert noch selbst Sennerin war, mussten rund 15 Kühe mit Kopfschmuck ausgestattet werden. Aber nur dann, wenn den Sommer über auf der Alm nichts passiert war. »Es darf auch keinen Todesfall in der Familie des Bauern gegeben haben«, sagt die Holzspan-Künstlerin. Der Kopfschmuck ist in gewisser Weise also auch ein Zeichen der Freude und des Dankes.

Die Hauptarbeit beim Binden der Fuikln besteht dabei aus dem Basteln der sogenannten »Mascherln«. Das sind Schabertbandln, die zu Schleifen gelegt werden. In die Mitte hinein bastelt Paula Größwang einen aus dem dünnen Fichtenholz hergestellten Stern mit mehreren Zacken. Sie kombiniert dabei Schabertbandln verschiedener Farben, um den Stern abwechslungsreicher zu gestalten.

Mit Nadel und Faden die Mascherl verbinden

Mit Nadel und Faden verbindet sie das Mascherl mit dem Stern. Es gibt auch kleine Spitzen, um die Fingerkuppe gewickelte Schabertbandln, die an die zu den Kronen gebogenen Äste gebunden werden. Jede Spitze bekommt einen kleinen Farbklecks spendiert, in Gold, wahlweise auch Silber – »das finde ich auch ganz hübsch«, sagt Paula Größwang.

»Anfangs vieleFehler gemacht«

Jeder Handgriff sitzt beim Biegen und Falten. »Anfangs habe ich viele Fehler gemacht«, sagt sie. Unerfahrenen gehen die Arbeitsschritte zunächst nicht leicht von der Hand. Das Schabertbandl kann leicht einreißen oder brechen. Ein liebevoll gebasteltes Mascherl wird so schnell unbrauchbar. Die Gefahr besteht auch beim Almabtrieb, wenn anstatt Sonnenschein Regen vom Himmel fällt. Dann muss der Kopfschmuck unter Folie verpackt werden, um nicht feucht zu werden. Auf einem großen Fuikl haben locker 100 Mascherln mit Sternen Platz, die auf dem Geflecht aus Häkelgarn zwischen den Ästen dran gebunden werden.

Manche Kuh bekommt als Kopfschmuck einen »Latschenboschen«, einen mit Fuiklsternen und Schabertbandln verzierten Zweig. Paula Größwang sagt, dass die Tradition rund um Berchtesgaden noch immer gelebt werde, allgemein schwinde aber die Nachfrage nach dieser Handwerkskunst.

In Größwangs »Herrgottswinkel« im Eck ihres Wohnzimmers ist ein Plätzchen, an dem die selbst gefertigte Handwerkskunst auch das Jahr über zu sehen ist. Dort kommen auch die Palmbuschen unter, die nach altem Osterbrauch in den Herrgottswinkel gesteckt oder in die Ställe und auf die Felder gebracht werden.

Kilian Pfeiffer