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Kosmopolitische »Christmas Crackers«

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Silke Aichhorn und Dr. Martin Fogt begeisterten ihre zahlreichen Zuhörer im NUTS mit einem nicht nur besinnlichen Weihnachtsprogramm. (Foto: Mergenthal)

Bei »Nonna Anna« blinken am Plastikbaum bunte Lämpchen unter dem Jesusbild, während bei »Santa Claus« im fernen Amerika ein Footballspiel im Fernsehen am Heiligen Abend für einen Ehekrach sorgt: Kosmopolitisch ist das etwas andere Weihnachtsprogramm der Traunsteiner Harfenistin Silke Aichhorn und des Münchners Dr. Martin Fogt. Unter dem passenden Motto »Christmas Crackers« (Weihnachts-Knallbonbons) zeigten sie es in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS den zahlreich erschienenen, begeisterten Zuhörern.


Das Motto ließ erahnen, dass es da nicht nur besinnlich zugeht. Mit einem Prélude und einer Toccata von Händel eröffnete die Harfenistin den Abend. Dann ging es gleich zur Sache: In »Meine erste Revolution« ließ der Sprecher, Sänger und Musikwissenschaftler Fogt den Kabarettisten Gerhard Polt mit viel schwarzem Humor seine Nikolaus-Abenteuer erzählen: Als Teenager, den es vom Land in die Stadt verschlagen hatte, schloss er sich einer Horde wild gewordener Halbwüchsiger an, deren Hass gegen jegliche Autorität die armen Nikoläuse vom Studenten-Nikolausschnelldienst abbekamen. Dazu passte gut der von Aichhorn peppig hingefetzte »New Blues« der Amerikanerin Debora Henson-Conant. Auch das Stück »Ten past two« ihrer Landsmännin Pearl Chertok brachte die oft als »brav« beurteilte Harfe zum Swingen und leitete perfekt zu Art Buchwalds »Santa Claus sieht fern« über: Der Weihnachtsmann boykottiert Weihnachten aufgrund eines wichtigen Footballspiels im Fernsehen und zofft sich mit seiner Frau, die am Ende selber den Rentierschlitten besteigt.

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Fogt verstand es ausgezeichnet, jeder von ihm am Lesepult fesselnd vorgetragenen Geschichte Leben und die jeweils typische Atmosphäre einzuhauchen: ob es nun um die melancholische Hommage des Wiener Autors Alfred Polgar an die alte Dienstmagd Leni ging oder um die misslungene Suche zweier einkehrfreudiger Männer nach einem stattlichen Christbaum, die der Berliner Peter Frankenfeld auf köstlich-skurrile Weise erzählt.

Wunderbare Momente der Komik hatte auch eine Passage von Jan Weiler aus dem 2009 verfilmten Buch »Maria, ihm schmeckt's nicht«. Darin verarbeitet der Düsseldorfer die Eindrücke auf einer Fahrt mit seinem Schwiegervater Antonio in dessen Heimat. Das amüsierte Publikum erfuhr von seiner Hassliebe zum Bauschaum-ähnlichen »Panettone« und warum das Schneeschippen in italienischen Kleinstädten so viel Spaß macht: Mangels Platz kommt der Schnee einfach aufs Auto des Hintermanns. Man konnte sich so richtig vorstellen, wie hinter allen Fenstern an Plastikbäumchen die bunten Lämpchen blinken. Noch viele andere Perlen der Weihnachtsliteratur grub Fogt aus, darunter »Wirte« von Georg Terramare. Bewegend schildert der katholische Jude aus Wien, der diesen Text voller Heimweh im bolivianischen Exil schrieb, in kraftvoller Symbolsprache nicht nur die nach Österreich verlegte Herbergssuche des heiligen Paares, sondern auch die soziale Kälte in seiner Heimat.

Daran, wie sich Fogt und Aichhorn die Bälle zuspielten, merkte man, dass die beiden seit 1996 mit gemeinsamen Programmen ein eingespieltes Team sind. Zur »Leni« passte gut der »Gruß aus der Ferne« von Tschaikowsky und zu »Terramare« der zeitgenössische »Sweet Blues« des französischen Harfenisten Bernard Andrès. Dieser prägte das »Pincé«, das Zupfen einer Saite zwischen zwei Fingerspitzen, mit dem Aichhorn gekonnt scharfe, helle Klänge erzeugte. Spätromantisch bis impressionistisch waren die Stücke von zwei anderen Franzosen. In Marcel Gradjanys Fantasie über ein Thema von Joseph Haydn ließ die Traunsteinerin ihre Harfe durch eine spezielle Technik spieluhrähnlich oder wie ein Xylophon erklingen. In »Vers la source, dans le bois« von Marcel Tournier hörte man silbrige Tautropfen und eine murmelnde Quelle im Wald – eine schöne Antwort auf die fantastische Erzählung von einem Vater, der mangels Alternative einen mit Moos bewachsenen alten Hirschen für seine Kinder als Christbaum schmückt. Viel Begeisterung fanden auch die höchst virtuosen Greensleeves-Variationen. Silke Aichhorn tritt übrigens das nächste Mal solistisch am 16. Dezember um 19 Uhr in der evangelischen Kirche Siegsdorf und mit Blechbläsern am 21. Dezember um 20 Uhr im Gasthof D'Feldwies in Übersee auf. Veronika Mergenthal