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Zum Tode des Künstlers und Bergsteigers Hans Richter

Kreativer Geist und schaffende Hand

Berchtesgaden – Was bleibt, ist das Werk des Künstlers. Das Geformte und Geschaffene zeugt von der Hand des Bildhauers. Erst im Dreiklang aus Künstler, Werk und Betrachter entsteht das, was wir Kunst nennen. Hans Richter, der vergangene Woche im Alter von 83 Jahren verstarb, hatte in seinen Arbeiten immer diesen Dreiklang im Blick.

Der Künstler und Bergsteiger Hans Richter verstarb im Alter von 83 Jahren. Foto: privat

Seine große Zahl an hauptsächlich Auftragsarbeiten und gewonnen Wettbewerben sind nicht aus einem künstlerischen Selbstzweck entstanden. Immer hatte er auch den Betrachter bedacht, denn die Arbeiten von Richter wollten betrachtet werden und sie sollten gerne betrachtet werden. Dabei stand die menschliche Figur im Mittelpunkt, der Mensch als Maß, verbunden mit einem menschlichen Maß. Selbst in seinen größten Arbeiten spürt man dieses menschliche Maß, ja, das Menschliche überhaupt. Das Leiden Jesu, die Trauer Marias, die Innigkeit des Sonnengesangs des heiligen Franziskus – Richter brachte das Himmlische, das Heilige in einen menschlichen Rahmen.

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Die erdige Kompaktheit seiner Arbeiten zieht sich durch sein Schaffen hindurch. Dabei war er nicht auf ein Material beschränkt. Natürlich sind viele Arbeiten als Bronzefiguren entstanden und aus Holz, von dem er kommt, hatte er doch in der Schnitzschule gelernt. Aber auch mit Stein, Email und einem selbst entwickelten Glasschmelzverfahren gestaltete er, ebenso großflächige Glasfenster. Egal, was er anpackte, Hans Richter konnte es und machte es zudem perfekt. Seine schier unerschöpfliche Energie ließ ihn selten ruhen. Immer stand er beim Arbeiten, hingesetzt hat er sich nie. Gearbeitet hat er so lange, bis die Krankheit es ihm in den letzten Jahren nicht mehr erlaubte.

Der frühe Tod seines Vaters in den letzten Kriegstagen im April 1945 in Berlin beendet seine Kindheit »buchstäblich über Nacht«, wie der am 13. März 1931 Geborene in seinem Buch »Freude am Leben, Freude an der Bildhauerei« 1996 schreibt. Die Mutter sorgt unter schwierigsten Bedingungen für ihn und seine Schwester. Vorübergehende Erleichterung bringt eine angebliche Zuckerlieferung der Amerikaner am Silberg, die, wie es in der Familie erzählt wird, den Buben Hans nachts ausrücken lässt. Doch in der Kiste, die er mitnahm, ist nicht Zucker, sondern Zigarren, eine beliebte Tauschwährung.

Nach der Gesellenprüfung an der Schnitzschule bewirbt er sich 1949 an der Akademie in München und studiert unter Prof. Josef Henselmann. Für den jungen Mann sind das sehr prägende Jahre. Daneben entstehen erste Auftragsarbeiten, wie das Kletter-Fabelwesen aus Beton für das Kinderbecken im Aschauerweiher. »Die Versuchung und Chancen, in München zu bleiben, sind sehr groß, aber mich zieht es nach Berchtesgaden zurück. Mutter hilft mir, ein kleines Atelier ans Haus anzubauen«, schreibt Richter. Er arbeitet als freischaffender Künstler. Die nächste große Herausforderung kommt 1976 mit dem Posten des Schulleiters der Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei. Er baut die Schule aus und um und macht sie zu dem angesehenen Ausbildungsort, der sie heute ist.

Als Gemeinderat war er zunächst in der Gemeinde Salzberg und dann in Berchtesgaden 18 Jahre lang tätig und er engagiert sich bei den Lions. Lange Jahre war er Vorsitzender des Berchtesgadener Künstlerbundes und dessen Ehrenmitglied. Unvergessen ist er als Organisator für die Feierlichkeiten anlässlich der 900-Jahr-Feier von Berchtesgaden.

Doch was ihn vielleicht persönlich am meisten gefreut hat, das war das Bergsteigen und das Reisen. Beides verband er sehr gerne. Mit 14 Jahren hatte er sich von der Mutter zu Weihnachten gewünscht, die Ostwand durchsteigen zu dürfen, barfuß wohlgemerkt, da für Bergschuhe das Geld fehlte. Ein paar Jahre drauf der gleiche Wunsch, nur diesmal musste es die Winterostwand sein. Richter nimmt 1957 an der »Berchtesgadener Andenexpedition« teil mit einigen Erstbesteigungen. Auf Grönland heißen in den Staunings-Alpen einige Gipfel »Toni-Kurz-Spids«, »Berchtesgadener Köpfl« und »Hirschbichler-Spids«. Ergebnis von Erstbesteigungen durch die Berchtesgadener Grönland-Kundfahrt 1967, an der Richter ebenfalls teilnahm.

Zusammen mit seiner Frau Antonie unternimmt er drei Mal eine Himalaja-Expedition. Sie begleitet ihn gerne auf die Berge und zusammen sie sind viel unterwegs. Während Hans Richter im Atelier steht und mit unendlichem Fleiß seine Werke schafft, kümmert Antonie sich um die drei Mädchen. Bei einer Himalaja-Expedition dreht Richter einen Film, der anschließend sogar einen Preis gewinnt. Was er auch anfasst, er schafft etwas Besonderes. Blättert man durch seine Reisetagebücher, die er stets schrieb, so sind sie angefüllt mit unzähligen Skizzen, die das Skizzenhafte weit hinter sich lassen.

Was bleibt, ist das Werk. Doch bei Hans Richter ist es viel mehr, was er hinterlässt. Er hat gezeigt, was Können, Wille und Einsatz zu schaffen vermögen.

Am Mittwoch, 16. April, verstarb Hans Richter zu Hause in den Abendstunden. Christoph Merker