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Glückwünsche für 50 Jahre Treue zur Dehoga (von links): Ministerin Michaela Kaniber, Jutta Grünberger vom Hotel Grünberger in Berchtesgaden, Kreisvorsitzender Johannes Hofmann und die bayerische Dehoga-Präsidentin Angela Inselkammer. (Foto: Spranger)

»Krise ist für Hotellerie und Gastronomie nicht vorbei«

Gleich zwei prominente Gäste konnte der Kreisvorsitzende des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga Bayern) zur Jahresversammlung im Wellness- und Natur-Ressort Gut Edermann in Teisendorf begrüßen. Die Präsidentin des Dehoga-Bayern Angela Inselkammer und Staatsministerin Michaela Kaniber. Sie wollte ein Jahr nach dem abrupten Lockdown im Berchtesgadener Land, ihre Solidarität mit der Branche zeigen. Aber auch Berichte und Ehrungen verdienter Mitglieder standen auf der Tagesordnung.


Ein Thema was beiden Frauen, unsere Gesellschaft und vor allem auch die Gastronomie und Hotellerie beschäftigt, sind weiter die Corona-Verordnungen. »Die finanziellen Hilfen sind geflossen, in Bayern bislang über sieben Milliarden Euro. Im Berchtesgadener Land wurden fast 46 Millionen an 2100 Betriebe aus der Hotellerie und Gastronomie ausbezahlt, 58,5 Prozent der Hilfen. Es war eine Gemeinschaftsleitung, um die Branche vor Betriebsschließungen zu bewahren,« bekräftigt Kaniber.

»Es ist aber an der Zeit, für uns alle, und vor allem für die Hotellerie- und Gastronomie, wieder Planungssicherheit zu schaffen. Immerhin«, so Angela Inselkammer, »sieht sich immer noch ein Viertel der Branche in seiner Existenz gefährdet und ein Fünftel denkt über eine Betriebsaufgabe nach. Es war eine brutale Zeit für uns und so etwas haben wir selbst über zwei Weltkriege hinweg in unserer 200 Jahre alten Firmengeschichte noch nie erlebt. Dennoch«, so Inselkammer, »müssen wir nach vorne sehen und raus aus der epidemischen Lage. Wenn 80 Prozent der Menschen geimpft oder genesen sind, haben wir das Ziel erreicht.« Dem stimmte auch Ministerin Michaela Kaniber zu, wollte nicht von einem Impfzwang sprechen, gab aber zu bedenken, »dass ein hoher Inzidenzwert wie im Berchtesgadener Land nicht für eine Urlaubs- und Tourismusregion werbe.« Die Gastronomie und Hotellerie hat die Corona-Lockdowns überstanden, doch inwieweit, ist abschließend noch nicht zu sagen. Die Hilfen des Freistaates Bayern hat zwar auch im Berchtesgadener Land gegriffen, »doch die Nachwirkungen sind trotz eines sehr guten Sommergeschäftes noch deutlich spürbar«, äußert sich der Kreisgeschäftsführer der Dehoga, Johannes Hofmann. »Persönlich kenne ich einige Gastronomen, die während der Pandemie ihre private Altersvorsorge aufgegeben haben. Es fehlt am Personal, an gut ausgebildeten Fachkräften und am Berufsnachwuchs. Dreijährige Ausbildungen sind nicht mehr zeitgemäß, die jungen Menschen müssen und wollen schneller in den Beruf. Gerade bei ihnen gibt es einen hohen Anteil, der mit 'schnellen Jobs' gleich gut verdient, sich aber zehn Jahre später wundert, über keine gute Ausbildung zu verfügen.«

Dem hielt Fachlehrerin Sabine Ofner von der Staatlichen Berufsschule mit Berufsfachschule aus Freilassing entgegen: »Das ist so nicht richtig. Wir haben ein einjähriges Berufsgrundschuljahr, in der die jungen Menschen eine gute Wissensbasis vermittelt bekommen. Es gibt auch eine zweijährige und dreijährige Ausbildung. Es muss in Ihrem Interesse sein, gut ausgebildete Kräfte und damit die späteren Führungskräfte in den Betrieben zu haben. Nutzen Sie mehr die einjährige Ausbildung. Sie qualifiziert und hat niedere Hürden«, so ihr Plädoyer.

Tatsächlich aber hat sich die Perspektive verschoben. »Eigentlich galt eine Karriere im Tourismus oder in der Hotellerie und Gastronomie als krisensicher. Dieses Urvertrauen ist nachhaltig gestört worden«, bedauert die Präsidentin des Dehoga-Bayern, Angela Inselkammer. Dr. Anja Friedrich-Hussong vom Wirtschaftsservice des Berchtesgadener Landes empfahl eine bessere Vernetzung. »Wir haben für Ausbildungsberufe eine eigene Broschüre aufgelegt und dabei natürlich auch die gastgewerblichen Berufe aufgenommen. Wir gehen damit in die Schulen und auch auf Messen.«

Alle waren sich darüber einig, dass man bei den gastgewerblichen Berufen die jungen Menschen wieder mehr mitnehmen muss. Sie setzen heute andere Prioritäten, wollen Zeit für die Familie und die Kinder haben. Eine Fünf-Tage-Woche sollte Normalität sein. Dehoga-Bayern Geschäftsführerin für Berufsbildung und Branchenförderung, Susanne Droux, ging sogar noch einen Schritt weiter. »Junge Menschen stellen Spaß und Selbstverwirklichung in den Vordergrund und sind bereit, dafür die berufliche Karriere zurückzustellen. Wir müssen über Arbeitszeit-Modelle wie etwa viermal zehn Stunden reden, wir müssen flexibel sein.« Sie nannte vier zentrale Punkte für die Zukunft: »Die Branche ist gefordert, pünktlich ein faires Gehalt zu bezahlen, bei den Arbeitszeiten den Mitarbeitern mehr entgegen zukommen und letztlich selbst eine Unternehmenskultur zu fördern, um den Beschäftigten auch eine emotionale Heimat zu bieten, wo sie gerne arbeiten. Der Gastronom darf als Unternehmer nicht nur den Gast im Focus haben, ebenso wichtig für ihn sind als Dienstleister gute und motivierte Mitarbeiter«, fordert sie.

Susanne Droux informierte weiter über die Gewinnung von Fachkräften aus Drittländern wie Marokko, Tunesien oder Vietnam. Die Dehoga hat dafür eine eigene Fachstelle in Nürnberg geschaffen.

Johannes Hofmann empfiehlt für die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte einen anderen, für ihn erfolgversprechenderen Weg. »In Bayern arbeiten viele Menschen und Gastronomen mit Migrationshintergrund. Junge Menschen leben bereits hier und ihre Familien sind häufig integriert. Sie kennen sich untereinander, sind vernetzt und kennen die Sprache ihrer Heimatländer. Wir müssen aktiv auf sie zugehen, ihnen Perspektiven einer Aus- und Weiterbildung aufzeigen. Das ist ein erfolgreicher und schneller Weg.« Bei der Praxis, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen, sieht er ein großes Handicap. »Wendet man sich auf der Suche nach ausländischen Fachkräften an die Botschaften, muss man häufig bis zum ersten Januar warten, um neue Kontingente zu nutzen. Bereits am zweiten Januar aber sind die Botschaften online nicht mehr zu erreichen, denn das System ist dann schon völlig überlastet. Das hilft nicht weiter.«

Nach zwei Jahren »Versammlungspause«, bedingt durch die Corona-Verordnungen, nutzte der Dehoga das Treffen für eine Ehrung langjähriger Mitarbeiter. Für 40 Jahre Mitgliedschaft geehrt wurden Anton Sandholz, Gasthof Rehwinkl, Ramsau; CulinaBrancka, Gaststätte Neuwirt, Anger. Seit 50 Jahre Mitglieder sind Gertrude Gassner, Schlossberghof Marzoll, Bad Reichenhall und Jutta Lieselotte Grünberger, Hotel Grünberger, Berchtesgaden.

gsp