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Mit dem Programm »Drei Farben, Wien« begeisterten die Künstler des Chiemgauer Musikfrühlings

Kristallklares Klangbild mit Suchtfaktor

Das zweite Chiemgauer Musikfrühlingskonzert, dass im Festsaal des Klosters Seeon stattfand, beschäftigte sich mit dem Thema Wien als Kulturmetropole. Beethoven hat eine Zeit lang in Wien gelebt, und ist dort auch gestorben, Zemlinsky ist in Wien geboren worden und Johannes Brahms ist dort ebenfalls eine Zeit ansässig gewesen, und ist auch in Wien gestorben. Sie alle und andere bedeutende Künstler mehr schufen von Wien aus ihr ganz spezielles Genre, die Wiener Klassik. Und sie begegneten sich natürlich, beeinflussten einander und lernten voneinander.

Im Festsaal des Klosters Seeon widmeten sich Sergey Malov (von links), Diane Ketler und Bernhard Naoki Hedenborg der Wiener Klassik. (Foto: Heigl)

»Drei Farben: Wien« also lautete der Titel des Konzertes, bei dem Werke der oben genannten Komponisten zur Aufführung kamen. Natürlich fragte man sich warum diese – und nicht Schubert, Mozart oder Haydn, die ja ebenfalls längere Zeit in Wien waren. Wenn man in den Biografien allerdings ein wenig herumstöbert, merkt man, wie sehr sich deren Schaffen gegenseitig immer wieder durchdrang. Was besonders im ersten Teil des Konzertes zu hören war, als Sergey Malov (Violine), Razvan Popovici (Viola) und Bernhard Naoki Hedenborg (Violoncello) das Streichtrio Es-Dur, op. 3, von Ludwig van Beethoven spielten und es dabei immer wieder mal nach Mozart klang.

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Vor allem in den Allegro-Sätzen und dem Menuette Moderato des so feinfühlig gespielten Beethovens konnte man immer wieder überrascht feststellen, wie sehr die tänzerischen oder koboldhaft-aufgekratzten Stellen an Mozart erinnern. Ursprünglich wollte Beethoven ja bei Mozart lernen, was sich wahrscheinlich aber nicht ergab. Er wählte dann Haydn als Lehrer, und es heißt in Waldenfels´ Stammbuch, dass er Mozarts Geist dann aus Haydns Händen empfangen habe.

Wie dem auch sei, die Zuhörer erlebten eine Sternstunde der Kammermusik, und Sergey Malov füllte seine Führungsrolle an der Geige vor dem atemlos lauschenden Publikum mit Bravour aus. Das kristallklare Klangbild seines Spiels hatte definitiv Suchtfaktor. Razvan Popovici an der Viola ging ganz in seinem virtuosen Spiel auf, setzte geschmeidig Impulse und machte seine Liebe zum Stück hörbar. Bernhard Naoki Hedenborg am Cello erdete mit sanfter Bestimmtheit und temperierte das gemeinsame Spiel immer perfekt.

Es folgte das Klaviertrio in d-Moll, op. 3, von Alexander von Zemlinsky, der bereits ein Vertreter der modernen Wiener Klassik war. Furore und Aufruhr, tief verankert im Zentrum des unglaublich engagierten Klavierspiels von Diane Ketler, die sich wie immer allen Emotionen – den feinen als auch den heftigen – mit bemerkenswerter Offenheit stellte und die Fäden des Stücks trotzdem kontrolliert zusammenhielt. Am Cello Bernhard Naoki Hedenborg, dessen Spiel diesen leuchtend-warmen Grundton hat, was nicht heißt, das er nicht auch gefährlich dunkel-kratzig spielen kann, dass aber immer hochkultiviert! Sergey Malov spielte seine Geige mit sängerischer Brillanz. Sein Körper schien von Kopf bis Fuß durchdrungen von der wunderbaren Musik, die er gerade spielte.

Das es keiner Zugabe mehr bedurfte, nachdem das Klavierquartett in A-Dur, op. 26, von Johannes Brahms vorbei war, hatte nicht nur den einen Grund, dass man so sehr zufrieden und satt von den musikalischen Genüssen war, sondern vielleicht auch, dass die Akustik des Saals mit dem großen Klang des Klaviers etwas überfordert war. Hätte man sich etwas wünschen dürfen, dann wäre die Wahl nach dem großartig aufgeführten Zemlinsky womöglich auf ein erholsameres Stück der Kammermusik-Literatur gefallen. Barbara Heigl