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Kritik am »Gerät der Selbstüberschätzung«

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HG. Butzko findet genug kabarettistischen Zündstoff durch gesellschaftliche Missstände. (Foto: Benekam)

Der Kabarettist HG. Butzko hat den Auftritt im Traunreuter k1 mit seinem aktuellen Programm »Echt jetzt« genutzt, um sich erst einmal gefühlt fünf Minuten für das Kommen des Publikums und den Einsatz des Veranstalters zu bedanken – beides unabdingbare Voraussetzungen dafür, dass für »freie« Bühnenmenschen überhaupt noch Auftritte möglich sind. Wer sich nämlich auf die vom Bund zugesicherte Corona-Soforthilfe verlässt (und dabei das Kleingedruckte überliest), der ist verlassen. So der Erfahrungsbericht des Gewinners des Bayerischen Kabarettpreises 2016.


Andererseits, zeigte Butzko lachend auf, habe der Virus, der seit März die Welt regiert, doch auch Positives gebracht: »Wenn der Schnee schmilzt, kommt die Kacke zum Vorschein.« Und die könnte man dann ja, wenn sie offenbar ist (und stinkt), entsorgen: Etwa das (durch Corona) neu gewonnene Bewusstsein über die Herkunft von Billigfleisch und der Umgang mit Menschen, die tagtäglich ihre Gesundheit in Fleischfabriken aufs Spiel setzen, damit der »arme« Verbraucher täglich sein Billigschnitzel auf dem Teller hat.

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Da will man ebenso wenig die Schneeschmelze zulassen wie in Hinblick auf die Informationspolitik in den vielen Fernsehtalkshows. Dort seien, wie Butzko monierte, doch immer dieselben Virologen geladen. Statt immer wieder Drosten, Streeck und Kekulé zu hören, würde Butzko sich brennend für eine kontroverse Diskussionsrunde mit den Doktoren Wodarg, Bhakdi und Schiffmann interessieren.

Ausreichend kabarettistischen Zündstoff für sein Programm hatte Butzko aber längst vor Corona in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Missständen gefunden, die im Übrigen nicht selten auch direkten Einfluss auf seine Bühnenauftritte hatten (und haben). »Heute starren die Zuschauer in Theater, Konzert oder Kabarett nicht mehr auf die Bühne, sondern viel zu oft ungeniert ins Handy.«, wetterte Butzko. Seiner Ansicht nach müssten Kinder und Jugendliche viel besser vor dieser – nicht selten lebensgefährlichen – Droge, diesem »Gerät der Selbstüberschätzung und Nummer-1-Unfallverursacher im Straßenverkehr« geschützt werden.

Wie drastisch die negativen Auswirkungen auf das kindliche Verhalten seien, das hätten die Erfinder der Digitalisierung inzwischen selbst verstanden: »Die Macher der Digitalisierung kritisieren die Digitalisierung«. Kindliche Kreischanfälle bei Handyentzug seien keine Seltenheit. Wenn das so weitergehe, befürchtet Butzko, wenn man im Netz in Sozialen Netzwerken »sozial aktiv« sei, und man im realen Leben den Menschen aus allem Sozialen vertreibe, »dann ist der Tag nicht weit entfernt, an dem unsere Kinder 'Alexa' fragen, was »Zwischenmenschlichkeit« ist.

Wer mit dem Zeitgeist nicht Schritt halten kann, der sieht doch ruckzuck aus wie der Butzko, der sich im Spiegel seiner Verwirrtheit eine ebenso wirre Haarpracht über seinen Schädel stülpte und sich voller Nostalgie der Tage entsann, an denen Influenc(a)er noch Grippe war, man Chips noch essen konnte, als es noch Kellner waren, die über »Tablets« wischten und der Imperativ »klaut!« (Cloud) noch ein Freibrief zum Diebstahl war.

Das k1-Publikum verfolgte Butzkos »Erkenntnisse« mit dem Blick eines Kaninchens, das einer Schlange gegenübersteht. Die Wucht der irrwitzigen Wahrheiten hinter den satirischen Beleuchtungen hatte etwas Lähmendes. Es blieb nicht viel Zeit zum Lachen. Lachen fühlte sich manchmal fast unangebracht oder unerhört an. Butzko zielt ins wunde Fleisch und das kann schon mal wehtun. Auf die Frage, wie niveauvolles Kabarett aussieht, sollte Alexa »Butzko« zur Antwort geben. Als Dank für den kabarettistischen Großeinsatz spendete das Publikum großzügig Beifall.

Kirsten Benekam