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25. Kunstsprechstunde in Traunstein mit dem Künstler Wolfram P. Kastner aus München

Kunst, die stört und sich einmischt

»Wundheilung«: Unter diesem durchaus vieldeutigen Titel fand im HANDarbeit WERKraum, Hinter der Veste 11 in Traunstein, die bereits 25. Kunstsprechstunde mit dem Künstler Wolfram P. Kastner aus München statt.

Kastner erinnert am Königsplatz mit der Aktion Brandspur München an die Bücherverbrennung der Nazis.

Organisiert und veranstaltet wurde dieses Gesprächs- und Diskussionsforum von den beiden Traunsteiner Objekt- und Installationskünstlern Helmut Mühlbacher und Cosima Strähhuber. Der international bekannte und diskutierte Künstler Wolfram P. Kastner versteht sich nicht nur als Kunstschaffender, sondern vielmehr auch als Forscher und SehHelfer und legt seine Projekte und Aktionen darauf aus, zu zeigen, was Kunst bewirken kann, wenn sie die Abstellräume für dekorative Freizeitgenüsse verlässt und im gesellschaftlichen Raum Sehgewohnheiten und Sehstörungen untersucht.

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Bei seinen öffentlichen Interventionen, die oft sehr unterschiedliche Teilnehmer einbeziehen und zu Akteuren werden lassen, geht es immer um die Erforschung der Wahrnehmung, um die Bereitschaft genauer hinzusehen und Entstellung der Wirklichkeit bis zu Kenntlichkeit. Die Eingriffe sind unaufwändig und direkt, greifen an die Wurzeln der Gegenwart und ihre Geschichte. Sie sind Versuche, sich nicht abzufinden mit den provokativen Zuständen, sondern ihnen etwas entgegen zu setzen. Sie bewirken aktuelle Reaktionen, in der das heutige Bewusstsein und die Reflexion der Geschichte sichtbar werden. Wolfram Kastner sagte dazu: »Nicht ich provoziere, sondern die Zustände provozieren mich«.

Trotz aberwitziger Verbote und Anfeindungen wirkt solche Kunst häufig als Einladung, etwas zu verändern – im Wahrnehmen, Denken und mitunter sogar im Handeln. Wolfram P. Kastner macht Kunst, die stört und sich einmischt; Kunst, die sichtbar macht, was sonst nicht zu sehen ist. Seine Kunst provoziert Nachdenken und Diskussion, nicht selten auch Widerspruch, Verbote und sogar Strafanzeigen.

Das 1995 von ihm gegründete Institut für Kunst und Forschung ermöglicht interdisziplinäre Kunst und Forschung, das insbesondere auf Wahrnehmungsgewohnheiten und Sehstörungen aufmerksam macht, und Methoden ästhetischer Intervention untersucht und realisiert. In der Kunstsprechstunde informierte Kastner über seine Interventionen. Aus aktuellem Anlass schilderte er auch das zähe Ringen um die Auflösung des »Jodl-Grabs« auf der Fraueninsel. Hier wurde er mehrmals tätig, brachte eine Tafel an, auf der er das Verbrechen Jodels an Hunderttausenden Menschen, die durch eine Hungerblockade starben, publik gemacht hat. Als diese dann vom Landratsamt entfernt wurde, griff er zu anderen Maßnahmen, wie z. B. roter Farbe.

Aber auch über viele andere interessanten Aktionen in der Öffentlichkeit, zu politischen Themen wie Gewalt, Ausgrenzung berichtete der Aktionskünstler. Im Anschluss diskutierte er mit den zahlreich erschienenen, kompetent Fragen stellenden Gästen. Einig war man sich darüber, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen, und die Sprache auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Verschleierungsversuche – insbesondere auf Gedenktafeln – zu untersuchen. fb