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Voraussetzungen, Möglichkeiten und Chancen für Interventionen: Eine Gesprächsrunde im »Kunstschutzraum« in Traunstein

Kunst im öffentlichen Raum

Die Rosenheimer Architekten Maria und Rudolf Finsterwalder errichteten eigens für die Gesprächsrunde »Kunst im öffentlichen Raum« einen »Meetingpoint« im Park am Wochingerspitz.

Im »Meetingpoint« am Wochingerspitz machten sich die Teilnehmer der Gesprächsrunde Gedanken zum Thema »Kunst im öffentlichen Raum«. (Foto: Stahl)

Der »Pavillon« wurde aus Polyethylenfolie, einfacher ausgedrückt aus »Frischhaltefolie«, hergestellt. Die Finsterwalders umwickelten gebogene Eisenstäbe mit der Folie. Eine transparente, begehbare Skulptur entstand, quasi ein »Kunstschutzraum« für die Gesprächsrunde, zu der etwa 30 interessierte Besucher kamen.

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Oberbürgermeister Christian Kegel als Vertreter der Stadt Traunstein präsentierte zwei Broschüren, die künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum in Traunstein dokumentieren: »5 Jahre Kunst im Park« und »Kunst in der Tiefgarage«. Kunst sei eigentlich zunächst eine private Angelegenheit, die im geschlossenen Raum stattfinde. Im öffentlichen Raum könne sie aber den Blick öffnen, verändern, stellte Christian Kegel fest. Kunst verändere die Wohnung, aber dann natürlich auch die öffentlichen Räume, deren künstlerische Gestaltung der Stadt sehr am Herzen liege.«

Der Gesprächsrunde vorausgegangen war die 10. Kunstsprechstunde im HANDarbeitWERKraum, in der Karl-Heinz Einberger Projekte der Künstlergruppe netzhalde einem interessierten Publikum vorstellte, die auch im Hinblick auf die 2022 stattfindende Landesgartenschau interessant waren.

Die Leiterin der Städtischen Galerie, Judith Bader, hatte verschiedene Gäste zu der Gesprächsrunde zum Thema »Kunst im öffentlichen Raum« eingeladen. Es sollte über Voraussetzungen, Möglichkeiten und Chancen für künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum gesprochen werden. Prof. Karl-Heinz Einberger (Lehrstuhl für Gestaltungsgrundlagen und künstl. Praxis, Hochschule Weihenstephan Triesdorf), Rudolf Finsterwalder (Architekt aus Rosenheim; Hrsg. des Werks: »form follows nature«) und Prof. Elisabeth von Samsonow (Ord. Universitätsprofessorin für Philosophische und Historische Anthropologie der Kunst, Akademie der Bildenden Künste Wien) und Dr. Birgit Löffler, Leiterin des »DASMAXIMUM«, Museum für moderne Kunst in Traunreut, kamen sehr schnell in ein fundiertes Gespräch über Sinn und Zweck von Kunst im öffentlichen Raum.

Prof. Elisabeth von Samsonow legte zunächst ihre Sicht auf den Begriff des öffentlichen Raums im historischen Wandel dar. Es waren sich alle Teilnehmer einig, dass öffentlicher Raum eine Abgrenzung bedeutet zwischen privat und öffentlich, zwischen innen und außen. Zunächst gab es in der Kunst im öffentlichen Raum vor allem das Monument, Reiterstandbilder, Statuen von Herrschern. Nach dem Krieg stellte sich dann eine »Krise des Monumentalen« ein.

Im weiteren Gespräch wurde von Karl-Heinz Einberger der Wandel im heutigen Verständnis aufgezeigt. »Auf dem Sockel der Monuments haben wir heute alle gar keinen Platz«, waren seine Worte und er meinte damit die Demokratisierung der Kunst: »Wir alle sind Teil des öffentlichen Raumes!«

»Kunst ist ein Katalysator«, sagte Judith Bader. »Wem gehört eigentlich der öffentliche Raum?« Kunstwerke, die mit Interventionen der Allgemeinheit arbeiteten, seien auf die Verdeutlichung bestimmter gesellschaftlicher Prozesse ausgerichtet. Konkret sprach sie die »Whitewalls« von Karl-Heinz Einberger an, die als aktuelle Kunst im Park am Wochingerspitz installiert waren. Einberger umwickelte Baumgruppen mit weißer opaker Stretchfolie, dabei halfen ihm Schüler der Mittelschule Traunstein. Noch am Morgen der Gesprächsrunde half ein Schüler mit, die Umwicklungen wieder zu erneuern, die die Tage zuvor zerstört worden waren.

Rudolf Finsterwalder brachte einen weiteren Gedanken in die Gesprächsrunde: »Kunst im öffentlichen Raum schafft Aufbrüche.« Deshalb nehme die Kunst eine Sonderstellung ein, was Architektur und andere Disziplinen nicht vermögen. Heutzutage sei der öffentliche Raum vor allem durch Werbung, Reklame und Schilder besetzt, stellte Judith Bader fest. Hierbei handele es sich um scheinbare ökonomische Notwendigkeiten. Elisabeth von Samsonow meinte darauf, wir müssen uns jeden Zentimeter Raum »herausbrechen« und neu gewinnen. Obwohl sich Architekten und Stadtplaner darüber Gedanken machen, wie öffentliche Räume belebt werden können, seien diese immer weniger gefragt.

Der Gedanke Judith Baders, die Form fordere den Inhalt heraus, entwickelte das Gespräch weiter. Etwas ganz Wichtiges sei das Gehen im öffentlichen Raum, stellte Rudolf Finsterwalder fest. »Das Gehen muss erleichtert werden!« Dadurch würden öffentliche Räume sozialisiert und zu neuen Zentren belebt. Die Gespräche, die dann stattfinden, wie auch hier in Traunstein, als er den Pavillon aufbaute, seien unglaublich wichtig und würden ein neues Bewusstsein schaffen.

Helmut Mühlbacher meinte, die Kommerzialisierung sage uns, was wir zu tun hätten, wie wir unsere Freizeit zu verbringen hätten, und wo wir uns in den öffentlichen Räumen aufhalten können. Es gäbe aber keine Frage nach der Qualität des Aufenthalts. Elisabeth von Samsonow stellte hier das Museumsquartier in Wien entgegen, das zum »Spielplatz« der Wiener geworden sei, man gehe bewusst ins Museumsquartier, um sich zu entspannen, zu erfreuen, zu treffen. Judith Bader stellte die Frage nach der Form, der Gestaltung der Objekte im öffentlichen Raum und leitete zum jüngsten Projekt des Museums »DASMAXIMUM« in Traunreut über. Dessen Direktorin Dr. Birgit Löffler erläuterte das von Joseph Beuys 1982 auf der Kasseler »dokumenta« begonnene Kunstprojekt »7000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung«, das nun in Traunreut eine Fortsetzung finden solle. Heiner Friedrich, der Stifter des Museums »DASMAXIMUM.Kunstgegenwart« hat 23 Basaltsteine erworben, die jetzt in Traunreut mit je einer Eiche einen würdigen Platz im öffentlichen Raum finden sollen.

Ein wunderbares Schlusswort, wie die Moderatorin Judith Bader feststellte, sprach dann Rudolf Finsterwalder: »Kunst darf etwas, was andere Disziplinen nicht dürfen. Kunst kann aufbrechen und deshalb kann Kunst etwas bewegen. Alle müssen zusammenhalten und zusammenarbeiten, um Sehweisen zu verändern. Deshalb ist Kunst so wichtig!« Herbert Stahl