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Kunst ist die Nabelschnur zum Göttlichen

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Nikolaus Harnoncourt war ein großer Fragensteller. (Foto: Styriarte/Werner Kmetitsch)

»Trauer und Dankbarkeit sind groß. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit.« So schreiben die Verantwortlichen des steirischen Kulturfestivals Styriarte auf ihrer Homepage. Deren Intendant Mathis Huber: »Es bleibt uns der Trost, dass er jetzt seinem Mozart und seinem Bach jene Fragen stellen kann, die auch er bis jetzt nicht beantworten konnte.«


Der Fragensteller. Ein solcher war Nikolaus Harnoncourt von allem Anfang an und er blieb es bis zuletzt. Als junger Cellist saß er im Orchester (ab 1952 bei den Wiener Symphonikern) und empfand instinktiv das Uneingelöste im damaligen Umgang mit der Musik. Die Logik: Er gründete ein Jahr später den Concentus Musicus Wien. Das Sammeln alter Musikinstrumente, das Erschließen alter Spieltechniken, vor allem die Suche nach der korrekten Phrasierung, nach den korrekten Tempi (die mit zunehmendem Alter erstaunlich langsam wurden): Das war zuerst sein Hauptinteresse.

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Die Langeweile war weg

»Ich sah im Barock eine aufregende bildende Kunst und hörte eine langweilige Musik«, so Harnoncourt in einem seiner ersten Pressegespräche in Salzburg, kurz nachdem er hier mit Monteverdis »L’incoronazione di Poppea« 1993 das erste Mal eine Oper bei den Festspielen dirigiert hatte. Die Langeweile war mit Nikolaus Harnoncourts Eintritt ins Konzertleben weg.

Dass er sich schließlich nicht linear von der Renaissance zum Barock in die Wiener Klassik vorarbeitete, machte ihn manchen auch verdächtig in der durchaus für apodiktische Haltungen anfälligen Alte-Musik-Szene. Harnoncourts Zugang war nur am Anfang einer ausschließlich von den historischen Quellen her. Oder anders gesagt: Die Annäherung unter Bedachtnahme auf die in der Entstehungszeit der jeweiligen Musik gebräuchlichen Mittel (instrumentenbautechnisch, spieltechnisch, stilistisch) war ihm auch damals eigentlich nur Ausgangspunkt. Harnoncourt fragte immer, wie das Publikum der Zeit auf die Musik reagiert habe, wie es von den Tönen angesprochen worden sei. Das hat den Dirigenten und Humanisten eigentlich immer davor bewahrt, falschen Dogmen aufzusitzen. Wie muss Musik klingen, dass sie heute in den Hörern entsprechende Gefühle auslöst: Das war Harnoncourts eigentlicher Ansatz.

Und so hat er sich eben nicht begnügt mit der »Alten« Musik. Zur Beschäftigung mit der Wiener Klassik kam fast folgerichtig Schubert. Harnoncourt, dem »Bildungsbürger« alter Schule, war auch deren humanistischer Wissenskanon nicht fremd, und er vermittelte mutig und auf seine Art glaubwürdig manchen heute etwas absurd anmutenden Stoff von damals (der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich etwa an Schumanns »Das Paradies und die Peri«). Und schließlich war da auch Harnoncourt, der Erzmusikant, der nicht nur die Wienerische Tanzmusik im Blut hatte: Bei der Styriarte hat er in seinem letzten Lebensjahrzehnt nicht nur so manche Offenbach-Operette, sondern auch »Die verkaufte Braut« und »Porgy and Bess« dirigiert.

Ein Nachruf reicht nicht, um von all dem zu erzählen, wo Harnoncourt als Interpret mitgemischt und wie er die Dinge auch aufgemischt hat. Die legendären Monteverdi- und Mozart/daPonte-Zyklen (Regie: Jean-Pierre Ponnelle) in den siebziger Jahren in Zürich waren Auftakt auch zu elementaren Opern-Erfahrungen mit ihm. Der Concentus Musicus Wien war quasi seine hohe Schule der Aufführungspraxis. Aber das Concertgebouworchest Amsterdam profitierte genau so von Harnoncourts undogmatischem Zugang, wie das Chamber Orchestra of Europe oder die Wiener Philharmoniker. 2001 und 2003 haben sie ihn sogar als Dirigenten des Neujahrskonzert eingeladen. Ein ultimativer Vertrauensbeweis.

Ab 1972 am Mozarteum

Von 1972 an unterrichtete Nikolaus Harnoncourt Aufführungspraxis und historische Instrumentenkunde als Professor am Salzburger Mozarteum. »Musik als Klangrede« – jenes Buch, dessen Titel man mit seinem Musizieren nach wie vor als erstes assoziiert – ist auch aus der Unterrichtstätigkeit heraus entstanden.

Ein zentraler Ort für viele dieser Projekte war die 1985 gegründete Styiarte. In Graz war Harnoncourt ja aufgewachsen. Bei der Styriarte dirigierte er unter anderem auch zum ersten Mal Schumanns »Genoveva«, Vorspiel und Liebestod aus Wagners »Tristan und Isolde« oder 2001 Verdis »Requiem«. 2003 kam mit Offenbachs »La Grande-Duchesse de Gérolstein« eine Oper hinzu, 2005 dirigierte er hier Bizets »Carmen«, 2008 folgte Mozarts »Idomeneo«, für den er auch als Regisseur verantwortlich zeichnete und der in nationalen und internationalen Kritiken stürmisch gefeiert wurde. Hier präsentierte er seine Schubert- und Beethoven-Zyklen. Über die Jahre waren seine Kirchenmusik-Exegesen in Stainz Konzerte mit Kultstatus.

Ein Kreis schloss sich

»Als vergangenen Sommer Beethovens Missa solemnis unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt am Pult seines Concentus Musicus Wien erklang, war in keinster Weise abzusehen, dass sich damit für die Salzburger Festspiele ein Kreis schließen sollte, der 1992 mit der Aufführung ebenjenes Werkes begonnen hatte«, schreiben die Salzburger Festspiele in einem Nachruf. Erst 1992 begann Harnoncourts Festspiel-Geschichte. »Denn zu seinen Lebzeiten wollte Herbert von Karajan ihn nicht bei den Festspielen sehen.«

Der Mozartwoche war sein erster Auftritt als Dirigent in Österreich zu verdanken, 1980 am Pult des Concertgebouw Orchesters Amsterdam. Auch für sein Debüt mit den Wiener Philharmonikern sorgte die Stiftung Mozarteum.

»Die Kunst ist eine Sprache, die Verborgenes aufdeckt, Verschlossenes aufreißt, Innerstes fühlbar macht, die mahnt – erzählt – erschüttert – beglückt… Die Schönheit in der Kunst schließt das Gegensätzliche ein und heißt Wahrheit und kann beklemmend sein«, postulierte Harnoncourt in seiner Rede zur Festspieleröffnung 1995.

Nikolaus Harnoncourts Bruder Philipp ist Priester und Theologe. »Wir Musiker«, sagte Nikolaus Harnoncourt einmal, »haben eine machtvolle, ja heilige Sprache zu verwalten. Wir müssen alles tun, dass sie nicht verloren geht im Sog der materialistischen Entwicklung. (...) Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage, sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet.«

Am 5. Dezember des Vorjahres, am Vorabend zu seinem 86. Geburtstag, hatte Harnoncourt in einem Brief seinen Abschied vom Konzertpodium erklärt. Vier Monate später, am 5. März 2016, ist er friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen. Reinhard Kriechbaum

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