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Kunst und Natur im Zusammenspiel und Widerstreit

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Der Raum im zweiten Stock der Städtischen Galerie wird von der Installation »Samsara« von Mizuho Matsunaga, die eigens für diese Ausstellung entstanden ist, dominiert. (Foto: Giesen)

Mit der Frage, wie in der Kunst mit der Natur umgegangen wird und wo dabei der Mensch steht – damit beschäftigt sich die neue Ausstellung »Kunstgriff! Natur als Konstruktion« in der Städtischen Galerie Traunstein.


Sieben Künstler mit völlig unterschiedlichen Ansätzen und in unterschiedlichen Ausdrucksformen befassen sich mit dem traditionsreichen Begriff »Natur«. In der Kunst hat der Begriff nicht nur eine wechselvolle Darstellungsgeschichte – im Landschaftsbild, Stillleben, Tier- und Pflanzendarstellungen –, sondern spiegelt immer auch das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, das von ganz unterschiedlichen Faktoren geprägt wird.

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Ausnahmsweise fange ich beim zweiten Stock der Städtischen Galerie an, wo die japanische Künstlerin Mizuo Matsunaga, in München wohnhaft, ihre beeindruckende Scherenschnitt-Installation »Samsara« aus Japanpapier zeigt, die sie extra für die Traunsteiner Ausstellung geschaffen hat: Samsara bedeutet im Sanskrit den ewigen Zyklus des Seins, den Kreislauf von Werden und Vergehen und den Kreislauf der Wiedergeburten in den indi-schen Religionen.

Den ganzen Raum dominiert ein, aus unzählig verschiedenen mit der Schere geschnittenen Stern- und Kreisformen zusammengefügter, kreisrunder Vorhang aus Japanpapier, der sich bei Zugluft leise bewegt und in dessen Inneren man sich aufhalten kann. Der »Vorhang« besteht aus sich wiederholenden, einzigartigen Teilelementen, die sich zu einer harmonischen Ganzheit runden und mit den Schattenwürfen an der Wand den ganzen Ausstellungsraum mit einbeziehen. Mizhuo Matsunaga, 1976 in Japan geboren, studierte dort und in Indonesien an mehreren Universitäten Bildende Kunst mit Bildhauerei und Design. »Samsara« steht als beeindruckendes Kunstwerk für sich und gleichzeitig kann darin ein Bild für den Anspruch der ganzen Ausstellung gesehen werden, der darin besteht, differenzierte Vielfalt als Einheit mit ihrer ganzen kunstspezifischen Schönheit und Asthetik aufzuzeigen und erlebbar zu machen«, erklärte Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie, in ihrer differenzierten Einführung in die Ausstellung bei der Vernissage.

Nachwachsende Kunst

Im hinteren Teil des gleichen Raumes zeigt der konzeptionell arbeitende Künstler Helmut Mühlbacher aus Traunstein seine Installation »natürlich künstlich«. Die vom Künstler in diesen Schriftzügen angesäte Kresse konnte schon bei der Vernissage von den Besuchern geerntet und auf Butterbroten verzehrt werden. Dann wird im Laufe der Ausstellung immer wieder nachgesät – der Wachstumsprozess beginnt von vorne. Was als purer Gag verstanden werden könnte, soll den Besucher vielmehr über den Gegensatz von natürlich und künstlich nachdenken lassen. Der konzeptionell arbeitende Künstler Helmut Mühlbacher, Jahrgang 1968, zeigt darüber hinaus seine Serie von 100 Foto-grafien mit von Menschen aufgestapelten Holzstapeln an unterschiedlichen Standorten, Jahreszeiten und Formen der Lagerung. Auch hier setzt er sich mit dem Spannungsfeld des »Natürlichen« und »Künstlichen« auseinander.

Zum Mitakteur kann der Ausstellungsgast nicht nur beim Kresseschneiden, sondern auch in einer der, im gleichen Raum zu sehenden, besonderen Arbeiten von Alessia von Mallinckroth werden. 100 rechteckige Holzkästchen beinhalten runde Glasscheiben, die mit schwarzen Pflanzensilhouetten bemalt sind. Die kleinen, wie Spielbausteine konstruierten Elemente, sind auf einem Lichtkasten übereinander gestapelt, sodass das von unten kommende Licht eine visuelle Überlagerung der verschiedenen Ansichten ermöglicht. Der Besucher wird nun aufgefordert, selbst in die von der Künstlerin vorgegebene Konstruktion einzugreifen und unter dem Motto »Ich mache mir ein Bild von der Natur« – in der Ausstellung metaphorisch und ganz wörtlich genommen – eine andere Sichtweise zu produzieren.

Im gleichen Raum wird der zweieinhalbminütige Videofilm »You are here« von Karl-Heinz Einberger aus Freising gezeigt, womit der Betrachter gedanklich die geschlossenen Räume des Ateliers oder der Galerie verlässt und sich in den Außenraum in die Natur begibt, wo die Installation als Intervention im öffentlichen Raum entstanden ist. Entscheidend ist der Standort des Betrachters, der sich in einem offen gebauten Labyrinth wieder-findet. Vom gegenüber liegenden Hang jedoch angeschaut, formt sich die Installation zu einem flachen, winzigen Quadrat eines QR-Codes, der, mit dem Smartphone gescannt, auf die Internetseite des Projekts führt und Infos dazu bereitstellt.

Aspekte von Ekel und Angst

Nun zum ersten Stock der Galerie: die manchmal verstörenden Arbeiten von Judith Egger aus München greifen Aspekte der Natur zwischen Idylle und Fluch auf. In ihrer Installation »Kranke Wand« thematisiert sie die auch von der Natur ausgehende Bedrohung, die beim Menschen oft Angst und Ekel hervorruft: die Wandfläche gleich neben der Türe ist mit künstlichen Spinnweben, Mehlwürmern, Pferdehaar, auch hergestellt durch Latex, Pastellkreide und Bleistift, verunstaltet.

Unkontrolliertes organisches Wachstum und parasitäre Organismen zeigt Judith Egger auch auf den Bildern im Gang der Städtischen Galerie. Auf der anderen Seite päsentiert Judith Egger in ungemein zarten, feinen Aquarellen mit dünnem Pinselstrich die Faszination einer geheimnisvollen und dem menschlichen Auge meist ver-borgenen Welt in der Natur. Die Aquarelle erinnern an historische Medizin- oder Biologielehrbücher, als es die Fotografie noch nicht gab. Judith Egger stammt aus einer Familie von Naturwissenschaftlern und absolvierte eine Ausbildung zur Holzbildhauerin in Oberammergau, dann ein Studium für Kommunikationsdesign am Royal College of Art in London.

Während Judith Egger ihre Bildanregungen zwar aus den Naturwissenschaften bezieht, aber rein fiktionale, ausgedachte, organische Systeme zeigt, konfrontiert die aus Kammer bei Traunstein stammende Eva Elisabeth Wallner den Besucher mit Fundstücken aus der realen Tierwelt – womit sie allerdings wohl ebenso Reaktionen von Anziehung und Abstoßung hervorruft. Die Künstlerin fügt der Natur, die üblicherweise mit Wachstum und Leben assoziiert wird, den Tod als notwendiges Beiwerk hinzu: Ihr künstlerisches Material sind dabei präparierte tote Tiere – Insekten, Schmetterlinge, eine Hummel, aber auch Zähne, ein Fuchsfell etc., die zum Teil auf dem Parkettboden, teils in mit rotem Samt ausgelegten Glasvitrinen präsentiert werden.

Meist serscheint ihr künstlerischer Zu- und Eingriff minimal, kann aber für die Wahrnehmung und den Erkenntnisgewinn von maximaler Bedeutung sein: in das Fuchsfell hat Wallner zum Beispiel die Konturen ihrer eigenen Hand einrasiert, vergoldete Insektenflügelchen, eine tote Hummel mit den »Augen« aus den Flügeln eines Schmetterlings als ästhetisch anspre-chendes Ornament. In der Arbeit »Mein Raubtier« geht die Verschmelzung noch weiter: Die Zähne eines Fuchses sind nach der Vorlage der Eckzähne der Künstlerin abgeschliffen und präpariert worden. Eva Elisabeth Wallner, die heute in Berlin lebt, ist die Jüngste der ausstellenden Künstler. Sie wurde 2008 mit dem Oberbayerischen Kulturförderpreis ausgezeichnet.

Das Einswerden mit der Natur spielt auch eine große Rolle bei den auf Video gezeigten Performances der aus Neubeuern stammenden, heute in Wien lehrenden Professorin für philosophische und historische Anthropologie der Kunst, Elisabeth von Samsonow. Die Videos mit dem Titel »in the forest« und »Urpflanzen Arie«greift die Künstlerin und promovierte Philosophin Goethes Idee der Urpflanze auf, aus der die Baupläne aller Pflanzen herzuleiten seien, so wie auch alle Sprachen aus einer Ursprache entstanden sein könnten. Das fast 16 Minuten dauernde Video zeigt das performative Zelebrieren der Ursprache, begleitet von einem Urpflanzensound, der auf das Wechselspiel von sprach- und objektgestützter Wahrnehmung hinweist.

Oberbürgermeister Christian Kegel eröffnete die Ausstellung mit einem wie für die Ausstellung geschriebenen Vers aus einem Goethe-Gedicht aus dem Jahr 1800. »Natur und Kunst«: »Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen/ Und haben sich, eh man es denkt, gefunden;/ Der Widerwille ist auch mir verschwunden,/ Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.« Das Stadtoberhaupt würdigte sowohl die Arbeit der Künstler für diese einmalige Ausstellung als auch das außergewöhnliche Engagement der Leiterin der Städtischen Galerie, Judith Bader, immer wieder so innovative Ausstellungen für Traunstein zu organisie-ren.

Die Ausstellung »Kunstgriff! Natur als Konstruktion » ist bis zum Ende der Chiemgauer Kulturtage am Sonntag, 28. Juni, jeweils mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen von Gruppen sind nach Absprache jederzeit möglich, Telefon 0861/164319. Christiane Giesen