Landkreis eröffnet eigene Krisenwohnung

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Landrat Bernhard Kern, Willi Handke, Polizeichef in Berchtesgaden und für den gesamten Talkessel zuständig sowie Polizeihauptkommissar Leo Hasenknopf, Sachbearbeiter »Häusliche Gewalt«, zu Besuch in der ersten und einzigen Krisenwohnung im Landkreis. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgadener Land – Landrat Bernhard Kern zeigte sich sichtlich erfreut: Neben dem Frauenhaus Rosenheim-Traunstein gibt es nun auch eine Krisenwohnung für das Berchtesgadener Land. Dort sollen weibliche Opfer häuslicher Gewalt Zuflucht finden. 55 Quadratmeter ist diese groß, vollständig saniert. Die Erzdiözese München und Freising finanziert die Unterkunft bis Ende 2024 mit 100.000 Euro.


Zwei Wochen lang haben Sabine Weiß von der Interventionsstelle Pro aktive Beratung und ihr Ehemann in der 55 Quadratmeter großen Drei-Zimmer-Wohnung verbracht, haben Schränke und Bett aufgebaut, sich um die Küche gekümmert. Der Fußboden wurde neu verlegt. Sabine Weiß ist Traumafachberaterin, kennt jene Frauen, denen in der Beziehung Gewalt widerfahren ist. Sie arbeitet für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Südostbayern und hat sich seit Monaten dafür eingesetzt, dass auch im Berchtesgadener Land für bedrohte Frauen und deren Kinder eine Wohnung zur Verfügung steht.

»Die Wohnung ist richtig schön geworden«, lobte Landrat Bernhard Kern, der bereits im vergangenen Jahr Unterstützung zugesichert und die Notwendigkeit eines Zufluchtsortes erkannt hatte, was auch im Kreisausschuss Thema war. Maximal vier Wochen sollen Frauen hier unterkommen können. Die Wohnung bietet Platz für zwei Frauen und vier Kinder und bietet alle Annehmlichkeiten einer neu eingerichteten Wohnung. Deren genauer Standort soll anonym bleiben, zum Schutz der Frauen. Sabine Weiß hat im vergangenen Jahr rund 60 Frauen »pro-aktiv« beraten. Sie arbeitet dabei eng mit den Polizeiinspektionsstellen im Berchtesgadener Land und in Traunstein zusammen. Seit diesem Jahr existiert zudem eine Beratungsstelle »Häusliche Gewalt«, die Landkreis-übergreifend zuständig ist. Stimmen Frauen der Weitergabe ihrer Kontaktdaten zu, gibt die Polizei diese an Sabine Weiß weiter. Sie meldet sich dann bei den Betroffenen, die in der Regel aus dem Leben erzählen, auch von der Gewalt, die ihnen widerfahren ist.

Betrifft jede dritte Frau

Laut Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Südostbayern ist jede dritte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens »mindestens einmal von physischer, psychischer oder sexualisierter Gewalt betroffen«. Eine Krisenwohnung sei eine notwendige Einrichtung, zumal die Corona-Pandemie das Zusammenleben auf engem Raum nicht gerade gefördert hat.

Die Dunkelziffer häuslicher Gewalt sei nicht bekannt, sagt Polizeihauptkommissar und Dienststellenleiter der Inspektion in Berchtesgaden, Willi Handke. Polizeihauptkommissar Leo Hasenknopf, Sachbearbeiter »Häusliche Gewalt« im südlichen Landkreis, hat im vergangenen Jahr rund 20 Fälle häuslicher Gewalt begleitet. »Ich mache das jetzt schon seit über 20 Jahren«, sagte er. »Es gibt fast nichts, was ich noch nicht erlebt habe.« Gesehen habe er dabei beinahe alles: Frauen, die unterdrückt werden, Ohrfeigen bekommen und verprügelt werden, bis hin zur Vergewaltigung. »Rund drei Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind Männer«, weiß Hasenknopf. Der Anteil sei zwar gering, aber existent.

Männer, die ihre Frauen kontrollieren, das Smartphone durchstöbern, über die finanziellen Mittel bestimmen und ihnen nur wenig Freiraum für soziale Kontakte lassen, bestimmten das Bild. Oft spielt massiver Alkoholkonsum eine Rolle. »Das spielt sich meistens alles in den eigenen vier Wänden ab«, sagte Weiß. Nach außen hin präsentierten sich die Ehemänner »meist lieb und als Vorzeigefamilie«.

Heile Welt nach Außen

Psychische Gewalt in Form von Beschimpfungen und Erniedrigungen wandeln sich oftmals in körperliche Gewalt. Viele ihrer Klientinnen aus der Vergangenheit hatten Blessuren und Hämatome, waren massiven Schlägen ausgesetzt. Gewalt kann auch auf die Kinder abfärben: Kürzlich hatte Sabine Weiß einen Fall, bei dem der Mann nach Gewaltanwendung inhaftiert wurde. »Jetzt schlägt der Sohn die Mutter.«

Um aus dem Albtraum flüchten zu können, Zeit zu haben, sich neu umzuschauen, dafür steht ab sofort die Krisenwohnung zur Verfügung. Darin befindet sich auch ein Beratungszimmer, in dem Weiß mit Klientinnen die nächsten Schritte bespricht, ihnen zuhört, für die Zukunft plant. Fünf Wochenstunden sind für die Beratung eingeplant. »Ein zentrales Ziel ist, dass wir die Selbstständigkeit der Frauen fördern und sie dauerhaft in eine eigene Wohnung vermitteln können«, sagte Iris Hinkel, Geschäftsführerin des Sozialdienstes katholischer Frauen Südostbayern.

Die 100 000 Euro der Erzdiözese München und Freising sichern den Bestand der Krisenwohnung für die nächsten dreieinhalb Jahre – bis Ende 2024. »Dann müssen wir Gespräche aufnehmen, wie es weitergeht«, so Landrat Bernhard Kern. Dass die Wohnung auch über das Jahr 2024 hinaus angemietet bleibt, daran zweifelt keiner. »Dann müsste es häusliche Gewalt nicht mehr geben. Das ist aber mehr als unwahrscheinlich«, sagte Hinkel. Kilian Pfeiffer