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Foto: Symbolbild, pixabay

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber äußert sich zur Ansiedelung des Wolfes

Traunstein/Berchtesgadener Land – Noch steht nicht fest, ob nur ein Wolf oder mehrere für die Schafsrisse in den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein verantwortlich sind. Das verantwortliche Tier habe jedenfalls seine natürliche Scheu verloren, sagt die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber im Interview. Die Ministerin, die in Bayerisch Gmain zu Hause ist, fordert, dass der Wolf zum Abschuss freigegeben wird und rät allen Beteiligten, einen kühlen Kopf zu bewahren. Die 44-Jährige rechnet mit Klagen von Bund Naturschutz und Co.– Zum Abschuss freigeben


Frau Kaniber, Sie befürworteten bei einem Krisengespräch in Bergen den Antrag des Traunsteiner Landrats Siegfried Walch, den Wolf zum Abschuss freizugeben. Was bedeuten Weidetierrisse für betroffene Landwirte?

Michaela Kaniber: Wer auch nur ansatzweise mal den Alltag eines Landwirts beziehungsweise einer Landwirtin erlebt hat, wer gesehen hat, wie ein Landwirt die eigenen Tiere aufzieht und versorgt, kranke Tiere pflegt, auch, mit wie viel Herzblut ein Bauer die Tierhaltung betreibt, der kann ein gerissenes Tier nicht wie eine beschädigte Sache abhandeln. Es ist ein richtiger Schock, gerissene Tiere vor sich liegen zu haben. Erst recht, wenn sie noch leben und leiden müssen. Ein gerissenes Leittier kann langfristige Folgen für die ganze Herde haben. Der Wolf, der in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land unterwegs ist, hat offensichtlich seine natürliche Scheu verloren. Die Risse fanden großteils in Siedlungsnähe statt und in der Ortschaft Bergen ist er mitten durch das Dorf an beleuchteten Schaufenstern vorbeigezogen. Ein so übergriffiger Wolf muss entnommen werden können. Deshalb unterstütze ich ausdrücklich den Antrag von Landrat Siegfried Walch.

Hat der Wolf grundsätzlich einen Platz in Bayern? Wenn ja, wo und unter welchen Umständen?

Kaniber: Der Wolf ist artenschutzrechtlich geschützt und hat damit seine Berechtigung. Aber jeder, auch ein Wolfsbefürworter, muss sich die Frage stellen, wie viele Wölfe ein dicht besiedeltes Land wie das unsrige verträgt. Denn die Wolfspopulation nimmt jedes Jahr um 30 Prozent zu, weil Wölfe keine natürlichen Feinde mehr haben. Ich warne davor, das einfach so laufen zu lassen. Ich kämpfe seit Jahren dafür, dass der Schutzstatus des Wolfes in Brüssel abgesenkt wird, sodass übergriffige Exemplare künftig leichter entnommen werden können. Beim sogenannten »günstigen Erhaltungszustand« der Wolfspopulation ergibt es keinen Sinn, bei dessen Beurteilung an der Grenze von Deutschland haltzumachen. Der Wolf kennt eben keine Landesgrenzen. Deshalb fordere ich schon länger, dass wir zu einem staatenübergreifenden Monitoring kommen. Bei der Beurteilung müssen wir den ganzen Alpengürtel betrachten. Wir sind in einem guten Austausch mit Österreich, Südtirol und Slowenien. Wie mir der EU-Umweltkommissar bestätigt hat, muss die Bundesumweltministerin den günstigen Erhaltungszustand auf nationaler Ebene definieren und den europäischen Schulterschluss suchen.

Historisch begründet ist die Furcht vor dem Wolf schon bei Kindern groß. Befürchten Sie, dass Wölfe, die Schafe reißen, auch abschreckend für den heimischen Tourismus wirken könnten und inwiefern?

Kaniber: Das ist doch klar, dass sich die Menschen Sorgen machen, wenn ein Wolf um ihre Häuser zieht. Wer das nicht versteht, ist emotionslos – ja fast schon zynisch. Deshalb ist es absolut notwendig, dass wir den Wölfen Grenzen aufzeigen. Sie sind sehr schlaue Tiere und lernen schnell, wo es für sie gefahrlos leichte Beute gibt. Sie müssen sich ihre natürliche Scheu erhalten und sie müssen erfahren, wo es für sie gefährlich wird. Der Wolf kann massive Auswirkungen auf den Tourismus haben. Wenn die Almen nicht mehr mit Weidetieren bestoßen werden, verbuschen die Almen. Es wird dann die Landwirtschaft auf den Almen und einen Tourismus in der jetzigen Form nicht mehr geben. In der Folge davon müssten wir uns dann dort auch von der herausragenden Biodiversität verabschieden. Der herrliche Anblick unserer Almen würde sich verändern. Unsere Heimat bekäme ein anderes Gesicht.

Sie hatten Gelegenheit, mit heimischen Landwirten über deren Sorgen zu sprechen. Was sagen die?

Kaniber: Natürlich machen die sich große Sorgen um ihre Tiere und letztlich um die eigene Existenz. Der Staat bietet zwar viele Hilfen beim Herdenschutz an, und ich kann nur raten, diese Hilfen in Anspruch zu nehmen. Aber man darf nicht vergessen, dass der Aufwand für die Almbauern trotz der Hilfen deutlich steigt. Da wird es für manchen Betrieb dann noch schwierig, wirtschaftlich rentabel zu arbeiten. Denn am Ende müssen die Familien von den Erträgen leben können. Die Situation der Familienbetriebe kann ich nur zu gut nachvollziehen. Als Landwirtschaftsministerin mache ich mir zudem viele Gedanken um die Zukunft der Weide-, Freiland- und Offenstallhaltung. Die Gesellschaft wünscht sich insgesamt tiergerechte Haltungsformen und dass die Tiere mehr Zeit auf der Weide verbringen. Aber gleichzeitig steigt die Gefahr auf den Almen und Weiden. Da muss auch die Natur- und Tierschutzseite Antworten liefern. Ich verstehe nicht, warum manchem Wolfsbefürworter das Schicksal der anderen Tiere egal ist. Anfang der Woche habe ich mit Bauern in Bergen im Landkreis Traunstein gesprochen. Das gleiche Angebot habe ich aber auch in Marktschellenberg und Schönau am Königssee gemacht. Ich stehe jederzeit zur Verfügung.

Sie wollten sich auch mit Ministerpräsident Söder und Umweltminister Thorsten Glauber über den Wolf austauschen?

Kaniber: Selbstverständlich bin ich mit Ministerpräsident Markus Söder und meinem Umweltkollegen Thorsten Glauber in einem guten und intensiven Austausch.

Wieso ist es politisch so schwierig, einen wildernden Wolf zum Abschuss freigeben zu lassen?

Kaniber: Wölfe sind in Deutschland in Anhang IV der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) gelistet und daher besonders geschützt. Die europäischen Vorgaben werden national im Bundesnaturschutzgesetz umgesetzt. Danach sind alle absichtlichen Formen des Fangs oder der Tötung gesetzlich verboten. Aber im Bundesnaturschutzgesetz sind unter strengen Voraussetzungen auch Ausnahmen möglich. Das Gesetz erlaubt eine Entnahme unter anderem bei drohenden ernsten landwirtschaftlichen Schäden und im Interesse der Gesundheit des Menschen und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Es darf jedoch keine zumutbare Alternative wie zum Beispiel Herdenschutzmaßnahmen geben. Und die Entnahme darf die positive Entwicklung der Population nicht beeinträchtigen. Trotzdem sind nach meinem Dafürhalten bei dem übergriffigen Wolf mit seinem atypischen Verhalten die Voraussetzungen erfüllt. Denn bei uns sind die meisten Höfe, Almen und Weiden nicht schützbar. Wir brauchen jetzt einen kühlen Kopf. Ich hoffe auf eine klare Ansage der Regierung von Oberbayern und des Umweltministeriums.

Krisengespräche – und noch immer keine Abschussgenehmigung, sagen die einen. Und fordern schnelles Handeln. Leidet dadurch das Vertrauen in die Politik? Was muss jetzt passieren, damit Landwirte wieder Zuversicht gewinnen?

Kaniber: Mir ist völlig klar, dass sich die Menschen angesichts des Gefahrenpotenzials, das von diesem Wolf ausgeht, schnelle Lösungen wünschen. Ich wünsche mir das auch und meine Position dazu ist jedem bekannt. Aber natürlich leben wir in einem Rechtsstaat und die Entscheidung muss bestmöglich auf der Grundlage der Gesetze und Vorschriften vorbereitet und getroffen werden. Die Entscheidung muss fachlich und rechtlich gut begründet sein. Denn wie Medien berichten, behalten sich der Bund Naturschutz und andere Umweltorganisationen bereits Klagen gegen die Entscheidung vor. Und dann läge alles bei den Gerichten.

Kilian Pfeiffer