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11. Traunsteiner Gitarrenkonzert in opulenter Form mit Ahmed El-Salamouny und Adam Rafferty

Latin-Music trifft auf Harlem-Fingerstyle

Für ihr 40-jähriges Bestehen hat sich die Musikschule der Stadt Traunstein heuer einen Reigen besonderer Konzerte vorgenommen. Sie eröffnete ihn mit einem Abend im Rathaussaal mit zwei hochkarätigen Schwergewichten der internationalen Gitarrenszene unter dem Titel »Guitar Groove Night«, mit Ahmed El-Salamouny und Adam Rafferty.

Ahmed El-Salamouny und Adam Rafferty bei der Zugabe »Orfeu Negro«. (Foto: Kaiser)

Der Deutsch-Ägypter El-Salamouny, einer der etablierten Vertreter der Latin-Music, seit 20 Jahren Leiter des Internationalen Seminars für brasilianische Musik in Salvador, der »Ägypter, der Gitarre wie ein Brasilianer spielt«, eröffnete den Abend. Der Stadt Salvador widmete er sein gleichnamiges Stück in aufreizendem Rhythmus; auch »Bambu«, eine kleine, behutsame und stimmungsvolle Impression aus dem brasilianischen Urwald, war eine Eigenkomposition. Zwei Stücke von Antonio Carlos Jobim führten ins Zentrum brasilianischer Gitarrenmusik, das nachdenkliche »Modinha« und das enorm rhythmische »Agua de beber«.

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Zwei Tanzformen, ein Baiao (Sao Jorge) und ein Choro (Xodo da Baiana), entstanden aus der Fusion der europäischen Polka mit der Musik der afrikanischen Sklaven, ergänzten diese Stilrichtung, der wiederum Eigenkompositionen folgten: »Without you«, mit der sich Ahmed nach seiner Freundin in Brasilien sehnte, und »Brisas do mar«, mit der er das Publikum nach Brasilien versetzen wollte und konnte. Grannu, ein Choro von Joao Pernambuco mit vielen improvisatorischen Elementen, leitete über zu »Crystal Voyager«, das die Stimmung eines faszinierenden Surferlebnisses zauberhaft einfing, und zu Calunga, einer Schilderung eines Tages des brasilianischen Karnevals vom erwachenden Morgen bis zur rauschenden Nacht, eindrucksvoll und realistisch, und das alles »nur« mit einer Konzertgitarre, die lediglich über ein Mikrofon verstärkt wurde. Mit einem vor Witz sprühenden und im Rhythmus elektrisierenden Stück Musik entließ dieser Musiker, dessen Rechte wohl wusste, was die Linke tat, seine Zuhörer in die Pause.

Nach dieser enterte Adam Rafferty das Podium und bewies ebenbürtige Musikalität und Fingerfertigkeit, nur eben abgestimmt auf seinen Musizierstil auf Stahlsaiten und mit einem recht ansehnlichen elektronischen Equipment, das ihm erstaunliche Effekte ermöglichte. Als Straßenmusikant in Harlem rappte er sich zu einer goldenen Schallplatte durch, tourte mit Jazz-Ensembles. Seit 2006 feiert er als Fingerstyle-Solist große Auftritte. Er begann seine »Halbzeit« mit »Mas que nada« und verband es konsequent mit »Tequila« – passte! Als gewiefter Entertainer setzte er neben der lockeren Leichtigkeit seines Spiels seinen Kehlkopf und seine Zunge verblüffend echt als »Human Beatbox« ein.

Eine Blues-Hommage an Ray Charles (Adam hat den Blues!) gelang ihm genau so wie gefühlvolle Balladen oder ein aggressives Rock‘n’Roll-Stück in der Nachfolge von Led Zeppelin und Pink Floyd – da lebte er seine Vorliebe für Show-Effekte, die er locker beherrscht, genüsslich aus. »Misty«, ein Jazz-Standard von Erroll Garner mit seiner aufregend-mitreißenden Walking Bass-Linie, und das Lied »Killing me softly with his Song«, das Roberts Flack berühmt gemacht hatte, gerieten ihm gleichermaßen eingefühlt.

Bei »Superstition« von Stevie Wonder, das sich mit den verschiedenen Formen und den Folgen des Aberglaubens befasst, nützte er die Möglichkeiten seines Instruments (plus Elektronik) dermaßen aus, dass man meinte, eine ganze Band zu hören, und setzte das Publikum unter Starkstrom. Danach war es Zeit für ein »Publikum-Mitmach-Stück« (»Billie Jean« von Michael Jackson), bei dessen gefordertem 3-Töne-Motiv sich die Traunsteiner Gitarrenfans als Backgroundsänger nicht schlecht hielten.

Was viele (oder wohl alle) Zuhörer gehofft hatten, erfüllte sich. Die beiden Künstler taten sich zu einem gemeinsamen Stück zusammen und schenkten ihnen das Thema aus dem Film »Orfeu Negro«, der den antiken Mythos von Orpheus und Eurydike in die Gegenwart des Karnevals von Rio de Janeiro verlegt. Die Musik von Luiz Bonfá, ganz schlicht und ehrlich musiziert, war zum Andächtig-Werden schön. Engelbert Kaiser