Lawinenhundestaffel der Bergwacht absolviert ihren Winterkurs im geschlossenen Skigebiet Obersalzberg

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Foto: Leitner/BRK BGL

Berchtesgaden/Obersalzberg – Die diesjährige Ski-Saison am Obersalzberg bleibt für die Lift-Betreiber Erich und Markus Schalmoser und Stefan Amort trotz anhaltend hoher Betriebskosten aufgrund der Corona-Pandemie voraussichtlich komplett ohne Einnahmen. Trotz der eigenen schwierigen Lage hat das Trio die Not kurzerhand zur Tugend gemacht und den produzierten Kunstschnee und das ungenutzte Gelände rund um den Golfclub kostenfrei der Bergwacht-Lawinenhundestaffel für ihren Winterkurs zur Verfügung gestellt.


„Wir haben zwar einen erheblichen finanziellen Verlust, unsere Arbeit war aber dennoch nicht umsonst und kommt einem gesellschaftlich wirklich sehr wichtigen und für alle sinnvollen Zweck zugute!“, freut sich Amort, der den künstlich produzierten Schnee im Gegenwert von über 10.000 Euro vergangene Woche in einer fünfstündigen Aktion zu kompakten Haufen zusammengeschoben hatte, in denen die Hundeteams dann von Samstag bis Dienstag vier Tage lang intensiv die Suche nach verschütteten Winterbergsteigern trainieren konnten.

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Staffelleiter Stefan Strecker, sein Stellvertreter Achim Tegethoff und die Ausbilder Michael Partholl und Jörg Riechelmann waren trotz vorheriger Skepsis mit dem Ablauf des Kurses mehr als nur zufrieden. Aufgrund der strengen Corona-Auflagen der Bergwacht Bayern stand zunächst sogar eine Absage im Raum; an eine Übernachtung wie in den Vorjahren im Lenzenkaser auf der Reiter Alpe war trotz der zum Teil weiten Anreise der Hundeteams überhaupt nicht zu denken. Doch wo ein Wille ist, da ist bekanntlich auch immer ein Weg: Mit einem ausgefeilten Hygiene-Konzept konnte die Staffel dann die für die Einsatzbereitschaft nicht verzichtbare Mehrtagesübung ohne Qualitätseinbußen absolvieren – nicht zuletzt auch wegen der Initiative des Berchtesgadener Hundeführers Thomas Pöpperl und der durch ihn organisierten unkomplizierten Unterstützung durch das Team des Skigebiets am Obersalzberg. Stefan Strecker und seine Helfer teilten den Kurs in Kleingruppen mit weniger Teilnehmern auf, stellten vorab im Gelände ausreichend Abstand sicher und strichen die Übernachtung komplett. Die Mahlzeiten fanden im Freien mit großem Abstand an einzelnen Tischen statt, wobei ein lokaler Lieferdienst und die Familien der Teilnehmer dafür sorgten, dass niemand hungern muss.

„Die jeden Tag verlorene Zeit durch die für manche Teams doch recht weite Anfahrt konnten wir durch das gut erreichbare Anlage und die kurzen Wege auf dem Gelände am Obersalzberg wieder wettmachen“, berichtet Strecker. Da dadurch unerwartet mehr Durchgänge als sonst möglich waren, konnten die Ausbilder und Hundeführer noch gezielter vorhandene Schwächen analysieren und die Stärken der einzelnen Tiere mit individuellen Methoden fördern und weiterentwickeln. „Wir haben sehr leistungs- und triebstarke Anfänger-Hunde im A-Kurs, die ohne großen zusätzlichen Reiz die Suchaufgaben schon wirklich gut lösen! Bei den fortgeschrittenen Tieren versuchen wir durch Übung und Belohnung, dass sich die Hunde noch mehr auf die Aufgabe fixieren und nicht durch Stör-Faktoren wie andere Hunde, Skifahrer, Hubschrauber, Drohnen oder Wildtiere ablenken lassen“, erklärt Strecker. Am Sonntag mussten sich die Teams bei einer Übung in unbekanntem Gelände am Roßfeld bewähren.

Ein Lawinenhund ersetzt bei der Suche nach Verschütteten und Vermissten eine ganze Bergwacht-Mannschaft und sein Geruchsvermögen ist um ein Zigfaches besser wie das des Menschen: Nach wie vor ist der Einsatz von Hunden die effektivste Methode, um Lawinenopfer schnell und effektiv aufzuspüren. Bei der rund dreijährigen Ausbildung zum Lawinen- und Suchhund wird vor allem der Spieltrieb der Tiere genutzt. „Wir trainieren nicht den angeborenen Geruchsinn der Hunde. Wir bringen ihnen nur bei, dass sie die gestellten Aufgaben wesentlich einfacher lösen, wenn sie ihre Nase einsetzen“, erklärt Strecker, dessen Schäferhund-Rüde Zabo als voll ausgebildeter C-Hund zertifiziert geprüft ist. Neben jeweils einer Woche Sommer- und Winterlehrgang pro Jahr finden monatlich Übungen und Motivations- und Unterordnungstraining statt. Zusätzlich nimmt der Hundeführer in seiner jeweiligen Bergwacht-Bereitschaft an weiteren Übungen teil und trainiert nahezu täglich auch privat zu Hause mit seinem Vierbeiner die eingespielten Abläufe. Ein Lawinenhund kostet unzählige Stunden für Ausbildung und Übung und einige tausend Euro Unterhalt für Futter, Tierarzt und Einsatzausrüstung. Deshalb ist es für den Hundeführer das Größte, wenn sein Tier einen Einsatz erfolgreich meistert.

C-Hunde wie Zabo arbeiten flink und effektiv, lassen auf der Lawine Apparate wie Radar- oder Lawinen-Verschütteten-Suchgeräte (LVS) hinter sich; aber nicht jeder Hund taugt zum Suchhund: Chefausbilder Partholl schätzt die Tiere mit viel Ruhe und Erfahrung ein und testet sie ganz individuell mit verschiedenen Methoden. „Er liest jeden Hund anders“, erklärt Strecker. Das Tier braucht eine große Stress-Resistenz, muss aufs Wort gehorchen und körperlich absolut fit sein. Die Ausbildung der Hunde ist zeitintensiv, fordert viel Geduld, ist eigentlich nur etwas für echte Fanaten und nicht immer von Erfolg gekrönt. Nicht jedes Tier ist geeignet, und frühestens nach drei Jahren sind Hund und Herrchen fit genug für echte Einsätze – fünf Jahre später fallen die ersten Tiere bereits alters- und gesundheitsbedingt wieder aus. Viel Arbeit und Aufwand für eine kurze Zeit, in der der Vierbeiner nur mit viel Glück einen Verschütteten oder Vermissten lebend findet.

Bei einem Lawinenabgang mit Verschütteten zählt im Ernstfall jede Minute, und die feine Hunde-Spürnase ist trotz aller modernen Technik nach der Kameraden-Rettung nach wie vor die effektivste und schnellste Möglichkeit, unter den Schneemassen begrabene Menschen rasch und vielleicht noch lebend aufzuspüren. Etwa sieben Prozent der Verschütteten sind bereits beim Stillstand einer Lawine aufgrund ihrer schweren Verletzungen tot, bedingt durch Absturz oder die Wucht des Schnees. Auch mit vorhandener Atemhöhle ist nach einer halben Stunde etwa die Hälfte aller Lawinenopfer wegen Sauerstoffmangel tot; ohne Atemhöhle versterben 50 Prozent bereits nach 15 bis 20 Minuten. Nach einer dreiviertel Stunde sind statistisch betrachtet 75 Prozent der Verschütteten erstickt. Neben der schnellen Kameradenhilfe und gekonntem Umgang der Ersthelfer mit Notfall-Ausrüstung wie LVS-Gerät, Sonde und Schaufel ist vor allem entscheidend, dass die Suchhundeteams möglichst rasch zum Einsatzort gelangen: Im Ernstfall holt die Heli-Crew ein Suchhundeteam beim Anflug ins Einsatz-Gebiet meist zu Hause oder am Arbeitsplatz des ehrenamtlichen Hundeführers ab und setzt es dann im Schwebeflug oder per Winde am Lawinenkegel ab; zuletzt am 22. Januar 2021 (wir berichteten) bei der großen Lawine mit drei zum Teil schwer Verletzten im Staufenkar, wo „Christoph 14“ aus Traunstein Staffelleiter Stefan Strecker mit seinem Zabo auf die Lawine geflogen hat. Wenn das Wetter nicht mitspielt und Wolken und Wind einen Flug unmöglich machen, werden die Suchhundes-Teams so weit wie möglich per Seilbahn, mit Autos oder besonders geländegängigen Überschnee-Fahrzeugen auf den Berg gebracht, wobei die Retter dann weiter zu Fuß mit Skiern aufsteigen und im Anschluss auch durchs Gelände abfahren müssen.

Das vom Heli auf dem Lawinenkegel abgesetzte Suchhunde-Team ist in der ersten durchaus auch für die Retter riskanten Einsatzphase zunächst auf sich allein gestellt, und der Hundeführer entscheidet über die weitere Taktik: Während beim Hund das übers Spielverhalten antrainierte Such-Programm weitgehend automatisch an- und abläuft, ist der Bergwacht-Hundeführer Abschnittsleiter, Sondierer, Schaufler und Sanitäter in einer Person und muss neben der Lage-Erkundung zusätzlich noch seinen Hund mit Kommandos im Gelände über das potenzielle Suchgebiet führen. „Wegen der in kurzer Zeit nur sehr schwer zu erfassenden und einschätzbaren Risiken Grund genug, dass alle planbaren Abläufe und jeder Handgriff in Fleisch und Blut übergehen und bei einem scharfen Einsatz sitzen müssen“, erklärt Strecker.

Mit dabei waren heuer im Kurs auch wieder fünf Hundeteams der Alpinen Einsatzgruppe (AEG) der bayerischen Polizei; zwei haben den A-Lehrgang, einer den B-Lehrgang und zwei weitere den C-Lehrgang gemacht, da die Polizei wegen der Corona-Situation keinen eigenen Lehrgang durchführen konnte. „Wir profitieren sehr vom organisationsübergreifenden Erfahrungsaustausch“, sagt Strecker. Neben der praktischen Ausbildung gibt es in der Staffel Fach-Ausbildung durch Experten aus der Notfallmedizin, Tierheilkunde, Einsatztaktik, Bergrettung und Lawinenhunde. Am Lehrgang nahmen neben den Staffelleitern Stefan Strecker mit Zabo (C, Bad Reichenhall) und Achim Tegethoff mit Cira (B, Marquartstein), den Ausbildern Michael Partholl mit Xaver (A, Ramsau) und Jörg Riechelmann mit Enzo (C, Anger) und dem Helfer Kurt Becker (Berchtesgaden) auch die Suchhundeteams Thomas Pöpperl mit Lasko (C, Berchtesgaden), Ernst Bresina mit Lup (C, Bergen), Wolfgang Fehringer mit Samu (A, Inzell), Antonia Purrer mit Gustl (C, Marquartstein), Jürgen Triebler mit Asko (C, Marquartstein), Korbinian Conway mit Lana (B, Ruhpolding) und Andreas Lindner mit Juana (B, Ruhpolding) teil.

Markus Leitner/BRK BGL