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Inspirierend und facettenreich: Erste gemeinsame Lesung der »BGL-Autoren«

Lebendige Literatur aus der Heimat

Die BGL-Autoren (v.l.): Fredrika Gers, Ottmar Neuburger, Dr. Michael Prittwitz, Lisa Graf-Riemann, Ann-Kathrin Helbig, Barbara Titze, Daniela Brotsack und Christoph Merker. (Foto: Mergenthal)

Bad Reichenhall – Die Idee entstand bei einem lockeren Autorenstammtisch. Die kurzweilige erste gemeinsame Lesung von acht »BGL-Autoren« kam beim trotz EM-Halbfinale zahlreich erschienenen Publikum im Pavillon der Evangelischen Stadtkirche sehr gut an. Facettenreiche Genres und Stile, von Romanen über Krimis bis hin zu Wanderbeschreibungen, und faszinierenden Persönlichkeiten und Lebenswege zogen in Bann. Einer stellte jeweils den nächsten Vortragenden vor, so dass eine wohltuend entspannte Atmosphäre entstand und das Publikum auf jede einzelne Kurzlesung optimal eingestimmt wurde.


Drei Autoren kamen aus Schönau am Königssee: Mit Ann-Kathrin Helbig, der Jüngsten, die ihr BWL-Studium abbrach und 2013 der Sehnsucht ihres Herzens folgte, begaben sich die Zuhörer auf eine Expedition in die Mondlandschaft des Steinernen Meeres. Von der Praktikantin arbeitete sie sich beim Nationalpark zur Festangestellten hoch und ist jede freie Minute in den Bergen unterwegs. Ihre Faszination durch die urzeitlichen Formen und die erhabene Stille der Landschaft durchpulst ihre erfrischenden, flotten Schreibstil, nachzulesen auch im Berchtesgadener-Land-Blog.

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Auffällig ist, dass es oft ursprünglich »Fremde« sind, die das Liebenswerte des Berchtesgadener Landes in Sprache fassen. Die Hamburgerin, gelernte Bankkauffrau und ehemalige Schiffsmaklerin und Werbetexterin Fredrika Gers gab mit einem Ausschnitt aus »Frühjahrsputz« einen Einblick in ihre Alpenkrimi-Reihe »Holzhammer ermittelt«. Mit trockenem Humor und amüsierter hanseatischer Distanz hat sie lokalpolitische Aufreger wie die umstrittenen Hotelprojekte und Ladenöffnungszeiten am Königssee einbezogen. Das Publikum erlebte mit, wie sich zwei Raufbolde vor dem Mikro eines Reporters flugs zu imagebewussten Lokalpolitikern wandeln.

»Leichen liegen an besonders schönen Orten«

Der gebürtige Niederbayer Christoph Merker, auch Schreiner, Bildhauer, Buchverkäufer und Vorsitzender des Berchtesgadener Künstlerbundes, las aus seinem neuen Buch »Wer mordet schon am Königssee« mit elf Kurzkrimis aus dem ganzen Landkreis, von Laufen bis zum Königssee. »Natürlich liegen die Leichen an besonders schönen Orten«, verriet er schmunzelnd. Etwa in einem Wassertrog auf der Alm, wo das Brandner Katherl den toten Herrn Pfarrer in Lackschuhen und Anzug entdeckt. »Gilt ein toter Pfarrer so viel wie eine tote Kuh?«, fragte sich bei Merker Sennerin Mariedl und verneinte für sich diese Frage: Der festliche Almabtrieb war somit gerettet.

Die Reichenhaller Powerfrau Barbara Titze, die sich für viele soziale Projekte engagiert, gab einen Einblick in ihren ersten Roman »Die Brandstifterin«, der 1515 spielt. Passend zum 500. Geburtstag des Reinheitsgebots griff sie die köstliche Schilderung einer »Bierprüfung« heraus. Bierprüfer Hans musste heraus finden, ob dem Bier giftige Kräuter wie Stechapfel oder Bilsenkraut beigemischt sind. Dabei wurde reichlich Bier auf der Bank »verpritschelt«. Am Ende blieb die Hose von Hans nicht an der Bank kleben, der Beweis, dass im Bier auch nicht zu viel Zucker drin war.

Lungenfacharzt schreibt »persönliches Tourenbuch«

Der zweite Lokalmatador, Dr. Michael Prittwitz, auch Lungenfacharzt, Fotograf, Komponist, Bergmarathonläufer und Reisender, nahm die Besucher mit auf die Tour von Maria Gern auf den Berchtesgadener Hochthron, mit malerischen Impressionen vom Weg bei verschiedenen Jahreszeiten und Wetterlagen, eine Mischung aus Information und Erlebnisschilderung. Sein »persönliches Tourenbuch« erschien unter dem Titel »Bergerlebnis Berchtesgadener Land«.

In Marktschellenberg lebt und arbeitet das ursprünglich aus Passau und Simbach stammende Autorenpaar Lisa Graf-Riemann und Ottmar Neuburger. Graf-Riemann, Verfasserin von etwa 20 Sprach-Lehrwerken für Portugiesisch und Spanisch, kam über ihre Arbeit als Polizeidolmetscherin am Münchner Flughafen zum Krimischreiben, teils solo und teils mit Co-Autor Neuburger. Aus »Steckerlfisch« griff sie die augenzwinkernd gezeichnete Begegnung von Kommerzialrat Helmut Meißner, ein alter Unternehmer, und der neu ankommenden Freifrau Helene in einer Priener Seniorenresidenz heraus. Neuburger, der Physik und Literatur studiert hat und sein Geld früher in der IT-Branche verdiente, wählte eine Passage aus einem weiteren gemeinsamen Krimi, »Rehragout«, nämlich die zufällige Begegnung von Kommissarin Leni Morgenroth mit ihrem ersten Freund Max, »ein verwuschelter, übrig gebliebener Alt-Hippie«, nach einer Bergtour. Unvergessen sind für Leni die Zeiten, als sie Max beim für sie schrecklich öden Tuning seiner Fahrzeuge helfen musste. »Schlimmer waren nur noch die Probefahrten.«

Die niederbayerische Wahl-Bischofswieserin Daniela Brotsack, gelernte Schriftsetzer-Meisterin, begeistert sich für historische Tänze und Mittelalterfeste. In »Wege durch das Tal der Träume« schilderte sie Bräuche aus Ober- und Niederbayern, eingebettet in eine poetische Rahmenhandlung. In Bad Reichenhall blickte sie zurück auf Osterbräuche und den Georgiritt in Traunstein mit dem aus einem alten germanischen Brauch entstandenen Schwertertanz. Passend zum Reinheitsgebots-Jubiläum erfuhren die Besucher auch, wie die Biergärten entstanden sind. Jeder Autor verstand es, sich ansprechend zu präsentieren. In der Pause und danach herrschte reger Andrang am Büchertisch. Veronika Mergenthal