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Leer dein Herz in mein Glück

Ein nördliches Land, in dem Trolle, Berg-, Wald- und sonstige Geister einfach dazu gehören. Ein verzogener Bursch, selbstverliebt, rasend egoistisch und zugleich auserwählt ob seiner Fähigkeit, die ganze Welt Kraft seiner Phantasie aus den Angeln zu heben: Henrik Ibsens »Peer Gynt« ist ein Menschen-, Zauber- und Erlösungsmärchen.

Die englische Regisseurin Irina Brooks verwandelt die Salinenhalle auf der Perner-Insel mit nur wenigen Ausstattungstücken in einen poetischen Raum, der die Phantasie beflügelt: Ein paar Tische und Sessel, gelegentlich wird eine Bar gebraucht, an der Saalrückwand triumphiert William Blakes Gemälde »Glad Day« – damit hat es sich beinah schon.

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Getragen wird die Produktion von den wunderbaren Mitgliedern der Irina Brook Compagnie: Das sind vielseitigste Darstellerinnen und Darsteller, die nicht nur mit größter Wandlungsfähigkeit verschiedenste Rollen sprechen, sondern auch tanzen und singen. Als Rockgruppe überzeugen sie ebenso wie als Vertreter der traditionellen norwegischen Volksmusik. Allein in wie vielen Variationen und Klangfarben »Solveigs Lied« erklingt!

Es soll zwar nicht verschwiegen werden, dass die eine oder andere Gesangsnummer – etwa wenn man sich im Cowboy- und Western-Sound versucht – ein wenig lahm rüberkommt. In Summe ist die Musik meisterhaft eingesetzt, verstärkt die poetische Wirkung der ohnehin in ihrer szenischen Schlichtheit meist schon hochpoetischen Bilder. Theater, wie man es kaum zu träumen wagt, ist das: Theater, das mit der Poesie des Nichts verzaubert.

Die Peer Gynt-Fassung der Irina Brook Compagnie hat wohl auch ihre Längen, die man besonders beim prophetischen Deklamieren der mehr als simplen Selbstfindungs-Botschaften im zweiten Teil empfindet. Hier mangelt es denn doch ein wenig an ironischer Distanz. Dennoch schlägt das Pendel bei weitem zugunsten der Lesart von Irina Brook aus.

Wer ist dieser Peer Gynt? Faust, Fliegender Holländer, Tannhäuser, Don Juan, Weltenherrscher, Muttersöhnchen, Egoist und Zauberer, Wahnsinniger und Liebender: Persönlichkeitsmerkmale fast aller großen Männerfiguren der Weltliteratur sind im Charakter des norwegischen Bauernburschen aufzustöbern. Begleitet wird er Zeit auch seines Erwachsenen-Lebens von den Trollen, Hexen und sonstigen Märchenwesen (wie dem mysteriösen Knopfgießer), von denen ihm von der Wiege an die Mutter sang. In der Realität, in der auch einmal Verantwortung übernommen werden sollte, ist Peer Gynt nie angekommen.

Irina Brook hat sich für ihre »Fassung« weitgehend an die Struktur der »Vorlage« gehalten: Der Bericht von der Bocksjagd, die Entführung und prompte »Verstoßung« der Braut eines anderen, die drei Sennerinnen (Cowgirls), die Grüngekleidete und ihr Vater, der Trollkönig, oder, schon gegen Ende, der Leichenfledderer auf dem Schiff – alles vorhanden. Seinen Reichtum scheint der britische Peer dagegen nicht als Sklavenhändler zu erwerben, sondern als Rockstar. Keine üble Idee – »King of Rock« statt »Kaiser der Selbstsucht«: Das dürfte zwar das Zentrum der Brook'schen Botschaft sein – ist dennoch leider eine der plattesten und damit langatmigsten Passagen. Die Selbstvernichtungstendenzen von Plattenstars interessieren einfach nicht so richtig.

Ingvar E. Sigurdsson ist der Peer Gynt dieser Produktion: Er legt allein eine bewundernswerte sportliche Ausdauerleistung hin, hat zu rennen, zu kämpfen (mit Dämonen und Menschen), zu klettern, davon-zulaufen (ebenfalls vor Menschen und Dämonen und vor sich selbst), hat aber auch ausdrucksmäßig beinahe vier Stunden am oberen Ende der Emotionsskala zu agieren. Eine der bewegendsten Szenen: der alte, wieder zurückgekehrte Peer findet seine Mutter im Sterben liegend. Prompt besteigt er, wie als Knabe, die imaginäre Kutsche mit dem braven schwarzen Pferd und führt die Mutter im Triumph zum Palast – ihr so den Hinübergang mit seiner poetischen Imaginationskraft leicht machend. Eine bewundernswerte Schauspielerleistung.

Shantala Shivalingappa ist die Solveig – die Erlöserfigur – dieser Produktion: ein Wesen nicht von dieser Welt, eine Mutter Theresa und eine Schneekönigin zugleich. Als Grüne Frau und Tochter des Trollkönigs zeigt sie ein dämonisches Gesicht. Shantala Shivalingappas märchenhaft schöner Erscheinung, ihrem schwere- und oft wortlosen Vorüberschweben, ist ein Gutteil der zauberischen Poesie dieses Märchenwunders zu danken. Heidemarie Klabacher