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Laura Nicorescu als Euridice und Anthony Roth als Orfeo in Salzburg. (Foto: Anna-Maria Läffelberger/Landestheater)

Entsetzen? Beinahe. Befremden? Ganz sicher. Dieser Orfeo ist jedenfalls gar nicht glücklich darüber, dass seine Euridice zum zweiten Mal – und diesmal ohne Auflage – aus dem Schattenreich entlassen wird. Die bukolische Schäferidylle auf der Bühne des Landestheaters gefriert zur Beziehungswüste am Ende der europäischen Erstaufführung von »Orfeo²« in der Regie eines Teams.


Meist bekommt Euridice das Fett ab: Blöde Zicke, ruft man ihr innerlich nicht selten zu. Kann sie sich nicht denken, dass irgendetwas Besonderes im Busch sein muss, wenn der Geliebte im Totenreich aufkreuzt mit der göttlichen Lizenz, sie ins Leben zurückzuholen? Muss sie wirklich beleidigt spielen, weil der Göttergatte – mit dem Höllenhund auf den Fersen – nicht zum Turteln aufgelegt ist? In der Lesart des Regieteams um den Amerikaner Douglas Fitch hat Euridice allen Grund zum Zögern. Sie scheint genau zu spüren, dass Orfeo sie lieber tot im Schattenreich denn lebendig auf Erden sähe: Klage und Lamento sind für einen Sänger einfach effektvoller zu vermarkten denn banales Eheglück.

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Zu »Orfeo²« potenziert werden im Landestheater Christoph Willibald Glucks »Orfeo ed Euridice« und die zuvor aufgeführte gut zwanzigminütige Solokantate »The Orphic Moment« für Countertenor von dem jungen amerikanischen Komponisten, Dirigenten und Dichter Matthew Aucoin.

Dieser »orphische Moment« umfasst jene Sekunden in der Unterwelt, bevor Orfeo sich zu Euridice umdreht, wohl wissend, dass er sie damit für immer verlieren wird ... Er werde »singen jenseits der Freude der Trauer«, heißt es da. Oder: »Alle Seelen können dort leben in der Musik zwischen uns.« Wortmächtig und auch ein wenig gestelzt versucht der Künstler davon zu schweigen, dass er seine Partnerin bestenfalls als Muse, tatsächlich aber gar nicht an seiner Seite braucht.

Die Musik von Matthew Aucoin changiert effektvoll und klangsinnlich etwa zwischen Terry Riley und Phil Glass. Zwischen Solokantate und Oper erklingt Glucks Ballettmusik zu »Orfeo ed Euridice«. Diese geht freilich an den Ohren eher vorbei, weil dem Publikum vom Saalpersonal Pausenhäppchen im weißen Schachterl serviert werden. Damit sollen, so die Intention des Regieteams, die Zuhörer zu Gästen werden bei der Hochzeitsfeier von Orfeo und Euridice, während der die Braut von der Natter gebissen wird und stirbt – eine grundsätzlich reizende Idee, die aber die Konzentration eher stört als vertieft.

»Orfeo²« wurde zusammen mit dem Regisseur und Bühnenbildner Douglas Fitch, der Kostümbildnerin Irina Kruzhilina, dem Choreografen Zack Winokur und dem Videodesigner Pix Talarico realisiert.

Das Bühnenbild mit Kugelbäumchen ist so raffiniert naiv, dass man jederzeit »Bastien et Bastienne« darin spielen könnte. Aber beim »Abstieg« in die Unterwelt hält man den Atem an – dabei entschwebt das liebliche Rasenstück nach oben, während die Furien, Larven und Schatten »auftauchen« und dem verzweifelten Sänger mit ihrem »No« den Eintritt ins Schattenreich verwehren. Zunächst. Denn der Orfeo des amerikanischen Countertenors Anthony Roth Costanzo betört nicht nur die Wächter des Schattenreiches. Seine ganz dem Text geschuldet Phrasierung über den unendlich weit gespannten Melodielinien, sein ebenso samtweiches wie kristallklares Timbre, sein tragfähiges Pianissimo – eine Sternstunde der Gesangskunst.

Die viel weniger dankbare Rolle der Euridice gestaltet stimmlich souverän und darstellerisch bewegend Laura Nicorescu. Tamara Ivani gibt einen charmanten, stimmlich ebenfalls hervorragenden Amor, der das ganze Theater wenig ernst nimmt. Der Chor des Salzburger Landestheaters ist in jeder »großen Oper«, welchen Jahrhunderts auch immer, deutlich besser eingesetzt, wie in der subtil zwischen Barock und Klassisch changierenden »Reformoper«. Das allzu kräftige Vibrato in den Klagechören tat einfach weh, während die Ausbrüche der Furien, Larven und Schatten es durchaus vertrugen, ja effektvoll machte.

Matthew Aucoin, der Komponist des »Orphic Moment« als musikalischer Leiter am Pult des Mozarteumorchesters, hat seinerseits einen kräftigen Grundton angeschlagen, in dem dennoch immer wieder viele Instrumentalsoli zu feiner Wirkung kamen. Heidemarie Klabacher