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Leid durch Krieg und Gewalt besungen

Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ das Konzert des 2005 in Essen gegründeten, mehrfach preisgekrönten Morgenstern Trios zusammen mit der englischen Sopranistin Claire Booth im Rahmen des Bad Reichenhaller Festivals Alpenklassik. Die gemeinsame Aufführung der selten zu hörenden »Sieben Romanzen« op. 127 von Dimitri Schostakowitsch wurde umrahmt von Werken zweier Ikonen der Romantik, Franz Schubert und seinem nordischen Gegenpol Johannes Brahms.

Brachten dem Publikum ein kaum bekanntes Meisterwerk des späten Schostakowitsch nahe (v. l.): Stefan Hempel, Catherine Klipfel, Claire Booth und Emanuel Wehse. (Foto: Mergenthal)

Schostakowitsch schrieb das die Grenzen zwischen Tonalität und Atonalität auslotende Spätwerk nach apokalyptisch anmutenden Texten von Alexander Blok 1967, ein Jahr nach seinem ersten Herzinfarkt und als ein Großteil seiner Familie nach Sibirien deportiert war. Der überzeugte Kommunist und furchtlose Stalin-Hasser schrieb es zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution für die berühmte Sopranistin Galina Wischnewskaja und ihren Mann, den Cellisten Mstislaw Rostropowitsch. Dieser nannte das sinfonische Schaffen des in Russland ungemein beliebten Tonsetzers eine »Geheimgeschichte Russlands«. Die sieben Romanzen wirken wie eine Essenz daraus. Die Sopranistin wird in dieser meisterhaften Vokallyrik außer beim letzten Stück jeweils nur von einem oder zwei Instrumenten begleitet.

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Verborgene Systemkritik schimmert durch, da vor allem das menschliche Leid durch Krieg und Gewalt besungen wird. Einfühlsam verkörperte die Sängerin die von Emanuel Wehses dunkel singendem Cello unterstrichene Trauer Ophelias über ihren Geliebten, der vom Krieg nicht zurückkehrt. Mit expressiver Stimmkraft schilderte sie, von Catherine Klipfels düsteren Klavierklängen begleitet, die Gestalt eines mythischen Vogels, der Katastrophen weissagt. Ein Höhepunkt war das Liebeslied »Wir waren beieinander«, das eine Liebesnacht beim Klang einer Geige beschreibt. Stefan Hempel entlockte seiner die Sängerin umschmeichelnden Violine fast überirdische, fahle und zugleich feine Töne.

Klavier und Cello webten bei »Die Stadt schläft« einen gespenstischen Klangteppich und badeten sich wie die Sängerin in Chromatik. Die letzten drei Lieder gingen fließend ineinander über – vom mit unerbittlichen Tremoli wütenden »Sturm« über die eindringlich teils auf einem Ton deklamierten »Geheimen Zeichen« bis hin zur feinen »Musik«, die in der Nacht, wenn die Angst schläft, die Erde erfüllt. Erstaunlich, dass trotz der Ablehnung des Glaubens im Sowjetregime hier Gott beim Namen genannt wird. Die spirituelle Ebene verstärkte Klipfel mit wie tiefe Glockenklänge bedächtig hingesetzten Basstönen.

Bemerkenswert war das glutvoll und geheimnisvoll musizierte, meditative Notturno Es-Dur D 897 von Franz Schubert. Fast unhörbar begannen die meist parallel geführten Streicher mit zarten Hornquinten. Die Qualität und Lebendigkeit des Tons, den sie von äußersten Pianissimo ganz allmählich anschwellen ließen, beeindruckte, insbesondere bei Stefan Hempel. Mit feinstem Anschlag griff die Pianistin die Themen auf und spielte den Ball zurück. Der einzige Wermutstropfen bei den Streichern war ihr Vibrato auf jedem einzelnen Achtel, das zwar unseren Hörgewohnheiten entspricht, jedoch damals nicht Usus war und daher von immer mehr Dirigenten wie Roger Norrington oder Sir Eliot Gardiner in Frage gestellt wird. Diese den reinen Klang verwässernde Praxis, die die Romantik übersentimentalisiert, setzte sich beim Klaviertrio H-Dur op. 8 von Johannes Brahms fort.

Ansonsten gab es hier nichts auszusetzen. Die Pianistin kostete ihre autonome, bedeutende Rolle bei Brahms aus. Den Kopfsatz prägten großzügige Gesten, sinnliche Momente des Hinauszögerns und ein leidenschaftlich aufflackernder Tanz. Das federnd leichte Scherzo-Thema im Cello war ebenso ein Glanzlicht wie das spannungsgeladene Zwiegespräch im Adagio zwischen dem unheimlich tönenden Flügel und den lieblich in Terzen geführten Streichern. Das gerade im Klavier sehr temperamentvolle Schluss-Allegro sprengte die Grenzen des Gewohnten und spitzte sich zu einer rauschhaften Coda zu. Mit Zugaben von Ravel (2. Satz a-Moll-Trio) und Haydn (Schlusssatz A-Dur-Trio) dankten die Musiker für den euphorischen Applaus mit Bravos und hämmernden Füßen. Das Konzert wurde von B4 Klassik aufgezeichnet. Der Sendetermin steht noch nicht fest. Veronika Mergenthal