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Leiden und Leidenschaft in Streichquartetten

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Werke von Schostakowitsch und Schubert interpretierte das Cuarteto Casals beim Festival Alpenklassik. (Foto: Janoschka)

Der künstlerische Leiter des Bad Reichenhaller Festivals Alpenklassik, Klaus Lauer, bereitete das Publikum in seiner Begrüßung auf die beiden Streichquartette von D. Schostakowitsch und F. Schubert vor, die – wie er sagte – unterschiedlicher nicht sein könnten.


Das Streichquartett Nr. 15 in es-Moll, op. 144 ist Schostakowitschs letztes Werk dieser Gattung. Seinen Plan, ähnlich wie Bach im Wohltemperierten Klavier einen Zyklus von 24 Streichquartetten durch alle Tonarten hindurch zu schreiben, konnte er nicht mehr verwirklichen – er starb 1975, ein Jahr nach der Uraufführung des Opus 144. Dessen sechs Sätze gehen allesamt attacca in einander über. Das vorgeschriebene Tempo ist durchgehend Adagio oder Adagio molto und vermittelt den Aspekt der Verlangsamung. Die Satzbezeichnungen entwickeln sich von der Elegie über die Serenade und ein Intermezzo hin zu einer Nocturne und zum Trauermarsch, nach dem nur noch der Epilog folgt.

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Schostakowitschs gesamtes Spätwerk widmet sich verstärkt dem Thema Tod. Und in diesem seinem letzten Streichquartett wird das Gefühl vermittelt, er habe sein eigenes Sterben vorausgefühlt und in Musik umgesetzt. Hinter der Musik verbirgt sich Leiden und Klagen, das, in der Gattung der Elegie verpackt, deutlich hörbar zum Ausdruck kommt. Kurzzeitiges Aufatmen zwar im Intermezzo, aber der Tod lässt sich nicht aufhalten. Ein Epilog beschließt das Werk wie ein Nachwort. Bei einer Probe hatte der Komponist zu den Musikern gesagt, sie sollten das Stück so spielen, »dass die Fliegen in der Luft tot herunterfallen und das Publikum beginnt, aus reiner Langeweile den Saal zu verlassen.« So spricht ein Mensch, der nur noch im Sarkasmus ein Ventil für sein Leiden findet.

Die Interpretation des Cuarteto Casals allerdings war so spannend, dass wohl kaum jemand auf die Idee gekommen wäre, nicht das Ende dieses ungewöhnlichen Werkes für vier Streichinstrumente abzuwarten. Mit ausdrucksstarker Mimik und Körpersprache (vor allem Abel Tomàs Realp und Arnau Tomàs Realp, 2. Violine und Cello), und besonders mit großem Musikverständnis arbeiteten sie die Symbolsprache der Melodik und des Rhythmus heraus. Selten spielten die vier Musiker jedoch alle zusammen, sehr oft aber zu zweit und später zu dritt in kontrapunktischen Fugenmotiven oder atonal. Mit technischer Perfektion, musikalischer Sensibilität und mit einem Augenblicksbewusstsein, das jeden der vier Musiker ganz im Hier und Jetzt sein ließ, empfanden sie gemeinsam des Komponisten Leiden nach, drückten mit den kargen Ausdrucksmitteln der Komposition die darin enthaltene Leere aus und musizierten das Verlöschen eines Lebens im Sterbeprozess.

Im 2. Satz, der Serenade, erzeugten schrill endende Bogenaufstriche etwas, das an Edward Munchs »Der Schrei« erinnerte. Lautmalerisch fällt im Epilog der Schleier. Expressiv, mit einer großen Variationsbreite des Streicherklangs von singend bis matt und zurückhaltend, von strahlend virtuos und energisch bis geradlinig, waren die vier Musiker Botschafter eines Komponisten, der sicher nicht leicht zu verstehen ist, der dem Publikum aber durch die wertvolle Interpretation so nahe wie nur irgend möglich gebracht wurde.

Die Pause brachte den nötigen Abstand, um F. Schuberts Streichquartett in G-Dur, D887, das 1826 entstanden ist, genießen zu können. Wie bei Schostakowitsch trägt auch das G-Dur-Quartett die Nummer 15 und ist Schuberts letztes Quartett – avanciert, grenzensprengend in der Länge und in der orchestralen Tonsprache, die Harmonik auf bis dahin ungekannte Weise ausreizend. So zeigt sich auch in Schuberts Musik die Zerrissenheit seines Lebensgefühls dadurch, dass er die Tonarten nicht so aufeinander folgen ließ, wie es die Lehre des Quintenzirkels vorschrieb, sondern einfach unvermittelt aneinander reihte. Das musikalische Äquivalent für ein sicheres Lebensgefühl war dabei, sich aufzulösen.

Heute wird das Werk nicht nur als Gipfel der Quartettkunst dargestellt, sondern gehört zum Anspruchsvollsten – in der Ausführung wie im Erfassen. Nach der Klangsprache Schostakowitschs jedoch war es wie Labsal für die harmoniebedürftigen Ohren der Konzertbesucher. Hier kam das zweite Motto der Alpenklassik zum Tragen: Leidenschaft. Voller Spannung und Passion, mit größtem Einsatz, atmend, fühlend, miteinander empfindend und mit großen Unterschieden in der Dynamik präsentierte das Cuarteto Casals das Mammutwerk Schuberts, das in nicht einmal zwei Wochen entstanden ist. Benannt nach dem spanischen Ausnahmecellisten Pau Casals, der sich zudem weltweit für Frieden, Freiheit und Demokratie eingesetzt hat, machten die Musiker ihrem Namensgeber alle Ehre, besonders auch als der Cellist Arnau Tomàs Realp seine tänzerische Melodie im zweiten Satz auskostete und sich als Schöpfer der Musik auf der Bühne erlebte.

Musikalische Welten ohne Grenzen eröffnend, musizierten Vera Martinez Mehner (1. Violine), Abel Tomàs Realp (2. Violine), Jonathan Brown (Viola) und Arnau Tomàs Realp (Violoncello) gestochen präzise im tief empfundenen Miteinander eines gemeinsamen Schaffensprozess, der trotz höchster technischer Perfektion das Gegenteil von Routine spiegelte, so als würde die zu spielende Musik soeben aus ätherischen Weiten in Empfang genommen.

Mit dem »Tanz des Müllers«, einer Bearbeitung für Streichquartett aus dem »Dreispitz« von Manuel de Falla, bedankten sich die Ausnahmemusiker für den herzlichen Applaus der Besucher, die den Abend bei einem Gläschen badischen Weins im Gespräch mit den Musikern ausklingen ließen. Brigitte Janoschka