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Wasserburger Bach-Chor und Bach-Collegium beeindruckten bei Musiksommer zwischen Inn und Salzach

Lichtdurchflutete »Schöpfung« in Baumburg

Das gleißende Licht, in das die wandernde Abendsonne nacheinander die Gesichter verschiedener Musiker und Sänger tauchte und von der sanften Beleuchtung des übrigen Raums abhob, war wie ein Symbol: Genau so kraftvoll, klar und kontrastreich war die mitreißende Interpretation von Joseph Haydns Oratorium »Die Schöpfung« durch den Wasserburger Bach-Chor in der Baumburger Stiftskirche. Unter Leitung von Angelica Heder-Loosli hinterließen die Sänger und Musiker in der Reihe »Musiksommer zwischen Inn und Salzach« einen tiefen Eindruck.

Der Wasserburger Bach-Chor und das Bach-Collegium Wasserburg unter Leitung von Dirigentin Angelica Heder-Loosli, hier während eines der starken Solisten-Terzette von Anja Zügner (von links), Christian Zenker und Christian Maria Schmidt. (Foto: Mergenthal)

Als Auslöser für dieses gewaltige, vieldimensionale Jahrhundertwerk, das innerhalb von drei Jahren entstand, gilt in der Überlieferung der Besuch von Haydn beim deutsch-englischen Astronomen William Herschel in Slough bei Windsor im Juni 1792. Beim Blick in das von Herschel selbst gebaute riesige Spiegelteleskop war der österreichische Komponist völlig überwältigt von der Unendlichkeit des Weltraums.

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Die Beschäftigung mit Händels Oratorien bei seinem zweiten Besuch in London 1794 bereitete weiter den Boden für die »Schöpfung«, ebenso wie die Entdeckung eines handschriftlichen, ursprünglich für Händel bestimmten Librettos. Der kaiserliche Hofbibliothekar Gottfried von Swieten übertrug den bis heute eindrucksvollen, poetisch-bildhaften Text ins Deutsche. Der Erfolg der im April 1798 in Wien uraufgeführten »Schöpfung« war beispiellos.

Umso mehr ist es eine Herausforderung, unter den zahlreichen Aufführungen des Werks bis heute hervorzustechen. Dies gelang den Wasserburgern mit Leichtigkeit – in einer geglückten Einheit von Chor, Profi-Orchester und Solisten. Die Einleitung zelebrierte Angelica Heder-Loosli, die selber das Continuo-Cembalo spielte, mit theatralischer Dramatik, starken Kontrasten und großer Spannung. Man sah vor sich das wabbernde Chaos der noch formlosen, dunklen, leeren Erde und den Kampf der Elemente, der zu einer explosionsartigen Entladung führte, um wieder in der Stille zu versinken und den Weg für den sanft über dem Wasser schwebenden Geist Gottes zu bereiten. »Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht!« sang der Chor und zeigte beim Fortissimo der letzten vier Worte erstmals seine Stimmgewalt und rhythmische Präzision.

Machtvolle Akzente setzte der große Gesangs-Körper in den festlichen Chören, die jeden der sechs Schöpfungstage und den siebten Tag als Ruhetag Gottes als Höhepunkte krönten. Es war spürbar, dass der Gründerin und Leiterin als Gesangspädagogin die Pflege der Laienstimmen, klare und saubere Intonation, die Präsenz jedes Sängers und eine facettenreiche Dynamik am Herzen liegen. Zugleich spürte man, dass die Sänger mit Körpersprache und Mimik die Musik voller Freude und Anteilnahme durchlebten und an den Lippen ihrer Dirigentin hingen. Wie ein Block standen die choralähnlichen Elemente da, und Souveränität zeigten die Stimmgruppen in den Fugen. Beim vorletzten Chor berührte beim Schlusssatz »Dich beten Erd’ und Himmel an, wir preisen dich in Ewigkeit« besonders der Kontrast zwischen dem Pianissimo des innigen, zarten Gebets und das Fortissimo des überschwänglichen, jubelnden Lobpreises.

In den Rollen des Erzengels Gabriel und der Eva zog Anja Zügner in den Bann – mit einem weichen, geschmeidigen Sopran voller Ausdrucksstärke, sinnlicher Präsenz und sympathischer Erscheinung. Ein Vergnügen war unter anderem, wie sie, begleitet vom Horn, das Sprießen der Blumen, Bäume und duftenden Kräuter schilderte oder dem wundervollen Text von der Erschaffung der Vögel Leben einhauchte, begleitet von herausragenden Holzbläsern, vor allem Klarinette und Querflöte: »Auf starkem Fittiche schwinget sich der Adler stolz und teilet die Luft im schnellesten Fluge zur Sonne hin. Den Morgen grüßt froh der Lerche frohes Lied, und Liebe girrt das zarte Taubenpaar.« Christian Maria Schmidts wohlklingender, voller und runder Bass überzeugte als Raphael und Adam und der temperamentvolle lyrische Tenor von Christian Zenker als Uriel.

Ihre Leidenschaft für das Werk übertrug die energiegeladene Dirigentin auch auf die Musiker, die, ob Streicher, Pauke oder die durch die Grassauer Blechbläser verstärkten Blasinstrumente, darunter Barock-Trompeten und -Posaunen, höchste Präzision, Leichtigkeit, Homogenität und virtuose Brillanz zeigten. Das Bach-Collegium Wasserburg ließ ein farbenreiches, überquellendes Gemälde der Schöpfungspracht entstehen, das die Herzen berührte. Es bleibt zu hoffen, dass diese Vision der Einheit des Menschen mit der Natur zu einem Umdenken angesichts der allgemeinen Gleichgültigkeit und Ehrfurchtslosigkeit beiträgt. Langer Applaus belohnte die Interpreten. Veronika Mergenthal