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Liebe und Tod an vorderster Front

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Applaus für Plácido Domingo, Anna Netrebko und Francesco Meli (v. l.) in der Felsenreitschule.

Der Vater verleumdet die Tochter bei König und Volk als Ketzerin. Er empfiehlt ihr, zur Rettung der unsterblichen Seele, »mit Mut« den Scheiterhaufen zu besteigen. Giacomo d'Arco hat die Visionen Giovannas zur Rettung Frankreichs teuflischem Blendwerk zugeschrieben, sieht seinen Irrtum ein, löst ihre Ketten – und hofft, dass seine Einsicht nicht zu spät kommt.


Tatsächlich stirbt die künftige Heilige in der siebten Oper von Giuseppe Verdi keinen schmählichen Flammen-, sondern einen visionären Heldentod: »Giovanna d'Arco« von Giuseppe Verdi auf ein Libretto von Temistocle Solera, uraufgeführt 1845, ist kein großformatiges Historiendrama, sondern ein intimes Kammerspiel für drei Personen.

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Diese Giovanna ist keine ätherische Visionärin, sondern eine kämpferische Draufgängerin. Eine Frau ganz von dieser Welt, der Liebe – zu König Carlo nämlich, der sich prompt in seine Frontfrau verliebt hat – fähig. In diesem kurzen Augenblick des Aufflackerns menschlicher Gefühle sieht Giovanna freilich ihre große Schuld, die sie angesichts des absurden väterlichen Ketzerei-Vorwurfs verstummen lässt.

Anna Netrebko, in güldenem Gewande, sang die Titelpartie der Giovanna d'Arco zunächst mit der Durchschlagskraft einer Walküre beim Morgentraining – klangschön freilich auch im Dauerforte. Auch Francesco Meli als Carlo VII. nahm die Anweisung »con entusiasmo« wörtlich und stellte seinen strahlenden Tenor im Fortissimo auf Autopilot. Plácido Domingo sang die Bariton-Partie des Giacomo. Er lieh nicht nur diesem verzweifelten Zweifler seine reich timbrierte, auch nach der jüngst überstandenen Krankheit sicher geführte und tragfähige Stimme, sondern auch der des gestalterischen Anspruchs.

Tatsächlich schienen sich die Protagonisten – einschließlich Paolo Carignanis am Pult des Münchner Rundfunkorchesters – nach dem ersten Akt langsam »einzukriegen«. Der Philharmonia Chor Wien, einstudiert von Walter Zeh, sang die aufgestachelte Volksmenge und die flüsternden bösen Dämonen ebenso homogen, tragfähig und wendig, wie die trauernden Bauern oder die himmlischen Chöre der Engel.

Anna Netrebkos Stimme entfaltete ein wahrlich glutvolles Timbre, offenbarte eine klangvolle Tiefe, die auch noch die strahlendsten Höhen zur Fülle zu runden und zu erden schien. Bewegend ihr Gebet im Kerker, überwältigend ihre Schluss-Apotheose, die sie von der Höhe der Arkaden in der Felsenreitschule herab sang. Nicht weniger bewundernswert, als die sängerische, war die darstellerische Leistung Anna Netrebkos, der es gelingt, ihrer Opernfigur mit kleinen und kleinsten Gesten, Präsenz, Farbe und Leben zu schenken.

Francesco Meli fand vom lauten Absingen schöner Töne zur sängerisch-technisch souveränen Gestaltung menschlicher Emotion. Plácido Domingo, der einst in der Tenor-Partie des Carlo brillierte, verlieh mit der Bariton-Partie des Giacomo d'Arco der konzertanten Aufführung geradezu erschütternde Anschaulichkeit. Ein Sängerfest. Heidemarie Klabacher