weather-image
Sendung »Stoned Poets« in der Salzburger Radiofabrik ausgezeichnet – Erzieher in der Buchenhöhe

Liebe zur Poesie

Berchtesgaden – Seine Liebe zum gesprochenen und geschriebenen Wort hat der Berchtesgadener Peer de Beer schon in jungen Jahren entdeckt. In seiner Freizeit moderiert er in der »Radiofabrik«, einem freien Sender in Salzburg, die Sendung »Stoned Poets«. Diese wurde nun mit dem österreichischen Radiopreis ausgezeichnet. Im »Berchtesgadener Anzeiger« erzählt der rhetorisch versierte Programmmacher, der in der Buchenhöhe als Erzieher arbeitet, über sein Konzept und den Weg hin zum Radiomoderator.

Als Radiomoderator in Salzburg hat der Berchtesgadener Peer de Beer den österreichischen Radiopreis abgestaubt. Für gewöhnlich arbeitet der Mann, der seine Liebe zum Wort bereits in frühen Jahren entdeckt hat, beim Christlichen Jugenddorfwerk (CJD). (Foto: Pfeiffer)

Herzlichen Glückwunsch. Sie haben als Berchtesgadener den österreichischen Radiopreis gewonnen. Wieso hat sich die Jury für Sie entschieden?

Anzeige

Peer de Beer: Für den Preis, der jährlich für besondere Leistungen vergeben wird, kann man sich nicht bewerben, sondern wird nominiert. Vergeben wurde er in den Kategorien Gesellschaftspolitik und Kultur, als Jury waltete die Programmkommission.

Sie leben in Berchtesgaden, arbeiten in der Buchenhöhe beim CJD. Wie hat es Sie hierher verschlagen?

de Beer: Ich bin schon lange hier »unten«, zuerst beruflich in Bad Reichenhall und dann seit 1993 immer wieder mit Unterbrechungen in und um Berchtesgaden. Geboren bin ich zwar in Hamburg, aber zu Hause fühle ich mich rund um Untersberg und Watzmann, was Salzburg mit einschließt. Auch diese Landschaft hat einen großen Zauber, der viel stärker ins Bewusstsein gerückt gehört.

Die Radiofabrik, über die Ihre Sendung ausgestrahlt wird, verfolgt einen interessanten Ansatz, indem sie das Equipment stellen und jeder kann mit seinem Konzept dann auf Sendung gehen. Denken Sie, dass Ihre Sendung auch im klassischen Radio einen Platz gefunden hätte?

de Beer: Definitiv ist es so, dass die Freiheit, die ich bei der Radiofabrik habe, im kommerziellen oder öffentlich-rechtlichen Rundfunk undenkbar wäre. In der Regel mischen sich dort tausend Leute ein und wollen mitbestimmen. Am Ende erkennt man meist die eigene Idee kaum noch wieder. In der Radiofabrik kann ich als gleichwertiges Mitglied in der Sendergemeinschaft auf Augenhöhe Sendungen machen, und zwar was ich will, wie ich es will und so oft ich es will – soweit Sendeplätze verfügbar sind, und im Rahmen einer Sendevereinbarung, die einige wenige Ausschlusskriterien für Inhalte wie etwa Rassismus hat. Die Unterstützung der Radiofabrik in Form von Workshops ist beispielhaft. Auch die Freiheit zu experimentieren hätte ich im »klassischen Radio« wohl nie in der Form erhalten. Dort braucht man Seilschaften, um rein zu kommen, es wird immer vom Ergebnis her gedacht und es ist wenig Mut für Experimente vorhanden. Das kann man bedauern – ich finde es dumm, weil experimentelle Kreativität Vorbedingung guter Unterhaltung ist, aber so ist es nun mal.

Wie lautet Ihr Konzept und wie sieht eine Sendungsvorbereitung bei Ihnen aus?

de Beer: Gute Frage – in der Regel anders, als ich es erwartet habe. Und das gilt für das Konzept wie für die einzelnen Sendungen gleichermaßen. Ursprünglich wollte ich mit einer Freundin eine Sendung über und mit interessanten Menschen und Initiativen machen und dazu ungewöhnliche Musik spielen, die das thematisch aufgreift. Mit Worten und Musik malen, habe ich das genannt. Das ergab ein paar, wie ich finde, spannende Sendungen, in denen wir uns miteinander und mit der Technik vertraut gemacht haben. Leider war dann Schluss und ich habe mich entschlossen, alleine weiter zu machen. Und da saß ich nun im Studio.

... und Sie haben trotzdem weitergemacht.

de Beer: Das Konzept ist ziemlich breit angelegt, folgt dem, was mich persönlich interessiert, und ist in konstanter Bewegung begriffen. Es geht mir um Poesie und Schönheit, und die finde ich überall: in Poesie, Musik, in Menschen, auf der Straße, im Dreck und hinter Palasttüren. Mit meinen Sendungen versuche ich diese Schönheit spürbar, fühlbar, tastbar und erlebbar zu machen. Dabei ist die Überraschung mein ständiger Gast.

Haben Sie ein Beispiel parat?

de Beer: Gleich bei der ersten Sendung von »Stoned Poets« ist mir mein Studiogast zwei Stunden vorher abgesprungen. Ich hatte dann das Glück, dort wo ich gerade war, jemanden zu finden, der bereit war, einzuspringen und ein paar seiner Texte vorzutragen. Das war Lukas Wagner, Slammer aus Salzburg, den ich vorher nicht kannte und der in vielerlei Hinsicht eine großartige Entdeckung für mich ist. Es muss also da draußen jemanden geben, der für mich die Sendungen zusammenrührt, weil sie funktionieren bisher eher trotz statt wegen eines Konzepts. Manchmal sende ich live, dann überlege ich vorher grob, welche Musik passen könnte, treffe mich, wenn es geht, etwas früher mit den Gästen, weil ich festgestellt habe, dass der Vorlauf etwas von der Befangenheit nimmt und gut aufwärmt, und dann geht es in das Studio. Manchmal produziere ich aber auch vor – insbesondere bei Interviews ist es oft nicht möglich, die Gäste mittwochs um 21 Uhr in das Studio zu bekommen. Dann kann ich die Interviews hinterher beim Schneiden verdichten und mit passender Musik kombinieren. Das ist ein bisschen wie Komponieren: Aus all den Einzelteilen ein großes Ganzes zu weben, es zu einer dicht erzählten Geschichte oder einem dichten Gedicht zu machen. Auch schön.

»Stoned Poets«, so heißt Ihre Sendung, scheint vom Titel her nicht in Richtung klassische Dichtkunst zu weisen. Warum haben Sie diesen Titel für Ihre Sendung gewählt?

de Beer: Er kam so über mich – und eigentlich genau deswegen. Ich wollte nichts Seichtes, Gefälliges und Oberflächliches machen. Dichten ist für mich etwas Existenzielles, Aufwühlendes und Bewegendes, das aus Unmittelbarkeit lebt und auf das man sich einlassen muss wie auf das Leben, das sich auch nicht aus sicherer Entfernung leben lässt. Dazu hat Dichten für mich, wie die Musik und andere Künste, auch etwas Rauschhaftes an sich. Es ist Teil ihres Wesens, uns jenseits der Sprache und jenseits von dem führen zu können, von dem wir glauben, das seien »Wir«, also jenseits unserer Vorstellungen, Konzepte und Erwartungen in ein jungfräuliches Land. Na, jetzt wird's aber doch ziemlich poetisch ...

Sie schreiben selbst Gedichte. Brachte Sie dieser persönliche Bezug zur Idee für Ihr Radioprogramm?

de Beer: Andersrum, witzigerweise. Ich hab erst durch die Sendung ernsthaft, wenn auch mit viel Spaß, angefangen, Gedichte zu schreiben. Nicht, dass ich es versucht hätte. Ich habe als Kind schon gerne geschrieben, aber meine Gedichte gehörten eher zur Kategorie ›Reim' dich, oder ich fress' dich‹, als dass sie poetische Qualitäten besessen hätten. Aber an Briefen und Bildern konnte ich Stunden sitzen und habe dabei jedes Detail auf die Goldwaage gelegt. Auch später habe ich mich unheimlich schwergetan, etwas Eigenes zu kreieren. Ich habe zwar Bücher geschrieben, und das ziemlich erfolgreich unter meinem bürgerlichen Namen, aber nicht Romane oder so etwas, sondern Gebrauchsliteratur, Elternratgeber, um genau zu sein. Zu mehr hat es nicht gelangt, weil es immer nur Abklatsch war, was mir poetisch einfiel, und das andere konnte ich selbst nicht ernst nehmen.

Wie sind Sie dann schließlich zu den Gedichten gekommen?

de Beer: Ich sitze in meiner ersten Sendung, die ich allein gemacht habe, und stelle auf einmal fest, es ist schon die Musik, aber es sind vor allem die Worte und die Texte, die mich interessieren und dass die meisten Songs eigentlich vertonte Gedichte sind. Das war eine wirklich große Offenbarung für mich. Und ich glaube, es war noch in dieser Nacht, dass ich angefangen habe, eigene Gedichte zu schreiben und dass ich das Gefühl hatte, das ist jetzt Poesie, was da entsteht.

Peer de Beers Sendung »Stoned Poets« läuft jeden ersten, dritten und fünften Mittwoch im Monat um 21 Uhr auf www.radiofabrik.at. Kilian Pfeiffer