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Liebessehnsüchte und tenorale Höhenflüge

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Juan Diego Flórez überraschte die Zuhörer mit einem Medley spanischer und lateinamerikanischer Songs. (Foto: Aumiller)

Im ausverkauften Großen Festspielhaus wollten nach dem Liederabend des peruanischen Belcanto-Tenors Juan Diego Flórez und seines Klavierbegleiters Vincenzo Scalera die Zuhörer den Künstler nicht so schnell entlassen. Mit aufgeheizten Applauswogen holten sie Flórez auf die Bühne zurück, der jetzt seinem Pianisten eine Pause gönnte und zu aller Überraschung, sich selbst auf der Gitarre begleitend, »Besame mucho« anstimmte und ein Medley populärer spanischer und lateinamerikanischer Songs folgen ließ. Das war noch ein extra Sahnehäubchen nach dem vielseitigen anspruchsvollen offiziellen Programm.


Zum Auftakt des Lieder- und Arienreigens startete Flórez mit drei italienischen Canzoni von Ruggero Leoncavallo: Mit »Aprile«, »Vieni, amor mio« und der berühmten »Mattinata« ließ er zauberische Frühlingsgefühle Klang werden. Francesco Paolo Tosti kam folkloristisch ins Spiel mit der neapolitanischen Canzone »Marechiare« neben der Zauberei von »Malia« und den Liebesseufzern in »Die Morgenröte trennt die Dunkelheit vom Licht«.

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Flórez brillante Höhen zeigten von Anfang an Präsenz und erfuhren gehäufte Aufmerksamkeit in der Arie des verliebten Narciso aus Rossinis »Il turco in Italia« und als leidenschaftlicher, unbewusst seine eigene Mutter liebender Gennaro in Donizettis Opernstory über die berüchtigte »Lucrezia Borgia«. Schon in diesem ersten Programmteil zeigte Flórez seine reiche Palette an stilistischen Finessen und stimmgestalterischen Nuancen mit seiner so exzellent technisch geschulten Stimme, die nahtlos über die gesamte Tessitura in gleich fokussierter Qualität blitzt und funkelt. Bewundernswert ist immer wieder erneut das scheinbar mühelose Hochklettern in die Spitzenregionen. Das ist phänomenal und es kann ihm auf diese Art derzeit so leicht kein anderer gleichtun.

Aber er hat noch mehr Überraschungen im Paket: Mit dem ebenso berührenden wie glänzenden Liebesbekenntnis des Faust zu Margarete »Salut! demeure chaste et pure« in Charles Gounods Faustoper kann Flórez überzeugend seine stimmliche Entwicklung hin zum lyrischen Fach unter Beweis stellen. Und mit den zarten, melancholischen Farben französischer Lieder von Henri Duparc, bezaubert der Tenor auch als empfindsamer Liedgestalter mit vokalen Pastelltönen. Besonders reizvoll nimmt die Szene süßer sommerlicher Idylle in »Phidylé« Gestalt an.

In »Chanson triste« träumt der Liebeskranke von versöhnlicher Genesung, »L'invitation au voyage« macht er zur bildhaften Genreschilderung und in »Le manoir de Rosmonde« träumt er sich in die Abgeschiedenheit des Landguts der Rosamunde. Zum Abschluss trauert Edgardo an den Gräbern seiner Ahnen um den Verlust Lucias in seiner großen Arie aus Donizettis »Lucia di Lammermoor«. Flórez zieht, intensiv im Ausdruck, seine Register in allen klanglichen Facetten und kann die Qualitäten dieser Opernfinalszene, die oft im Schatten von Lucias Wahnsinnsszene etwas verkümmert, deutlich machen.

Am Klavier ist Vincenzo Scalera der langjährige Partner von Flórez, der in den verschiedenen Stilrichtungen versiert und auch darauf bedacht ist, die Charakteristik der Partitur bei den Opernarien im Klavier nachzuzeichnen. Ein Flügel allein auf der großen Bühne des Festspielhauses wirkt zwar oft wie ein einsam verlassenes Requisit, aber Scalera und Flórez lassen das vergessen und füllen den Raum mit Klangzauber, mit zärtlichen, traurigen und heiteren Emotionen, vor allem auch mit prallem Leben und einer Riesenportion Charme und Charisma.

Mit der Zugabe des spanischen Medleys gibt sich die jubelnde Zuhörerschaft jedoch noch nicht zufrieden und so zaubert Flórez mit »Granada« noch ein umwerfendes Tenorschlager-Prachtstück aus dem Hut und zu guter Letzt, wer mag es glauben, steht der Ritter vom hohen C noch militärisch stramm und sammelt ein ganzes Paket von Pluspunkten mit seinem Paradestück, den neun hohen Cs in der Arie »Mes amis« aus Donizettis »La fille du regiment«. Elisabeth Aumiller