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Liedgesang und freie Improvisation

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Was in den 70er Jahren noch unweigerlich zum Eklat geführt hatte – Friedrich Gulda hatte dem Publikum statt des angekündigten »Wohltemperierten Klaviers« von J. S. Bach freie Improvisationen gemeinsam mit dem Ehepaar Paul und Limpe Fuchs vorgesetzt –, erweckt heute nur noch ein maliziöses Lächeln auf den Lippen der meisten Zuhörer. Denn seien wir ehrlich, diese Art der Performance, wie sie in der Traunsteiner Klosterkirche im Rahmen der Sommerkonzerte stattfand, wirkt auf ein heutiges Publikum doch eher etwas angestaubt.


Die einstige musikalische Weggefährtin Friedrich Guldas, Limpe Fuchs, spielte gemeinsam mit dem Gulda-Sohn Paul und dem Oudspieler Marwan Abado freie Improvisationen auf Pendelsaiten, Viola, Röhrentrommel, dem Cembalo und der Arabischen Laute. Kurze Bach-Einsprengsel von Paul Gulda auf dem Cembalo unterbrachen jeweils die Improvisationen, auf die man in dieser Ausführlichkeit eigentlich gut verzichten hätte können. Mehr Bach, meinetwegen auch verjazzt, ja, das hätte doch wirklich einen Reiz gehabt. »So what?«, wie Papa Gulda einstmals anmerkte, in einem anderen Zusammenhang zwar, aber vielleicht auch hier, bei diesem Ereignis eine zutreffende Frage.

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Leider war auch der erste Teil des Konzertabends nicht ganz schmerzfrei. Zu gerne hätte man etwas von dem Text der sechs Lieder aus dem »Italienischen Liederbuch« in der Vertonung von Joseph Marx, gesungen von dem Bariton Florian Prey, verstanden, gemäß einer der sängerischen Tugenden: »Prima la parole doppo la musica.« Auch bei den vier Eichendorff-Liedern, vertont von Friedrich Gulda, verstand man leider viel zu wenig. Am Flügel übrigens Rico Gulda, der dritte Sohn von einem der berühmten Überväter des Abends; er begleitete einfühlsam, agierte aber nicht ohne Anspannung.

Die »Dichterliebe« von Robert Schumann nach Texten von Heinrich Heine gelang Florian Prey dann doch um einiges besser, denn man verstand ihn hierbei überraschend gut. Die 16 Preziosen, die dem liebestrunkene Helden der Geschichte in den Mund gelegt sind, deutete Prey in all ihren Stimmungsschwankungen aufmerksam und mit stimmlicher Noblesse. Die Stimme sitzt und rollt ohne Stau, ausreichend gutes Material scheint vorhanden. Und doch nimmt man es ihm einfach nicht ab, den Liebeswahn, die Verzweiflung, den Zynismus, die Trauer, die Wut, die der Held durchleben muss. Zu sehr kämpft er gegen einen unsichtbaren Sog an, der an ihm zu ziehen scheint, gegen den er sich ständig behaupten muss.

Sein Partner am Flügel versuchte, ihm mit außerordentlicher Aufmerksamkeit einen Halt zu bieten, spielte Schumann so klar und strukturiert, wie man das selten zu hören bekommt. Mit farbenreicher Klanggestaltung verzauberte er das Publikum, das die zum Teil ans Unspielbare grenzende und spannende Klavierbegleitung genoss. Diese ja viel mehr ist als eine solche. Man denke nur an die komplexe Struktur, die bei einigen Liedern im Anschluss an den Gesang als eine minutiöse Seelenschau zu hören ist, die das eben Gesungene noch einmal deutlich macht oder auch schon weiterentwickelt. Schumann eben, ganz unvergleichlich.

Ob das Publikum am Ende des Abends geklatscht hat, weil das experimentelle und immer wieder implodierende Musiklabor endlich ein Ende hatte, oder ob es den Mut der Akteure honorierte, sich trotz offensichtlich vorhandener Virtuosität in eine geziert-artige, hölzern wirkende Improvisation zu begeben, wer weiß das schon so genau. Ja, und wem es tatsächlich gefallen hat, der hatte wohl einen ähnlichen Humor wie die Künstler, welcher der Berichterstatterin aber leider verschlossen blieb. Barbara Heigl