»Life is a Cabaret«

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Enthemmt, ekstatisch und spielwütig: Das Ensemble des Salzburger Landestheaters im Musical »Cabaret«. Tanz auf dem Vulkan – oder auf dem vergoldeten Flügel im Kit-Kat-Klub. (Foto: Löffelberger)

»Willkommen, bienvenue, welcome – im Cabaret, au Cabaret, to Cabaret!«. Selten wirkte die Begrüßung des Publikums so authentisch, so drängend, so leidenschaftlich wie bei der Premiere von John Kanders Broadway-Musical »Cabaret« im Salzburger Landestheater.

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Und das Publikum? Leicht verwirrt, überfordert? Oder, hinter dicht sitzenden FFP2-Masken in atemloser Vorfreude auf die direkte Begegnung mit dem schmerzlich vermissten »Kunst-Stoff«, noch in zurückhaltendem Hab-Acht-Modus? »Wir hoffen, dass die zwei Stunden ohne Pause immer kurzweilig bleiben werden.«, wünschte Intendant Carl Philip von Maldeghem dem Publikum. »Willkommen zurück im Theater!«, so der Tenor. Nichts lieber als das! Und schon war für einen Moment alles Pandemische vergessen.

Ehrlich: Zwei Stunden verflogen wie im Nu. Die privilegierten Theatergäste gaben sich dem verrucht-frivolen Bühnengeschehen hin. Und wäre auf der Bühne in Andreas Gergens überwältigender Regiearbeit nicht im Sekundentakt meisterhafte Theaterkunst geboten, so wäre es spätestens beim Lauschen von Kanders mitreißender Komposition ums liebe Publikum geschehen. Wer kann, der kann, ja der muss sogar. Da winken sie wieder, die schönen Dinge des Lebens – Theater in berauschenden Klängen, mit betörenden Stimmen, klugem Witz, großen Gesten und schamlosen Frivolitäten: Im Orchestergraben dirigiert Gabriel Venzago ein großartiges Orchester (Mitglieder des Mozarteumorchester Salzburg), lässt mit Feingefühl und Verve die Discokugeln tanzen – vergessen ist der drohende Untergang der Theater-Titanic.

Es lebe der Moment, der heutige Tanz auf dem Vulkan. Diese Premierenstimmung erinnerte fast an die Tage, an dem das Musical spielt – kurz vor dem Untergang der Weimarer Republik, als Hitler mit seinen bösen Machenschaften einen braunen Sack um alles Gute schnürte. Beklemmend der Vergleich: Verzweifelt genusssüchtig war man damals, mit Genusssucht sog ein Theater-entwöhntes Publikum heute ein, was es kriegen konnte. Wer weiß, was morgen kommt.

Das Bühnenbild kommt mit wenig aus: Zwei mobile Türen, schwarze Stühle, Koffer, glitzernde Discokugeln, ein goldener Flügel, ansonsten reicht die Andeutung unbedeutender Nebensächlichkeiten. Kaum Requisite, dafür ist das, was zu sehen ist, geschmackvoll in Szene gesetzt. An die zwanzig Musicaldarsteller mit schillernder Präsenz bespielen die Bühne. Das Ensemble wirkte homogen, zu sagen in »Bestform« wäre untertrieben. Zur Feier des Tages schöpfte man aus den Vollen und ließ nichts aus: Da tanzte und sang eine wilde Horde, mal im Biederfrau(mann)-Gewand, mal in heißer Reizwäsche, zu jazzigen Songs ein sexuell enthemmtes Revival im legendären Kit-Kat-Klub des Berlin der 20er Jahre (Choreografie Josef Vesely, Kate Watson, Kostüme Stephanie Bäuerle).

Die Kit-Kat-Girls und -Boys befeuerten sich gegenseitig zur extensiven Ekstase in eindeutig zweideutigen Posen sexueller Lust. Da blieb einem in mancher Choreografie auch ohne Maske die Luft weg. Die flirrende Stimmung um zwei sich parallel entspinnende Liebesgeschichten wird im Verlauf der Geschichte zunehmend von Verzweiflung und Angst durchdrungen. Die Stimmung kippt. Die vergeblichen Kämpfe der Figuren, ihr Scheitern und Aufbegehren lässt das Musical zur Tragödie werden.

Die verheißungsvolle Zukunft des Revuemädchens Sally Bowles (Sophie Mefan) und der Pensionswirtin Fräulein Schneider (Britta Bayer) fällt der anschwellenden Bedrohung durch den Nationalsozialismus zum Opfer. Ökonomische Unsicherheit in auf- und ab- wogender Weltwirtschaftskrise gab es damals wie heute. Dagegen kommt auch der zwielichtige Conférencier (Georg Clementi) nicht an, der einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft eine Scheinwelt vorgaukelt – verlogen, diabolisch und durchtrieben. »Life is a Cabaret«.

Was diesen Klassiker unsterblich macht, ist die Wucht der Gänsehautschauer, den es einem über den Rücken jagt, wenn die Gesellschaft beginnt, sich unterm Hakenkreuz zu ducken. Mutig dagegen stemmt sich einzig der Amerikaner Bradshaw (Gregor Schulz), Sallys Verlobter, und dafür kassiert er vom Nazi Ernst Ludwig (Matthias Hermann) ordentlich Prügel.

»Masel tov« (aus dem jiddischen übersetzt »viel Glück«), wünscht Obsthändler Schulz (Axel Meinhardt) nach der abgesagten Verlobung mit Fräulein Schneider. Einen Juden kann Frau nicht heiraten und sei sein Obst auch noch so köstlich. »Die Party in Berlin ist vorbei«, so Bradshaw. Wie bitter die Zukunft, wie entsetzlich das bevorstehende Leid. Ein Loblied all denen, die dies authentisch nachempfinden ließen – die ekstatischen Höhenflüge wie den folgenden Absturz ins Unglück.

Ein Riesenapplaus dem gesamten Ensemble des Salzburger Landestheaters, dem es zu Corona-Zeiten gelang, der vom Social-Distancing geschundenen Gesellschaft ein Stückchen Kit-Kat-Klub-Lebensfreude zurückzugeben: Have a (Corona-) break, have a Kitkat. Unbedingt kosten! Denn so viel ist sicher: An diesem Abend schmeckt das Leben wie ein Stück Knusperwaffel aus zartschmelzender Bitterschokolade.

Kirsten Benekam

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