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Vor 15 Jahren gab Bob Dylan ein unvergessliches Konzert in der Alten Saline der Kurstadt

Literaturnobelpreisträger in Bad Reichenhall

Viele, die in diesen Tagen gehört oder gelesen haben, dass Bob Dylan mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wird, sind überrascht: Endlich wieder einmal einer, den man kennt. Ein Musiker, der die Jugend der 60er und 70er Jahre begleitet hat. Bei dessen Liedern und Balladen nach der wilden Musik der Beatles und Rolling Stones Zeit zum Verschnaufen war. In den angesagten Diskotheken jener Zeit in Traunreut, Altenmarkt und Traunstein liefen seine Lieder, wenn die Besucher sich, weit nach Mitternacht erschöpft vom Tanzen, zum Schwofen in schummrige Ecken zurückzogen. Selbst in Radiosendern mit ihren Musik-Endloswiederholungen laufen Dylans Songs immer wieder einmal. Und natürlich fehlen seine Scheiben in keiner gepflegten LP-Sammlung aus jener Zeit.

Vor 15 Jahren spielte Bob Dylan in Bad Reichenhall, in diesem Jahr erhält er den Literaturnobelpreis.

Genau 15 Jahre ist es her, dass Bob Dylan sein einziges Konzert im bayerischen Voralpenland gab: Am 18. Juli 2001 gastierte er in der Alten Saline in Bad Reichenhall. Mit 20 Liedern begeisterte er Tausende Besucher. Unvergessen bleibt den meisten, wie er als letzte der zahllosen Zugaben seine Hymne »Blowin' in the wind« anstimmte. Erstaunt schauten viele Besucher einander an: »Was singt er da?« – »Mr Tambourine man« oder »Blowin' in the wind«? Bob Dylan verwob beide Melodien ineinander, das Genie sang damals diese beiden Lieder gleichzeitig.

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Im gleichen Konzert riss er Witze über seine langjährige Partnerin Joan Baez. Fast auf den Tag genau drei Jahre später, am 16. Juli 2004, stand sie an gleicher Stelle auf der Bühne der Alten Saline – und riss Witze über Bob Dylan, ahmte seine nasale Stimme nach und spielte natürlich auch die Songs, mit denen die beiden einst die junge Generation in ihren Bann gezogen hatten.

Welche Wellen Dylans Konzert in Bad Reichenhall im Vorfeld selbst in Österreich schlug, brachte ein Bericht in der Zeitung »Der Standard« zum Ausdruck. Die Überschrift lautete: »Göttlicher Stau: Pilgern zu Bob Dylan«. Der Autor jenes Berichts schrieb: »Was Bob spielen wird, wie und warum – wen kümmert's. Es geht darum, dass er spielt. Und man Zeuge sein kann. Denn dass es sich bei Bob um einen der größten Musiker, Künstler, Reservegott und was weiß ich, was alles noch, handelt, dürfte sich auf diesem Planeten ja mittlerweile herumgesprochen haben.«

Bob Dylans »Blowin' in the wind« begegnet den Menschen heute an Orten, wo sie das nie und nimmer vermuten würden: Tausende Menschen zieht es Jahr für Jahr nach Südtirol. Und wer in Bozen Richtung Meran abbiegt, der muss zwangsläufig durch einen Tunnel, der einen Porphyrkegel durchquert. Auf diesem Berg thront die Burg Sigmundskron. Hier hat der Extrembergsteiger Reinhold Messner sein »Mountain Museum« eingerichtet. In einer Abteilung läuft in Endlos-Schleife folgende Passage aus »Blowin' in the wind«: »Yes and how many years can a mountain exist, before it’s washed to the sea? Yes and how many years can some people exist, before, they’re allowed to be free?« Bei einer Führung lautete die ziemlich unpoetische Messnersche Übersetzung des ersten Teils: »Wie viele Jahre braucht es, bis ein Berg zerbröselt?«

Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan hat das Komitee mit Sicherheit eines erreicht: Menschen, die sich bisher nicht dafür interessiert haben, werden vielleicht neugierig auf die Geschichte der seit dem Jahr 1901 jährlich vergebenen Auszeichnung. Bob Dylan wird den Preis als erster Musiker in der 115-jährigen Geschichte des Nobelpreises voraussichtlich am 10. Dezember in Oslo in Empfang nehmen. Klaus Oberkandler