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Lötkolben, Fellstiefel und Gitarren: Ostrock im Museum

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Ostrock-Museum
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Reinhardt Dankert in einem nachgebauten DDR-Musikgeschäft. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa Foto: dpa

Wer an Rockmusik aus der DDR denkt, dem kommen meistens die Puhdys, Karat oder City in den Sinn. Doch die Musikszene der 70er und 80er Jahre war östlich der Mauer riesig. So groß, dass es für ein eigenes Museum reicht.


Kröpelin (dpa) - Reinhard Dankert zeigt auf das Arrangement von Gitarren, Schlagzeug und Boxen auf der kleinen Bühne und fragt: »Was war das wichtigste Zubehör auf einer Bühne zu DDR-Zeiten?«. Die Antwort: »Der Lötkolben«.

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Dankert hat die Lacher auf seiner Seite, denn die meisten Besucher des Ostrockmuseums in Kröpelin bei Rostock wissen, wovon der 68-Jährige spricht. »Irgendwas war immer kaputt und musste repariert werden.« Er spricht aus eigener Erfahrung, denn Dankert hat selbst in einer Band gespielt. »Es muss fürchterlich geklungen haben, aber damals fanden wir das alle toll.«

Schon beim Betreten des gerade fünf Jahre alten Museums - laut Dankert gibt es kein zweites dieser Art in Deutschland - wird der Bezug zur DDR hergestellt. An der Treppe steht ein »Verstärkergestell 100 Watt« und versorgt den Besucher mit Musik aus der Zeit, als das Land noch zweigeteilt war. Damals entwickelte sich im Osten eine eigene Musikrichtung, die selbst vom Museumsmitbegründer Dankert als manchmal sehr kompliziert und konstruiert beschrieben wird. Das wiederum lag an der besonderen Situation, in der sie entstanden ist.

Dass das Museum wichtig ist, steht für den Ex-Puhdys-Keyboarder Peter »Eingehängt« Meyer außer Frage. Er sieht ein zunehmendes Interesse der Menschen mit Ostbiografie an der Musik. »Sie stellen fest, dass das damals gar nicht so schlecht war.« Nun könnten sie sich in Kröpelin daran erinnern. Für »Wessis« sei das eine ganz andere Musik mit anderen Texten gewesen. »Wir hatten andere Probleme.« Aber bei Auftritten im Westen hätten die Leute besser mitsingen können als die in der DDR. »Sie haben sich vorher mit den Inhalten beschäftigt.«

Im Westen war und ist kaum bekannt, dass es deutsche Rockmusik schon von der 1964 in Ost-Berlin gegründeten Gruppe Team 4 gab. Sie gilt als die erste DDR-Band, die nur deutschsprachige Titel produziert hat, sagt Dankert.

Die Kröpeliner Sammlung hat keinen wissenschaftlichen Anspruch. »Wir wollen einfach nur kleine Geschichten erzählen«, erzählt Dankert. Dazu haben Designstudenten der Hochschule Wismar beigetragen, die mit viel Liebe zum Detail die Ausstellung entwickelt haben. »Man kann durch dieses Museum in zehn Minuten durchrauschen, man kann aber auch nach drei Stunden rausgeschmissen werden.« Denn die DDR-Musik war wesentlich mehr als nur Puhdys, Karat oder City, wie durch die unzähligen Facetten der Ausstellung deutlich wird.

Dankert, der jahrelang für die SPD im Schweriner Landtag saß, macht klar, dass es in diesem Museum nicht um Ostalgie und Verherrlichung von »glorreichen DDR-Zeiten« geht. »Wir wissen sehr wohl, was damals los war.« Die Stasi sei überall drin gewesen, die Leiter von Clubs mussten berichten. »Wenn Du angeeckt bist, warst du weg.«

Die vier Abteilungen des Museums sind voll mit Raritäten. Einer der Räume ist gefüllt mit alten Tonbändern und Plattenspielern, die teils verblüffende Ähnlichkeit mit »West-Geräten« haben. »Bis zu einer bestimmten Zeit - 1961, dann ging es nach einem schweren Vorkommnis auseinander.« So steht im Regal auch das Kultgerät Stern Recorder, das »jeden Ostbürger in helle Verzückung« bringt.

Der frühere Sänger der Gruppe Wir, Wolfgang Ziegler, ist noch heute als 76-Jähriger in Sachen Ostrock aktiv und mit der Band Ossis unterwegs. Es gibt viele Fans, die diese Musik und die Szene aus den 70er und 80er Jahre lieben, sagt er. »Mein Herz schlägt nach wie vor zu dieser Musik.«

© dpa-infocom, dpa:200720-99-853038/3

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