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Logopädagogische Einbahnstraße mit Gegenverkehr

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Christiane Warnecke als Krankenschwester (links) und Sophie Hichert als wortlose Patientin in dem Stück »Persona« im Schauspielhaus Salzburg. (Foto: Marco Riebler)

»Persona« hieß im griechischen Theater die einen Schauspieler verbergende Maske. In der C. G. Jungschen Psychologie ist es die nach außen hin bewusst gegebene Rolle. Der Mensch spielt sie so lange, bis ihm der Schatten, das Verdrängte, aufs Genick oder sonstwohin haut.


Wenn’s brenzlig wird, die Emotion das erste Mal überkocht und die Krankenschwester in berechtigter Erregung mit einem Topf heißen Wassers hinter der Patientin her ist, dann bricht diese ja doch das Schweigen. Es geht schon, wenn auch nur für ein einziges Wort …

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Nicht unheikel, einen Film wie Ingmar Bergmans »Persona« auf die Bühne zu stellen. Da ist einmal der Plot selbst, in dem die Handelnden tiefenpsychologisch durchgeknetet werden – hinlänglich interessant auch fürs Theater, weil Reden und Schweigen, Wahrhaftigkeit in der Sprache oder in ihrer Verweigerung, ja dort genau so Thema sind. In Bergmans »Persona«, diesem 1966 gedrehten Schwarzweißfilm, ist aber die Reflexion übers Trägermedium, den Film also, auch ein Thema. Wenn nicht das Wichtigere. Diese Dimension fehlt zwangsläufig, auch wenn auf der Bühne, so wie in der von Judith Keller inszenierten Aufführung im Salzburger Schauspielhaus-Studio, viel mit Videoprojektionen gearbeitet wird.

Zwei Frauen befinden sich also auf einer logopädagogischen Einbahnstraße, auf der es alsbald doch kommunikativen Gegenverkehr gibt. Ob geregelt oder doch eher als Geisterfahrt, bleibt mehr oder weniger offen: Die Schauspielerin Elisabeth Vogler schweigt. Als »Elektra« ist sie auf der Bühne verstummt, nur kurz glücklicherweise. Aber nach der Aufführung versagt sie sich dem Wort endgültig. Die Krankenschwester Alma wird abkommandiert, für die Psycho-Schweigerin zu sorgen. Die Schwester kommuniziert professionell, und sie redet halt, weil das Gegenüber fehlt, öfters und immer öfter mal von sich selbst. Da zeigt sich, dass die stade Patientin alles andere ist als unkommunikativ. Sie ist eine mit freundlichen Blicken durchaus kommunizierende gute Zuhörerin.

Das und eine Flasche Portwein lockert die Zunge der Krankenschwester, die einiges loszuwerden hat. Als Bergman »Persona« drehte, hing die sexuelle Befreiung der 68er akut in der Luft. Das klingt jetzt alles viel harmloser in unseren Ohren als damals. »Von einer robusten irdischen Empfindsamkeit«, wird die Patientin in einem Brief beschrieben, als nette Quassel-Suse also. Das kränkt diese echt und sie dreht den Spieß um: Ab nun steht die Patientin im Generalverdacht, ihre Schweigerolle aus Koketterie, aus Eigennutz gar zu spielen. Das Thema Mutterschaft kommt auch ins Spiel: Die eine, die Schauspielerin, hat eins und mag’s nicht, die Krankenschwester hat abgetrieben und Gewissensbisse. Die Psychen der Frauen fließen ineinander, Ingmar Bergman spielt recht raffiniert mit dem Alter-Ego-Effekt. Nicht zufällig verwechselt der Ehemann, der auftaucht, die Schwester mit der Gattin …

Christiane Warnecke bringt die nötige Herbheit mit, um der Schwester Alma ein starkes Tiefenprofil zu geben. So lebensunerfahren, wie sie vorgibt zu sein, ist diese Frau ja nicht – aber wo sie das Leben hinführen könnte, ahnt sie nicht ansatzweise. Sophie Hichert ist die wortlose Patientin, etwas jünger als von Ingmar Bergman vorgesehen, einladend charmant in Blicken und zurückhaltenden Gesten. Das muss man auch erst so hinkriegen. Viel Premierenbeifall also für die beiden Hauptdarstellerinnen (nachdem sich das Publikum von der Psycho-Keule erst mal gefangen hatte). Susanne Wende als Ärztin und Albert Friedl als Ehemann Vogler sind Stichwortbringer.

Erich Uiberlacker hat ein blütenweißes Tüllvorhang-Bühnenbild geschaffen und ein Bett, ein Sofa und Gartenmöbel hineingestellt. Samuel Käppeli lässt projizieren, bringt ein wenig Heute ein (arme Kinder aus Kriegsgebieten und der Dritten Welt) und er lässt Bühnen-Spiel und Groß-Porträtprojektion der Darstellerinnen so knapp auseinanderklaffen, dass das Janusköpfige der Figuren immer angedeutet wird. Das hat Stil, Stimmung – und wer auf Tiefenpsychologie voll anspricht, wird mächtig beeindruckt sein. Ein wenig vordergründiges Seelenspiel, mögen weniger Wohlmeinende argwöhnen.

Aufführungen finden bis 20. Februar statt. Reinhard Kriechbaum