weather-image

Lohn für »Forschungsarbeit«

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Daniel Barenboim war mit dem von ihm 1999 gegründeten »West-Eastern Divan Orchestra« in Salzburg zu Gast. (Foto: Borrelli/Salzburger Festspiele)

Triumphal und anmutig zugleich – so beginnt der ausladende Kopfsatz von Peter Iljitsch Tschaikowskis Symphonie Nr. 4 f-Moll opus 36. Einem markanten Fanfarenmotiv auf Hörnern und Fagotten, das der Komponist als »Haupteinfall« des gesamten Werks sah, folgt ein ruhig dahin schwingender Walzer mit einem neckischen Gegenmotiv und einem schnellen Abwärts-Lauf, das durch die Instrumentengruppen wandert. Diesem mitreißenden Oeuvre hauchte das »West-Eastern Divan Orchestra« unter Leitung von Daniel Barenboim pulsierendes Leben ein. Die Symphonie war der Höhepunkt eines Festspiel-Konzerts in der Reihe »Orchester zu Gast – Salzburg contemporary« im Großen Festspielhaus.


Auffällig ist, dass der russische Komponist zwar die traditionelle viersätzige Anlage der Symphonie beibehielt, sie jedoch, vor allem im ersten Satz, mit neuen Formen füllte. Er verzichtet hier auf die Sonatenhauptsatzform mit Exposition, Durchführung und Reprise des thematischen Materials und baut seine musikalischen Einfälle stattdessen um oben genannten Walzer.

Anzeige

Die Satzbezeichnung »Andantino in modo di canzona« gab beim Folgesatz den Charakter vor: Die wunderbar singende Melodie tauchte erstmals in der Oboe auf. Warme, eingängige, hymnische Streicherklänge voller Schmelz und der sich immer wieder koboldartig einschleichende Abwärtslauf vom ersten Satz prägten das Andantino. Beim »Scherzo« korrespondierte ein duftiges Streicher-Pizzikato, verhalten bis ins feinste Pianissimo, mit einem herrlich frechen Holzbläsersatz. Beide Themen wurden schließlich auf reizvolle Weise miteinander verquickt.

Mit Feuer und Leidenschaft brachten die etwa 100 überwiegend jungen Musiker, die zu gleichen Teilen israelischer und arabischer Herkunft sind, die temperamentvolle russische Farbigkeit des Finales »Allegro von fuoco« zur Geltung. Sie verschmolzen dabei zu einem wundervoll homogenen Klangkörper, der dank der zahlreichen Kontrabässe ein kraftvolles Fundament in der Tiefe hatte. In das Klanggeflecht brach feierlich erneut die Fanfare vom Kopfsatz ein.

Die Generalpausen nach zwei Trugschlüssen inszenierte Barenboim effektvoll. Aus einem Pianissimo-Klangnebel mit sagenhaft weichem Streicher-Sound tauchten alte Themen wieder auf. Mit vollem Körpereinsatz ließ der Dirigent den sich in rhythmisch knackigen Punktierungen verdichtenden Satz dahin peitschen und stach seinen Stab beim Schlussklang nach vorn wie einen Degen. Begeisterung, Jubel und warme Sympathie im Saal umfingen die Musikerinnen und Musiker und ihren Chef.

Mit diesem Werk wurde das Publikum dafür belohnt, dass es sich vorher auf eine Art »musikalische Forschungsarbeit« eingelassen hatte, wie es Mark Schule Steinen im Programmheft umreißt – ein etwas sperriges, jedoch musikalisch durchaus hochspannendes zeitgenössisches Werk von Pierre Boulez, »Dérive 2« für elf Instrumente in der erweiterten Fassung von 2009 – 50 Minuten anstrengende serielle Musik für Ohren und Geist.

Das zerklüftet beginnende Stück erhielt immer mehr Zug und erinnerte manchmal an Plätschern, Wasserspritzer in Form von plötzlichen Ausbrüchen oder einem von Vibrafon, Marimbafon, Klavier und Geigen virtuos imitierten Meereswogen. Die Konzentration, Exaktheit und Präsenz der elf Musiker, die auch Englischhorn, Klarinette, Fagott, Horn und Harfe spielten, beeindruckte. Lev Loftus ähnelte mit seinem Temperament am Marimbafon zuweilen einem Kobold. Schillernde Farbigkeit gaben dem Stück die Anklänge an den Modern Jazz aus Boulez’ Jugendtagen und die zarten, flüchtigen Arabesken, teils über langen Haltetönen.

Letztere erinnerten an Claude Debussys Stimmungsmalerei in der ersten Komposition des Abends: »Prélude à l’aprèsmidi d’un faun«. Mit dessen Uraufführung 1894 in Paris wurde quasi der musikalische Impressionismus eingeläutet. Das bekannte Flötensolo, der hauchzarte Klangteppich des Orchesters bei der Wiederaufnahme des Themas in der Oboe und später in der Klarinette, die duftigen Harfen, die meeresähnlich wogenden Streicher, die lyrischen Hörner, das liebliche Violinsolo über Harfenklängen, die Triangel und der wunderbar feine Schlussakkord: Alles passte in diesem von der Lautstärke her verhalten dargebotenen Klassiker. Veronika Mergenthal