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Märchenhafter Ausflug ins Blaue

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Pianistin Dr. Chenny Gan und Kunsterzählerin Klara Führen bewegten ihr Publikum mit »Piano and Stories in Blue«. (Foto: Benekam)

»Was ist für Sie Blau?« Klara Führen, Kunsterzählerin aus Prien wirft nonchalant sinnbildlich einen Ball ins Publikum des Traunsteiner Vereinshauses – und den sollte sie prompt von einem offenen Publikum zurückgespielt bekommen. Im Rahmen der Chiemgauer Kulturtage stand ein genres-, kulturen- und generationsübergreifendes Bühnen-Format auf dem Programm, das Klara Führen zusammen mit der chinesisch-amerikanischen Pianistin Chenny Gan erarbeitet hatte: »Piano and Stories in Blue«.


Das Publikum assoziierte mit »Blau«, Wasser, den Himmel oder gar den Zustand nach unkontrolliertem Alkoholgenuss. Für jeden Menschen hat das vermeintlich selbe Ding andere Bedeutungen, andere »Färbungen« und letztlich gaben die beiden Künstlerinnen mit ihrer Arbeit einen horizonterweiternden Blick auf die »Dinge hinter den Dingen«.

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Blau in der Übersetzung aus dem Englischen, also blue, beschreibt, neben der Farbe einen Gemütszustand: Melancholie. Dieses Gefühl, das nicht mit Depression zu verwechseln ist, aber doch eine gewisse »innere Dissonanz« aufweist, kann inspirativ wirken. »All Blues« mag eines dieser der Melancholie entwachsenen Produkte gewesen sein, denn Miles Davis machte in seiner Komposition, die Chenny Gan zu Gehör brachte, eben diese Zerrissenheit hörbar.

Klara Führen brachte dem Publikum in kurzen Erzählungen aus Miles Davis' Leben und Wirken die Essenz seiner Musik näher: »Nicht das zu spielen, was dasteht, sondern lieber das, was nicht dasteht«, war seine Devise. »Musik ist etwas, was Menschen in sich tragen.« Genau dies mag auch Claude Debussy beherzigt haben, denn aus seiner Tonsprache in Chenny Gans virtuosem Klavierspiel von »Pagodes«, hörte das Publikum einen ähnlich kreativen Quell sprudeln.

Im übertragenen Sinn ging es in einem chinesischen Märchen über eine nicht heiratswillige Prinzessin um nichts anderes. Die kluge Prinzessin stellt ihren Freiern eine Bedingung: Wer ihr eine blaue Rose bringt, den nimmt sie zum Mann. Keine leichte Aufgabe, an der viele scheiterten. Ein sensibler Künstler »erkennt« die Prinzessin und versteht ihren Beweggrund. Obwohl seine Rose weiß ist und nicht blau, seine Gefühle aber echt, erkennen er und die Prinzessin die Rose als blau.

»Silver Clouds chasing the Moon«, eine Komposition aus China, lieferte den passenden Nachhall zu diesem tiefgründigen Märchen, das Klara Führen mit viel Gefühl und in spannender Erzählung vortrug.

Innerlich waren die Gäste längst von den sinnigen Märchen und Chenny Gans virtuosem Klavierspiel bewegt. Als aber Klara Führen auf humorvolle Weise die Hintergründe zur Entstehung der »heimlichen österreichischen Volkshymne« (dem Donauwalzer von Johann Strauss) verriet, die dann auch noch eingespielt wurde, bewegte sich schließlich das Publikum selbst genüsslich im Dreivierteltakt zur Tanzfläche.

Der Pause folgte ein persisches Märchen über einen ungemein schlauen Vogel, der ebenfalls blau war. In diesem Fall war er aber weder melancholisch noch alkoholisiert, sondern einfach nur gewieft. Sein schönes blaues Gefieder brachte ihn hinter Gitter, doch mit einer List befreite er sich aus seinem goldenen Käfig. In »Oiseaux tristes« von Maurice Ravel sah das Publikum den Vogel förmlich über die Dächer Traunsteins gen Freiheit entfliehen und so den besitzergreifenden Herren sein »blaues Wunder erleben«.

Chenny Gan, so schien es, hatte sich so intensiv mit dem historischen Stoff beschäftigt, der George Gershwins »Rhapsody in Blue« zugrunde lag, dass das Publikum einen neuen Zugang zu seiner experimentellen Tonsprache und ihren Zwischentönen fand. Die Zuhörer im Vereinshaus bedankten sich für den kurzweiligen Kunstgenuss mit seinen spannenden Ausflügen »ins Blaue« mit stehenden Ovationen, für die sich ihrerseits die Künstlerinnen mit einem Gedicht und einer Improvisation über das englische Lied »Scarborough Fair« revanchierten. Kirsten Benekam

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