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Magisch-poetische »Mondgeschichten«

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Martina Eisenreich (Mitte) verzauberte zusammen mit Christoph Müller (links) und Alex Haas mit ihren außergewöhnlichen Melodien das Publikum. (Foto: Mergenthal)

Beiläufig begannen die vier Musiker ihr Konzert, fast schien es so, als würden sie noch ihre Instrumente stimmen. Sie entlockten der Geige, der Gitarre, dem Bass und dem Schlagzeug ein Raunen und Hauchen. Nach und nach erlaubten sie den Tönen, sich zu dehnen und zu klingen, und ein unsagbares Schwingen begann. Mit feiner Klangmagie und seinem aktuellen Programm »Contes De Lune« (»Geschichten vom Mond«) zog das Martina-Eisenreich-Quartett die Besucher im Bad Reichenhaller Magazin 4 sofort in seinen Bann.


Die vielseitig begabte junge Violinistin und Filmkomponistin Martina Eisenreich stammt aus dem Landkreis Erding und erlernte seit dem Alter von drei Jahren zahlreiche Instrumente. Bereits als Teenager studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater und ist seit 2009 Dozentin an der Münchner Filmhochschule. Derzeit räumt sie einen Preis nach dem anderen ab, wie 2014 den Rolf-Hans-Müller-Preis für die beste Deutsche Fernseh-Filmmusik, eine der wichtigsten und höchstdotierten deutschen Auszeichnungen für Filmmusik.

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Experimentierfreudige Ausnahmemusiker

In ihrem Quartett vereint sie drei ebenso experimentierfreudige und individualistische Ausnahmemusiker um sich, die sich blind verstehen und sich um die Grenzen zwischen den Genres oder herkömmliche Vorstellungen von »schönem Klang« nicht scheren: Christoph Müller mit einem selbstversunkenen, unkonventionellen Gitarrenspiel, Wolfgang Lohmeier, Percussion-Alchimist mit einer wahren Wundermaschine, und Alex Haas, ein verschmitzter Artist am Kontrabass.

Mit trockenem, schrägem Humor, Charme und feiner Ironie führte die das naive, etwas befangene junge Mädchen vom Land mimende Martina Eisenreich selbst durch das Programm und gestattete dabei skurrile Einblicke in das Tour-Leben der Band: Die Vier fanden sich angeblich durch die gemeinsame Begeisterung für das Computerspiel Tetris und absolvieren jede Woche statt einer Musikprobe eine Beladungs-Übung, um alle Utensilien samt Hund in den Tour-Bus zu bekommen.

Ihrem Gönner in der Toskana, der ein Jäger sowie der beste Freund des Bürgermeisters und des Polizeichefs in einem Bergdorf ist, widmeten sie das Stück »Giovanni il Grande«. Über Nacht habe er sie dort berühmt gemacht, indem er die Plakate über die Warnschilder an einer kurvigen Straße geklebt habe, erzählte die Geigerin. Die Musik versetzte die Zuhörer mitten in ein pulsierendes italienisches Dorf, weckte Assoziationen von hupenden Autos, heißen Straßen und einer sonnendurchfluteten Landschaft.

Ein Gegenpol dazu war eine Passage aus Eisenreichs Filmmusik zum Film »Mondmann«, die surrealistisch begann und in einem bacchantischen Zigeunertanz endete.

Die Musik der Vier war manchmal wie ein Tasten und Suchen, sie lebte und pulsierte, war voller kindlicher Entdeckerfreude und reizte alle Möglichkeiten der Instrumente aus. Spiellust verband sich mit Perfektion, auch in den kunstvoll zelebrierten Übergängen.

Martina Eisenreich sorgt für Überraschungseffekte

Spaß machten die musikalischen Flirts der Geigerin mit den Kollegen und ihre Überraschungseffekte, zum Beispiel mit der irischen »Tin Whistle« und einer selbst gebauten »Grammofon-Geige«.

Da tanzten Elfen und Trolle auf der Bühne, eine mongolische Melodie atmete die Weite der Steppe, fernöstliche meditative Ruhe, die Wärme des Lagerfeuers und uralter Geschichten.

Das Quartett scheute vor nichts zurück, mischte Elemente und Zitate aus Gipsy- und Klezmer-Musik, Jazz, Flamenco, Rock (»Stairway to heaven«), Klassik oder Helene Fischer in ihre eigenwillige Tonpoesie hinein.

Ein Höhepunkt war das Stück »Die Chance« mit irrwitzigen Soli von Wolfgang Lohmeier mit seinen teils selbst kreierten Instrumenten wie dem »Bierphon« und einem rasanten Duo von Lohmeier und Eisenreich. Das Publikum erklatschte rhythmisch zwei Zugaben, darunter eine eigene Version von »Duelling Banjos«, bei der Müller seine Gitarre hinter dem Kopf spielte und Haas den Kontrabass zum Banjo umfunktionierte.

Wer nicht da war – und das waren angesichts etlicher leerer Stühle zu viele – hat was verpasst. Veronika Mergenthal