»Man muss das Leben nehmen, wie es kommt«

Bildtext einblenden
Vor fünf Jahren war Familie Brandner noch glücklich zu dritt: Ingrid, Christina und Heini Brandner (v.l.). Dann verstarb der Familienvater bei einem tragischen Unfall. (Foto: privat/Repro: Kilian Pfeiffer)

Schönau am Königssee – »Um nichts in der Welt würde ich meine Tochter eintauschen wollen«, sagt Ingrid Brandner. Ihre Tochter kam mit einer seltenen Stoffwechselkrankheit auf die Welt, ist geistig behindert und benötigt deshalb eine Einszueins-Betreuung. Mittlerweile ist Christina 26 Jahre alt.


Als vor drei Jahren Ingrid Brandners Ehemann Heini tödlich mit dem Rad verunglückte, fiel die 64-Jährige in ein tiefes Loch. Wertschätzung für das im Leben Geleistete erhielt die gebürtige Berchtesgadenerin nun in Form der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, die sie kürzlich vom Landrat überreicht bekam.

»Natürlich habe ich mir mein Leben anders vorgestellt«, erzählt Ingrid Brandner, während sie in ihrem Wohnzimmer an einem Holztisch sitzt und ihr Leben Revue passieren lässt. Im Raum verteilt stehen Bilder ihres Mannes, mit dem sie 42 Jahre »ein Team« bildete. Es sind Erinnerungen an vergangene Zeiten, als es das Leben noch gut meinte und die drei eine Familie waren. Der Halt ihres Mannes fehlt ihr, gibt sie zu.

Ingrid Brandner legte die Mittlere Reife in St. Zeno ab, sie ist gelernte Arzthelferin. 22 Jahre arbeitete sie in ihrem Beruf. Bis Tochter Christina im Jahr 1995 zur Welt kam. Es schien alles gewöhnlich, das Kind gesund. Erst als Christina 15 Monate alt war, wurde Mutter Ingrid skeptisch: Die Tochter wollte nicht laufen, konnte nichts sagen. »Das waren ungewisse Zeiten«, erinnert sich die Mittsechzigerin. Erst in der Kinderklinik in Schwabing stellten die Ärzte die Diagnose: Christina hat eine seltene Stoffwechselkrankheit, in Deutschland gibt es nur ein paar Hundert Fälle. Die Diagnose schockierte Ingrid Brandner. Wenigstens war nun die Ungewissheit fort, die sie über Wochen und Monate begleitet hatte, berichtet sie.

»Meinen Mann und mich schweißte das zusammen«, fährt Ingrid Brandner fort, die ihren Beruf an den Nagel hing und sich ab sofort ausschließlich um Christina kümmerte. Erst mit drei Jahren konnte die Tochter laufen, sprechen wird sie nie können. »Damit mussten wir uns abfinden, die Situation annehmen«, sagt sie, während sie durch einen Stapel Papier mit Fotos blättert. Christina lebt ein unselbstständiges Leben. Hilfe braucht sie den gesamten Tag über. »Wenn ich zum Einkaufen muss, kümmert sich meine Schwägerin um sie«, erzählt Brandner. Christina allein im Raum zu lassen, ist nicht möglich. Die Schwägerin wohnt nur ein Stockwerk tiefer und ist da, wenn man sie braucht. Seit Corona das Leben bestimmt, hat sie oft ausgeholfen, wenn Not am Mann war. Tochter Christina besucht die Förderstätte der Lebenshilfe in Anger, früh morgens wird sie abgeholt, beschäftigt sich den Tag über mit kleineren Tätigkeiten. Gemeinsam gehen die körperlich und geistig Behinderten spazieren, nachmittags wird Christina dann wieder nach Hause gebracht. Es sind die einzigen freien Stunden, die Brandner am Tag bleiben. »Ich bin den Mitarbeitern unendlich dankbar, wie gut sie sich um Christina kümmern«, beteuert die Mutter.

Die Schönauerin ist Christinas Bezugsperson. Die, die immer da ist, wenn die 26-Jährige nach der Mutter ruft, etwas anstellt oder einfach nur Hunger hat. Natürlich steht dabei das eigene Leben hintan. Ehemann Heini Brandner, der als Elektromeister arbeitete, und den Ingrid Brandner im Jahr 1981 geheiratet hatte, entlastete seine Frau wo nur möglich und wenn es die Zeit zuließ, fuhr er mit Christina im Auto spazieren.

»Mein Mann war ein Extremsportler«, erinnert sich Brandner. In den Jahren vor der Geburt der einzigen Tochter war er bereits viel unterwegs. Ein Bergfex, der schon in jungen Jahren etliche Erstbegehungen in den Berchtesgadener Alpen absolvierte. Mit seiner Frau war Heini Brandner gemeinsam auf dem Mountainbike unterwegs, kleinere Touren, nicht das Extreme, das war für Ingrid nichts. Zusammen erlernten sie das Tauchen. Der Sport hatte einen besonderen Stellenwert in seinem Leben, so hatte sie ihn damals kennengelernt. Bei Ingrid Brandner klingelten aber immer die Alarmglocken, wenn er wieder zu einer schweren Tour aufbrach: »Ich machte mir dann Sorgen.«

Mit dem Gleitschirm hatte Heini Brandner zwei Unfälle, einer ging glimpflich aus, der andere brachte ihn fast in den Rollstuhl. Nur eine komplizierte Operation ermöglichte es ihm, normal weiterleben zu können. Mit dem Bergsteigen war es danach vorbei. Er entdeckte das Rennradfahren für sich. Vor drei Jahren brach er um neun Uhr morgens zu einer Radtour nach Fürstenbrunn auf, von der er nicht mehr zurückkehrte.

Die Brandners pflegten ein Ritual: Eine Dreiviertelstunde, bevor Heini heimkommt, kündigte er sich immer an. Ingrid hatte ihm gerade eine Butterbreze beim Bäcker gekauft, »damit er nicht hungrig sein muss«. Als sie vom Bäcker nach Hause fuhr, war die Hauptstraße Richtung Königssee bereits gesperrt, fünf Radminuten von zuhause entfernt. Ingrid machte sich Sorgen, sie hatte kein gutes Gefühl und wählte die Nummer von Heini: Der Teilnehmer war nicht erreichbar.

»Ich sah dann sein zerstörtes Rad in drei Teilen mitten auf der Straße liegen«, erinnert sich die 64-Jährige. Auch heute, drei Jahre später, fällt es ihr schwer, über den Tag zu sprechen. Eine 27-jährige Augsburgerin hatte ihn mit dem Pkw erwischt. Heini Brandner traf keine Schuld, heißt es im Gutachten. Er wurde von einer auf die andere Sekunde aus dem Leben gerissen. Der Schock saß bei Ingrid Brandner tief. »Er war so oft in Gefahr, er kam aber immer wieder heim«, sagt sie. Damit umzugehen, dass Heini nun nicht mehr zurückkommt, fiel ihr schwer. Die Monate danach waren hart. »Unterstützung im Alltag und bei der Trauerbewältigung bekam ich von Verwandten und Freunden, aber den Verlust des geliebten Partners muss man im Grunde ganz alleine bewältigen.«

Seitdem ist viel Zeit vergangen, Christina und Ingrid sind ein eingespieltes Doppel, mit Höhen und Tiefen, so wie in jeder Familie. Die 26-Jährige wird voraussichtlich in rund einem Jahr eine Wohnmöglichkeit in Ainring erhalten und dann nur noch an Wochenenden zu Besuch kommen. »Ich werde älter, Christina ist jetzt eine junge Frau«, so Ingrid Brandner.

Die Mutter öffnet die Schatulle mit der Verdienstmedaille, die ihr wie berichtet kürzlich verliehen wurde. Der Bundespräsident hat die Urkunde unterschrieben. »Für mich ist das eine ganz besondere Auszeichnung«, sagt sie mit einem freudigen Strahlen im Gesicht. Das Schicksal habe es zwar nicht immer gut mit ihr gemeint, sie sei aber auf dem besten Wege, es zu akzeptieren.

Kilian Pfeiffer