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Ausstellung in der Galerie »Kunstgetriebe« in Hammer mit Sepp Dreissingers Buch und Dokumentation

Maria Lassnig in Film und Fotografien

Der Bildhauer Franz-Xaver Angerer zeigt in seiner Galerie »Kunstgetriebe« in Hammer bei Siegsdorf neben seinen eigenen Werken in einer Sommerausstellung ausgewählte Porträtfotografien der berühmten österreichischen und international bedeutenden Malerin Maria Lassnig (1919 bis 2014) von Fotograf, Autor und Filmemacher Sepp Dreissinger aus Österreich.

Sepp Dreissinger hielt Maria Lassnigs Leben und ihr Werk in einem Film und Fotos fest. 23 davon sind jetzt in Hammer bei Siegsdorf zu sehen.

Die ausgestellten 23 Fotografien sind ausgesuchte Beispiele, die im Buch von Sepp Dreissinger mit dem Titel »Maria Lassnig – Gespräche und Fotos« publiziert sind. Auf Wunsch von Maria Lassnig erfolgte darüber eine filmische Dokumentation, die von Sepp Dreissinger und Heike Schäfer gedreht wurde und zusammen mit der Fotografie-Ausstellung im »Kunstgetriebe« zu sehen ist.

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Sepp Dreissinger ist 1946 in Feldkirch in Vorarlberg geboren und absolvierte ein Musikstudium am Mozarteum Salzburg. 1981 war er Gründungsmitglied der Galerie Fotohof in Salzburg und 1983 erfolgte der Umzug von Salzburg nach Wien, wo er als freischaffender Fotograf, Autor und Filmemacher lebt und arbeitet. 2015 veröffentlichte er das Buch und den Film über Maria Lassnig »Es ist die Kunst jaja ...«, der im »Kunstgetriebe« zu sehen ist.

Der Fotograf Dreissinger begleitete Maria Lassnig in den letzten zwölf Jahren bis zu ihrem Tod 2014. Sein Film gibt einen sehr persönlichen Einblick in Maria Lassnigs Leben und künstlerisches Schaffen. Sie war eine Diva, wenn sie öffentlich auftrat, bei Bedarf gab sie aber auch das Hausmütterchen – wie 1988 beim ersten Fototermin mit Sepp Dreissinger für die Wiener-Festwochen-Ausstellung.

Maria Lassnig galt als ein besonderes Talent und wurde von ihrer Mutter gefördert. Sie durchlief zuerst eine Ausbildung zur Volksschullehrerin und absolvierte dann von 1940 bis 1945 ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste bei Wilhelm Dachauer und später bei Ferdinand Andre, das sie 1945 mit dem Diplom abschloss. 1948 hatte sie in Klagenfurt ihre erste Einzelausstellung in der sie »Körperbewusstseinszeichnungen« und kleine surreale Figurenkompositionen zeigte.

1968 bezog sie ein Atelier in New York, ein Stipendium brachte sie 1978 nach Berlin. 1980 kehrte sie wieder nach Wien zurück, wo sie an der Hochschule für angewandte Kunst mit 61 Jahren eine Professur für Malerei erhielt. Ihr zeichnerisches und filmisches Werk wurde in einer großen Retrospektive in der grafischen Sammlung Albertina in Wien gezeigt. 2013 erhielt sie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale von Venedig für das Lebenswerk und 2014 waren ihre Gemälde in der Ausstellung im MoMA PS1 in New York City zu sehen. Am 6. Mai 2014 starb Maria Lassnig im Alter von 94 Jahren in Wien.

Ihr Mittel sind die klassische Malerei, eine Figuration ohne einfache realistische Abbildung. Maria Lassnig malte das Subjekt, nicht das Objekt. So sind es immer wieder Selbstporträts, angereichert mit surrealen Elementen, die eine eigenartige und ganz spezifische Schwebe zwischen Nähe und Fremdheit erzeugen. Seit 1949 malte sie Selbstporträts, die ihr Körpergefühl und ihr physisches Empfinden widerspiegeln.

Dabei waren die Körpergefühlsfarben ihr Mittel. Intuitiv setzte die Künstlerin Farben ein, um physische Gefühle wie Schmerz oder auch abstrakte Empfindungen auszudrücken. Ihre Idee war es, nicht das zu malen, was sie sah, sondern das zu verbildlichen, was ihr Körper fühlte wie auch das tiefgründig Gedankliche und das Geträumte.

Maria Lassnig war eine extreme Künstlerin und Persönlichkeit, was es für Sepp Dreissinger nicht einfach machte, sie in verschiedenen Situationen und Stimmungen fotografisch und filmisch festzuhalten. Ihrem Hauptanliegen entsprechend gelingt es Dreissinger aber auf ganz herausragende Weise, die Künstlerin in unerwarteten, ganz gewöhnlichen Lebensumständen fotografisch wie auch im Film mit Interviews festzuhalten – wie sie beispielsweise im Film das Gras auf einer Wiese in Feistritz ob Grades mit der Schere schneidet.

Sepp Dreissinger versteht es, ihre Gemütszustände und Körpersprache, ihr Gesicht und Hände im richtigen Augenblick in der Fotografie wie im Film einzufangen. Dreissinger, der auch Musiker ist, besteht auf Improvisation beim Fotografieren. Die ausgestellten Porträts sind schnelle, unerwartete Entwürfe während eines unwichtigen Gesprächs. Manche entstanden dabei zwischen Tür und Angel, andere haben unzählige Anläufe hinter sich.

Sepp Dreissinger redet viel mit seinen Darstellern. Er scheint sie zu hinterfragen und gibt ihnen keine Möglichkeit zur Selbstinszenierung. Deshalb besitzen seine ausgestellten Schwarz-Weiß- und Farbfotografien im »Kunstgetriebe« einen hohen Grad an Authentizität, der über die vermeintliche Realität der Fotografie hinausgeht. Aus berühmten und schwierigen Künstlern werden plötzlich reale Menschen.

Bei den ausgestellten Fotografien konzentriert sich Dreissinger nicht nur auf das äußere Erscheinungsbild der Malerin, sondern hält auch ihre ganz eigene Körpersprache, ihre Stimmung, ihren Gemütszustand und Emotionen im Bild und Film fest. Mitunter hat der Betrachter das Gefühl, tatsächlich in das Innere eines längeren Gesprächs oder auch Schweigens hineinschauen zu können.

Malerin und Fotograf wollen beide nicht die nach außen gerichtete »Fassade« eines Menschen darstellen, sondern das Alltägliche, das Dahinter und das Innere. Dreissingers fotografischer Stil verrät emotionale Kraft wie auch die Neigung zur Verfeinerung. Zu den Fotografien von Maria Lassnig sind auch noch 13 Originalfotografien in Schwarz-Weiß aus dem Buch »Thomas Bernhard – Porträts, Bilder und Texte« von Sepp Dreissinger in Hammer zu sehen.

Die äußerst ansprechende und sehenswerte Ausstellung im »Kunstgetriebe« in Hammer bei Siegsdorf ist bis 30. September zu sehen und jeden Samstag von 17 bis 19 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung unter der Telefonnummer 08665/927223 geöffnet. Gabriele Morgenroth