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Maschinen haben keinen Humor

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Fatih Cevikkollu machte sich vor allem Gedanken über die Digitalisierung und kam dabei beim Publikum bestens an. (Foto: Heel)

Wieder einmal für beste Unterhaltung sorgten Michael Altinger und seine Gäste bei ihrem Auftritt in der ausverkauften Traunsteiner Kulturfabrik NUTS.


Am Anfang stand dabei allerdings ein unmoralisches Angebot: Altingers alter VW-Passat Diesel, für den der Kabarettist im Publikum nach einem Käufer suchte. Er fand keinen, und so wandte er sich, sichtlich enttäuscht, anderen wichtigen Themen zu. Zum Beispiel Horst Seehofer, der demnächst als Heimatminister von Kiel bis Mallorca regieren werde und von sich selbst behauptet habe, er sei »Erfahrungsjurist«! Wie das, fragte sich Altinger, »vielleicht durch das Anschauen von Gerichtsshows im Fernsehen?« Einem Fahrverbot in Innenstädten könnte er dennoch etwas abgewinnen, könnte man die freiwerdenden Parkplätze doch für den sozialen Wohnungsbau nutzen: »Zimmer/Küche/Bad auf 9 Quadratmetern, die Miete wird in die Parkuhr einbezahlt.«

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Altingers Gäste kamen dieses Mal alle aus Köln, den Anfang machte dabei Johannes Schröder, ein 1974 in Berlin geborener Ex-Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte, der Auszüge aus seinem Programm »World of Lehrkraft« zum Besten gab. Ein »Pauker mit Frustrationshintergrund«, der von seinem »Leben am Korrekturrand der Gesellschaft« berichtete und dabei einen Rundumschlag in Sachen Schulalltag austeilte. Dabei forderte er das Publikum, das er wie (s)eine Schulklasse behandelte, mit Reizwörtern wie Gedichtinterpretation oder Elternsprechtag heraus und erläuterte launig manche Schwierigkeiten mit der deutschen Grammatik wie etwa die Geschlechter-Zuordnung (»die Kneipe – in der Kneipe«).

Auf Johannes Schröder folgte die 1973 in Ostwestfalen geborene Kabarettistin, Liedermacherin und Autorin Dagmar Schönleber, die sich laut Ankündigung durch Schreiben, Lesen, Musik und Bühnenpräsenz jung zu halten versucht und »Botox to go« ablehnt, schon allein wegen des »to go.« Sie nahm zunächst TV-Sendungen wie Germany’s Next Top-Model aufs Korn: »So lange Beine, und nur Rückschritte«, bevor sie sich über Liebeserklärungen in deutschen Schlagertexten mokierte: »Ich lass Konfetti für dich regnen/Ich schütt dich damit zu.« Als Gegenentwurf präsentierte sie ihr Lied über »Reisende Rentner«, die es schöner fänden, auf einem Kamel durch die Wüste zu reiten, statt nach Stalingrad zu reisen.

Der Letzte im Bunde war der 1972 in Köln geborene Fatih Cevikkollu, ein deutscher Theater-, Film- und Fernsehschauspieler türkischer Abstammung, der Ausschnitte aus seinem brandaktuellen Programm »FatihMorgana, analog aber sexy« präsentierte und sich dabei sehr engagiert, aber nicht verbissen zeigte. So kündigte er eingangs an, dass er keine Witze über die SPD machen werde, »das wäre wie Kinderschubsen«, und meinte: »wer die FDP wegen Christian Lindner wählt, der wählt auch die Piraten wegen Johnny Depp.«

Das wirklich große Thema war für Fatih Cevikkollu aber die Digitalisierung, das Verhältnis von Mensch und Maschine: »Wir leben in einer epochalen Phase, in einer Phase des Übergangs. Als digitaler Migrant stehst du da und fragst: Wo ist das WLAN-Kabel?« Wobei eines feststehen würde, so der Kabarettist weiter: »Den Kampf gegen die Maschinen haben wir längst verloren.« Also müssten wir diese Entwicklung für uns gestalten und in die Bildung investieren, die vermittelt, was Maschinen nicht könnten: mitfühlen, kreativ sein, solidarisch handeln. Denn das sei der Unterschied. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Maschinen keinen Humor hätten, so das optimistische Fazit des Kabarettisten. Wolfgang Schweiger

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