Massive Gewalt in »Glaubensgemeinschaft«: Schläge im Namen Gottes

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Der Mann muss nun eine Geldstrafe bezahlen. (Archivfoto: Hannes Höfer)

Bad Reichenhall – Es hat schleichend begonnen und ist dann über viele Jahre gegangen. Absolute Kontrolle, Beschimpfungen und Demütigungen, und am Ende Schläge und massive Gewalt. Am Laufener Amtsgericht angeklagt war ein 55-jähriger IT-Ingenieur aus dem Landkreis Traunstein für drei Fälle von Körperverletzung. Doch der äußerte sich nicht zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Richter Christopher Lang sah die Anklage durch die Zeugen gleichwohl bestätigt und verurteilte den Mann zu einer Geldstrafe von 4 500 Euro.


Kennengelernt hatte sich die Gruppe innerhalb einer größeren Glaubensgemeinschaft in Freilassing. Wenig später gründete man eine eigene kleine Gemeinschaft, traf sich zunächst in Karlstein, später in einer Wohnung in Bad Reichenhall. Übereinstimmend schilderten die Betroffenen: »Es kam immer wieder zu Gewaltausbrüchen, oft aus nichtigem Anlass.« – »Und Sie haben das über sich ergehen lassen?«, wunderte sich Staatsanwalt Thomas Peter. »Ich glaubte, es käme von Gott und Gott hat durch ihn gesprochen«, erwiderte ein 50-jähriger Frührentner, »der Angeklagte hat das nur ausgeführt.«

Dennoch hätten einige Mitglieder die Gruppe wieder verlassen, auch er. Doch er war stets zurückgekehrt. Am massivsten erwischt hatte es eine 51-jährige Fachangestellte. »Oft ist es passiert, weil ich irgendwas falsch gemacht habe.« Sie war am 1. Januar 2018 vom Angeklagten mit Flipflops in den Händen im Gesicht traktiert worden. Am Boden liegend hatte sie der Angeklagte getreten, was zu einem Rippenbruch führte. Schließlich soll er die Frau an den Haaren gepackt und ihr Büschel davon ausgerissen habe. Am Ende stand die Aufforderung, sie solle sich selbst umbringen, ansonsten werde er sie vom Balkon werfen.

Den Vorfall miterlebt hatten sowohl der 50-jährige Frührentner als auch eine 69-jährige Rentnerin. »Hat denn keiner geholfen?«, fragte Thomas Peter die Zeugen. Die Antwort: »Nein, es hat sich keiner getraut.« Bekannten hatte die Verletzte erzählt, sie sei von der Leiter gefallen. »Mindestens dreimal kam sie mit blauen Flecken und weiteren Verletzungen«, erinnerte sich ein 57-jähriger Salzburger. »Sie hatte Angst. Gut, dass sie endlich den Mut gefunden hat, zur Polizei zu gehen.«

Gemeinschaft verlassen

Mit flacher Hand ins Gesicht geschlagen wurden der Frührentner und eine 43-jährige Verwaltungsangestellte. »Ich habe geblutet und bin dann 2018 ausgestiegen«, schilderte die Frau. Als »bunt gemischt« beschrieb der Frührentner die Strafen des Angeklagten: »Mit der Hand, der Faust, Tritte auch in den Genitalbereich.« Es sei immer schlimmer geworden, bestätigte die 51-Jährige, »oft hat schon ein schiefer Blick ausgereicht.«

Zehn Prozent ihres Einkommens mussten die Mitglieder an die angebliche Stimme Gottes abgeben. Das Geld soll zunächst zumindest teilweise an wohltätige Vereinigungen gegangen sein, später waren die Mittel laut der Zeugen in die Sanierung des Hauses vom Angeklagten geflossen. Der Frührentner hatte sogar diverse Ansprüche aus einem erlittenen Unfall an den Angeklagten abgetreten. Als dessen Anwalt, Christian Pusch, das Thema ansprach, intervenierten sowohl Verteidiger Hans-Jörg Schwarzer als auch der Angeklagte. »Es geht also doch ums Geld«, unterstellte Schwarzer, während der 55-jährige Angeklagte den Zeugen beschimpfte: »Du hast Schaden verursacht und musst den bezahlen. Ich hab' jetzt die Kosten und Ärger ohne Ende.«

Der Angeklagte war im Januar 2019 schon einmal wegen Körperverletzung verurteilt worden. Weil er einem Passanten in Reichenhall eine Ohrfeige versetzt hatte, musste er 600 Euro zahlen. Diesmal wollte es Staatsanwalt Peter nicht bei einer Geldstrafe belassen, denn er wertete die Schläge mit den »Schlappen« als gefährliche Körperverletzung. Die Zeugen seien wohl bislang nicht in der Lage gewesen, darüber zu sprechen, zeigte Peter Verständnis für die verstrichene Zeit bis zur Anzeige. Er beantragte zehn Monate, die zur Bewährung ausgesetzt werden könnten.

Eine Bewährung mochten die beiden Nebenklägervertreter dem Angeklagten nicht mehr zugestehen. »Er hat eigensüchtig die Schwächen anderer ausgenützt«, erklärte Christian Pusch als Vertreter des Frührentners, »ohne jegliche Skrupel hat er auf Menschen eingeschlagen.« Noch deutlicher wurde Rechtsanwalt Sven Ryfisch als Vertreter der 51-jährigen Geschädigten: »Der Angeklagte hat Gott gespielt.« Außer den angeklagten Körperverletzungen und der Nötigung waren »viele weitere Taten« eingestellt worden. Nicht zuletzt habe sich der Mann seine Haussanierung finanzieren lassen. Was aus Ryfischs Sicht schwer wiegt, sind die lang anhaltenden psychischen Belastungen der Geschädigten. Beide befinden sich nach wie vor in Therapie. Ryfisch wollte den Mann für 14 Monate hinter Gitter schicken.

180 Tagessätze

»Er bestreitet die Taten und ist deshalb freizusprechen«, erklärte Hans-Jörg Schwarzer für seinen Mandanten, der die Anklagen als erfundene und konspirative Hirngespinste zurückweise. Sollte es dennoch zu einer Verurteilung kommen, so sei eine Geldstrafe ausreichend. Den Zeugen attestierte Christopher Lang keinen großen Belastungseifer, denn die hätten auch von »guten Dingen« gesprochen.

In den Schlägen mit den Flipflops sah der Richter ebenfalls keine gefährliche Körperverletzung, weshalb er aufgrund dreier Fälle von vorsätzlicher Körperverletzung auf eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 25 Euro entschied. Daneben hat der Verurteilte die Kosten des Verfahrens und die Kosten der Nebenkläger zu tragen.

Hannes Höfer