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Mehr als eine spannende Lektüre für den Urlaub

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Der Autor Wolfgang Schweiger am Waginger Mühlberg, einem der Schauplätze seines neuen Chiemgau-Krimis. (Foto: Heel)

Man muss ja seinen Urlaub nicht gerade in einem relativ abgelegenen Berggebiet Kärntens verbringen, außer man will das so. Hauptkommissar Gruber und seine Kollegin Bischoff treibt anderes nach Kärnten, an Urlaub und Entspannen ist da nicht zu denken, es geht schlicht und einfach ums Überleben. Und um die schlussendliche Auflösung eines höchst spektakulären Falles, und dass da Grubers alter Freund Schott eine entscheidende Rolle spielen darf, freut natürlich all jene Leser, die Wolfgang Schweigers »Chiemgau-Krimis« seit dem ersten Band »Der höchste Preis« verfolgen.


Man darf ja nicht zu viel verraten, eigentlich gar nichts. Krimis leben von der Spannung und davon, dass Unerwartetes geschieht. Das gilt selbstverständlich auch für die Kriminalromane von Wolfgang Schweiger, dem es wieder bestens gelungen ist, einen durch und durch logischen Plot aufzubauen, der sich wie bei allen wirklich guten Krimis Schritt für Schritt so entwickelt, dass diese Logik sichtbar wird. Da gibt's nicht immer das an sich abgrundtief Böse auf der einen Seite und davon klar abgetrennt das sogenannte Gute, denn die Menschen sind Teil ihrer eigenen Geschichte, und die lässt nun mal die einen sich so entwickeln und andere in eine geradezu gegensätzliche Richtung.

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Dass die eigene Lebensgeschichte keineswegs geradlinig verläuft, wissen wir ja, auch, dass man oft liebend gerne über so manches Vergangene ein Deckmäntelchen drüberbreitet, vor allem dann, wenn dieses Vergangene nicht dem Image entspricht, das mittlerweile von einem Menschen gezielt inszeniert worden ist: Dann kann es sehr wohl sein, dass diese Vergangenheit nicht vergessen ist und sich quasi unerbittlich auftut, dass sie also, wie man so schön sagt, einen einholt. Einen Politiker in hoher Position zum Beispiel, und der wird erpressbar, wir wissen es.

Wolfgang Schweiger ist wie der Rezensent Jahrgang 1951, wir kennen also noch jene Phase, als in Waging der »Seestadel« existierte und so etwas war wie die Szene schlechthin. Dort beginnt eigentlich das »Tödliche Landleben«, da hat's seinerzeit ein Techtelmechtel gegeben zwischen einer jungen Frau und einem jungen Mann, bloß dass sich die beiden dann völlig konträr entwickelt haben: Der junge Mann zum ehrgeizigen Politiker, die junge Frau zur Rebellin und schließlich zur Terroristin. Und die braucht Geld nach einer langen Zeit im Knast, und sie hat noch die Briefe, die ihr damals im Überschwang der Gefühle der jetzige Politiker geschrieben hat. Im Knast saß Anna König (auch) deshalb, weil sie verpfiffen worden war, und plötzlich laufen zwischen Chiemsee und Waginger See jene Fäden zusammen, die Gruber und Bischoff beim Versuch, sie zu entwirren, nach Kärnten führen.

Hauptkommissar Andreas Gruber ist natürlich Schweigers »Geschöpf«, und es ist hochinteressant zu verfolgen, wie Schweiger diesen Gruber – aber auch dessen Frau Ingrid, seine Kollegin Bischoff, den Freund Schott und selbst die Staatsanwältin Werner – zu einem echten Charakter geformt hat: Keineswegs zu einem Kluftinger, der von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt und dann doch über allem steht, aber auch nicht zu einem lakonischen Philipp Marlowe, sondern eben zu Gruber, der das Verbrechen hasst und der immer auch Mensch ist. Und der wegen eines Leistenbruchs operiert werden muss.

Dass auch das Landleben tödlich sein kann, weil draußen der Tod lauert, wissen wir. Es ist immer höchst unterhaltend und beeindruckend zugleich, wie es Wolfgang Schweiger gelingt, unseren ach so heimeligen Chiemgau zur »location« eines Plots zu machen, der uns in all seiner Niedertracht und Infamie als nicht hierher und zu uns gehörig erscheint. Auch dass hier möglicherweise Menschen leben, die sich unter einem alles zudeckenden Mantel des Vergessens und des Schweigens bewegen.

Dabei bleibt Schweiger immer bei der (möglichen) Realität, da driftet er nicht ab ins Phantastische, das dann beruhigen würde, weil's eben allzu phantastisch ist. Alles kann sein, wirklich alles. Und so freuen wir uns darauf, was dem Traunsteiner Wolfgang Schweiger als Nächstes einfällt, in welche Bredouille sein Hauptkommissar nach der Leistenoperation gerät. Und sollte man »Tödliches Landleben« tatsächlich im Urlaub lesen, irgendwo im Süden oder sonst wo, so kann es durchaus sein, dass man Heimweh bekommt, dass es einen heimzieht in den mörderischen Chiemgau. Oder nach Kärnten, vielleicht. ws