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Mehr familiäre Feier als konventionelles Konzert

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Ahmed El-Salamouny beim konzentrierten Gitarrenspiel und Gison de Assis an der großen Rahmentrommel. (Foto: Kaiser)

Das neue Jahr im Traunsteiner Konzertleben nahm einen verheißungsvollen Anfang: Nach sieben Jahren gastierten zwei Vollblutmusikanten wieder im Großen Rathaussaal, führten mit der Präsentation ihres »Brazilian Guitar«-Projekts im Rahmen der Traunsteiner Gitarrenkonzerte die Zuhörer in einem »klimatischen Kontrast« nach Rio und ließen mit ihren Instrumenten auch »die Augen mithören«.


Der Deutsch-Ägypter Ahmed El-Salamouny, in München aufgewachsen, am Salzburger Mozarteum an der Gitarre klassisch ausgebildet, ist inzwischen in seiner Liebe zu exotischen Rhythmen ein Weltbürger der Musik geworden, ebenso wie der in Rio geborene Percussionist Gilson de Assis, der im Alter von 25 Jahren »in den Freistaat Bayern, dann auch nach Deutschland« kam und mit seinem Instrumentarium seither in der ganzen Welt auftritt.

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Der Abend begann mit »Salvador«, einer gewinnenden Eigenkomposition des Gitarristen, und mit dem Choro »Sons de Carrilhoes« (»Glockenklänge«) von Joao Pernambuco waren wir schon ganz in der Nähe von Rio. Ein Choro, so erfuhren wir, ist ursprünglich aus der Polka entstanden, hat sich unter afrikanischen Einflüssen »südamerikanisiert«. Ein weiterer, »Xodo«, verströmte pure Lebensfreude, zärtlich und rassig zugleich. Mit einem Walzer begann Ahmed seinen Solopart sanfter Melodien, »zum Kaminfeuer passend«, und krönte ihn mit Themen aus dem Film »Orfeu Negro«, die Luiz Bonfá und Antonio Carlos Jobim komponiert hatten, in einer überzeugenden und berührenden Adaption für seine Gitarre.

Gilsons erstes Solo ereignete sich am Berimbau, einem Musikbogen aus dem Nordosten Brasiliens, der wiederum afrikanische Vorläufer hat. An den Enden eines zum Bogen geformten Holzstocks ist ein Draht gespannt, früher oft aus einem alten Autoreifen entnommen, der mit einem Holzstäbchen angeschlagen wird. Ein aufgeschnittener, ausgehöhlter Flaschenkürbis, am unteren Teil des Bogens befestigt und am Bauch des Spielers anliegend, dient als Resonanzkörper. Ihm entlockte Gilson mit unterschiedlichen Anschlagstechniken und Saitenspannungen verblüffende und faszinierende Effekte.

Später »spielte Gilson die Blumenvase« mit ein bisschen Body-Percussion – spannend, welch einen Reichtum an Rhythmen man aus »primitiv« anmutenden Dingen herausholen kann! Auch Verschlüsse von Plastikflaschen oder angeschnittene Schalen von exotischen Nüssen, an einer Kordel aufgereiht, dienten ihm als variabel-unaufdringliche Rhythmusinstrumente, um sie gleichwertig und partnerschaftlich zur Gitarre einzusetzen. Es war beeindruckend und erheiternd zugleich, wie die beiden mit unterschiedliche Musikstilen spielten und sich gegenseitig anspornten.

Das erfrischend melodische »Agua de Beber« von A. C. Jobim begleitete Gilson mit sprechenden Händen auf dem Pandeiro, einer Art Schellentamburin. Weitere Eigenkompositionen von Ahmed bereicherten das Programm, das strömende »Endless Summer« und ein »Marcatu« für den Karneval in Recife, von Gilson begleitet auf der großen Rahmentrommel, einer Art »Basstamburin«. Mitten in die Seelen der Zuhörer zielte »Lamentos do Morro« von Anibal Augusto Sardinha, genannt »Garoto«, einem brillanten Gitarristen aus Sao Paulo.

Es mag nun für manchen Leser so wirken, als käme Ahmed El-Salamouny in der Besprechung »zu kurz«. Das soll korrigiert werden. Er verfügt über eine perfekt justierte Griffhand mit absoluter Treffsicherheit in den verzwicktesten Akkorden und höchsten Lagen; fast noch faszinierender agiert seine Rechte, bei der man nie weiß, wie er neben der flirrenden Begleitung, unangestrengt-konzentriert, noch die Melodie konkret werden lässt. Doch das allein ist es eben nicht. Was den Abend zu einem Erlebnis machte, war das unprätentiös-natürliche Auftreten der beiden Künstler, die locker-sympathische Moderation von Ahmed, und eben ihre gemeinsame unverkrampfte Musizierlaune in unkonventioneller Art.

Die erste Zugabe mit dem Titel »So muss die Liebe sein« war ein ganz fröhliches Stück, und bei der zweiten, »Ein Regentag«, demonstrierte Gilson noch einmal die Vielfalt seiner »small-percussion-instruments«. Beim Verlassen des Saales dann erfuhr man von den Besuchern des Konzerts, dass sie nicht wieder sieben Jahre auf ein Wiederhören mit dem virtuosen Duo warten wollten. Engelbert Kaiser