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Mehrheit ist gegen Lärmschutzwände für den Bahnverkehr

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So würde die Bahnhofstraße in Übersee aussehen, würde die Bahn ihre 3,8 Meter hohen Lärmschutzwände bauen. (Foto: vom Dorp)

Übersee – Mit einer großen Bandbreite an Meinungen reagierten rund 80 Bürger in einer außerplanmäßigen Bürgerversammlung auf die Vorstellung des Projekts »Lärmsanierung an Schienenwegen des Bunds im Gemeindegebiet Übersee«.


Die Bewertungen der für die Gemeinde kostenfreien Maßnahmen reichten von »begrüßenswert« bis »ganz furchtbar grausig«. Eine Testabstimmung ergab etwa ein Drittel für und zwei Drittel gegen die Lärmschutzwände.

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»Es ist noch nichts entschieden«, versuchte Bürgermeister Marc Nitschke zu beruhigen. »Heute geht es erst einmal um den Beginn eines Meinungsbildungsprozesses.« Schon vor Beginn der Veranstaltung hatte sich die Stimmung durch aufliegende Fotos aufgeheizt. Sie zeigten den Ist-Zustand der in Frage kommenden Streckenabschnitte wie eine Visualisierung nach einem möglichen Bau der 3,8 Meter hohen Wände.

In einem sachlichen Vortrag stellten Janine Lehmann und Ulf Herrmann von der DB-Netz AG zunächst klar, dass die deutschlandweiten Lärmsanierungen allein aus Steuermitteln des Bunds finanziert werden und aus der Sorgfaltspflicht für die Bürger heraus entstanden sind. Für die Gemeinde sei es ein Angebot und keine Verpflichtung.

Träger des Projekts ist das Eisenbahn-Bundesamt in Bonn, das bereits 2008 die pauschalen Richtlinien festgelegt hatte. Danach werden Lärmschutzwände als aktive Maßnahmen zu 100 Prozent und passive Maßnahmen, wie Lärmschutzfenster und Rollläden an Gebäuden, zu 75 Prozent gefördert. Die restlichen 25 Prozent müssen die Bürger zahlen.

Laut Lehmann seien in Übersee 278 Gebäude untersucht worden, wovon 15 tagsüber und 67 nachts zum Teil sehr hohe Überschreitungen der Sanierungswerte aufweisen. Das habe zur Einteilung in drei Lärmschutzbereiche geführt. Der erste ist am Bahnweg, bahnlinks auf der Nordseite in einer Länge von 650 Metern (Kosten 936 000 Euro), der zweite an der Bahnhofstraße, bahnrechts auf der Nordseite in einer Länge von 1130 Metern (Kosten 1,63 Millionen Euro) und der dritte an der Moosener Straße, bahnlinks auf der Nordseite in einer Länge von 200 Metern (Kosten 288 000 Euro).

Die pauschal angebotene und für den Bund wirtschaftlichste Lösung besteht aus drei Meter hohen Wänden aus Aluminium und Stahl, hinzu kommen noch 0,8 Meter für einen Sockel ab der Schienenoberkante.

»Die Gemeinde kann sich aber auch für 2 oder 2,5 Meter hohe Wände ganz oder teilweise entscheiden«, räumte Herrmann ein. Auch gebe es unendlich viele Möglichkeiten der Farb- und Materialgestaltung. So hatte eine Gemeinde die Lärmschutzwand sogar zu einem »kleinen gemeindetypischen Kunstwerk« genutzt und darauf die Geschichte der Kommune in Wort und Bild dargestellt. Die Regelabweichungen müssten nur im Rahmen der Förderfähigkeiten liegen. Generell nicht erlaubt seien berankte und voll transparente Wände.

Als Vorteile der Lärmschutzwände bezeichnete Produktmanagerin Lehmann, dass sie viele Anwohner rund um die Uhr und bei offenem Fenster schützen und für die Gemeinde dafür keinerlei Kosten entstehen. Nachteile sieht sie in einer möglichen Zerschneidung des Ortsbilds und einer Verschattung in Teilbereichen. Auch könnten Graffiti-Künstler die Wände als Leinwand benutzen. Außerdem besteht eine mehrjährige Wartezeit bis zur fertigen Lärmschutzwand und eine zeitweise Lärmbelästigung während der Bauphase.

Sollte Übersee die Wände ablehnen, so Lehmann weiter, hätten betroffene Bürger die Chance auf passive Maßnahmen ihrer vor dem 1. April 1974 gebauten Häuser. Allerdings müssten sie dann 25 Prozent aus eigener Tasche bezahlen. Inwieweit Bürger betroffen sind und ob für sie diese passiven Lärmschutzmaßnahmen in Frage kommen, könnten sie aus entsprechenden Listen der Projekt-Ingenieure erfahren.

Vorteile seien eine relativ schnelle Umsetzung in neun bis zwölf Monaten und erhebliche Lärmpegelreduzierungen bei Fenstern und durch Wanddämmungen. Nachteile seien die Kostenbeteiligung und Staub und Dreck während der Bauarbeiten im Haus. Außerdem sei der Lärmschutz nur wirksam, wenn alle Fenster geschlossen sind.

In der anschließenden Diskussion standen Vorschläge über Geschwindigkeitsbegrenzungen und leisere Züge anstelle von Lärmschutzwänden im Fokus. »Temporeduzierungen sind von der Bahn generell nicht vorgesehen«, so Lehmann. »Und bis 2020/2021 ist ohnehin eine Umstellung auf leisere Züge geplant, was aber auch keinen ausreichenden Lärmschutz gewährleistet.«

Die Wirkung der Lärmschutzwände setzten die Experten auf Anfragen mit etwa 30 Meter Tiefe in die Bebauung hinein an, je nach Beschaffenheit des Geländes. Inwieweit sich die Effektivität einer nur zwei Meter hohen Wand gegenüber der geplanten von 3,80 Meter reduziere, wollte ein Bürger wissen. Der Lärmschutz sei deutlich niedriger, detaillierte Messungen gebe es aber noch nicht, so die Antwort. bvd