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Menschlicher Abschaum oder einer von uns?

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Fremd und verloren: Patrick Brenner lässt sein Publikum mit allerhöchster Schauspielkunst den Atem anhalten. (Foto: Benekam)

Mit einem Stück des französischen Dramatikers Bernhard-Marie Koltes beweist das Kulturhaus Chiemgau wieder Mut: Regisseur und Schauspieler Maximilian Berger hat mit »Die Nacht kurz vor den Wäldern« eine sozialkritische Milieustudie gewählt, die seit ihrer Uraufführung 1977 in Avignon keinen Deut an Aktualität verloren hat.


Patrick Brenner verkörperte den Protagonisten, der im Stück nicht einmal einen Namen hat, mit frappierender Authentizität und bot seinem Publikum mit fast manischer Präsenz keinen Augenblick des Entrinnens. Das zentrale Thema des Solostücks, Einsamkeit, soziale Isolation, Obdachlosigkeit und daraus resultierende Entfremdung – innerlich wie äußerlich – von und in der Gesellschaft, geht alle an.

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Es ist nicht schwer, in gesellschaftliche Schieflage zu geraten, zu »Humanschrott zu degenerieren«, wohl aber, sich aus dem Sumpf des Elends aus eigener Kraft zu befreien. Ein Mann, vom Regen durchnässt, unterkühlt, entkräftet und offenbar leicht desorientiert, irrt auf der Suche nach einem trockenen Ort durch die Nacht. Er hat nur noch eine leise Ahnung davon, wie sich ein Zuhause anfühlt. Warm, trocken, alles an gewohntem Platz, in gewohnter Ordnung. So auch die Tages- und Wochenstruktur, die in ihrer zuverlässigen Wiederholung Halt und Sicherheit bietet. Die unbändige Freude über den Freitagabend. Zugehörigkeit. Familie. Geborgenheit. Alles Grundvoraussetzung für seelische und körperliche Gesundheit.

Das alles entbehrt dieser Mann und in seiner verzweifelten Einsamkeit und Ausgegrenztheit, erschafft er sich ein imaginäres Gegenüber, einen, wie er ihn tituliert »Kameraden«, mit dem er sich solidarisiert gegen die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Welt. Fortan ist diese fiktive Person, der er sogar einen Hocker hinstellt, Adressat für seine Seelenergüsse. Die Konzentration auf diese Person, die durch Brenners darstellerische Leistung vom Zuschauer als unsichtbarer Mitspieler empfunden wird, gewährt ihm selbst innere Distanz zum eigenen Seelenschmerz. Außerdem gaukelt er sich selbst die ersehnte Gesellschaft vor.

Der Zuschauer wird Zeuge, Angeklagter, Täter und je nachdem, wo sich jeder Einzelne sieht, schuldig oder frei gesprochen. Der Protagonist konstruiert ein Wirrwarr an Gedanken, springt scheinbar von einem Thema zu nächsten, redet ohne Punkt und Komma, wie nach einem Redestau und pendelt zwischen abgrundtiefem Hass und hoffnungsvoller Zuversicht. Die Affinität zum weiblichen Geschlecht ist ambivalent. Der Sehnsucht nach mütterlicher Nähe oder der verklärten Verliebtheit zu einem Mädchen namens »Mama«, steht die Abscheu entarteter Sexualität und Prostitution gegenüber.

Seinen Kampf für ein würdigeres Leben hat er aufgegeben, obwohl er immer wieder von seiner großen Idee, der Gründung einer »Internatoinalen Gewerkschaft zum Schutz der Schwachen«, schwärmt. »Ich habe dich gesehen, als du um die Ecke gebogen bist. Da, wo sonst nur Straße ist, Kamerad«, beruhigt er sich selbst und verspricht, wenn es zu regnen aufhört und er wieder Geld für Bier hat, ihm so viel zu kaufen, wie er eben braucht, damit er sich gut fühlt.

»Du bist nicht einmal nass geworden«, bemerkt er fast zärtlich, als er »seinen Kameraden« nach einer kurzen, von Erschöpfung gezeichneter Denkpause erstaunt mustert. »Es hat an dir vorbeigeregnet!« Patrick Brenner ist in die facettenreiche Thematik, des einer Charakterstudie ähnlichen Theatermonologs mit jeder Faser seines darstellerischen Talents eingetaucht. Ihm gelang, trotz seines jungen Alters, mit einem Höchstmaß an Empathie, die glaubhafte Darstellung aller emotionaler, fast bipolarer Auswüchse des Protagonisten umzusetzen.

Die zwingende Auseinandersetzung mit diesem aufrüttelnden Stoff ist Voraussetzung für einen derartigen Erfolg. Ebenso die intensive und detailversessene Regie Maximilian Bergers, die zu keiner Minute ein Abdriften vom Bühnengeschehen zuließ. Fast eineinhalb Stunden konfrontatives Theater für Feinschmecker!

In der Diskussionsrunde mit Regisseur und Schauspieler im Anschluss an die frenetisch beklatschte Premiere wurde deutlich, wie viel Interpretationsspielraum das Stück bietet. Es entstand eine fruchtbare Konversation, ein Gedankenaustausch, den nur ein tiefgründig-mehrdeutiges Schauspiel nach sich ziehen kann. Das Stück wird leider nur noch am 25. Mai und am 8. Juni zur Aufführung kommen. Kirsten Benekam