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»MenschSein« – die Wahrheit des Lebens

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In der Installation »Troika« mühen sich drei Männer, ein mehrere Meter langes, seeuntaugliches Schiff zu ziehen. Das kaputte Schiff steht für die ausgebeutete, malträtierte Erde. (Foto: Morgenroth)

»MenschSein« ist nicht nur ein Ausstellungstitel, sondern auch ein aktuelles Thema, das in unserer unruhigen und schnelllebigen Zeit nicht nur viele Menschen beschäftigt und bewegt, sondern auch Künstler. Der Unterwössener Bildhauer Andreas Kuhnlein greift Themen, Ereignisse und Zustände unseres 21. Jahrhunderts auf und verarbeitet sie in seiner Kunst.


Er versucht dabei das Tempo des modernen Lebens durch eine dramatisch gespannte Zerklüftung von Oberflächen darzustellen und bringt in seinen Holzskulpturen das Wesenhafte und Existenzielle, das im Menschen verborgen zu sein scheint, zum Ausdruck. Kuhnleins Arbeiten rühren den Betrachter gerade dadurch und durch ihre Einfachheit an.

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Internationale Anerkennung

Kuhnleins Skulpturen genießen mittlerweile internationale Anerkennung. der Unterwössener ist überwiegend ein »Menschenbildner«. Seine Skulpturen, aus heimischem Holz gearbeitet, sind voller expressiver Wucht und existentiellem Schmerz. Als Autodidakt wandelt der gelernte Schreiner Stilformen in ein eigenständiges künstlerisches Idiom um. Er greift die alten Themen der Bildhauerei auf und stellt sie unter ein neues Konzept, um so Sinnbilder zu schaffen für die gesehene und erlebte Wirklichkeit. Die bildhauerischen Urthemen »Mann und Frau« sowie »Kopf und Figur« werden nicht naturalistisch dargestellt, sondern als eine Art Paradigma für das »Innenleben«. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen steht auch im Mittelpunkt der Ausstellung in der Städtischen Galerie. Mit wenigen Skulpturen in jeweils einem Raum schafft er ein großes Raum- und Kunsterlebnis. Allein stehend, zu Gruppen kombiniert oder als Rauminstallation stellen Kuhnleins Figuren zwar ein Sinnbild existentieller Bedrohung und Erschütterung des Menschen dar, jedoch lassen sie vor dem geistigen Auge die »individuelle« Wirklichkeit des Menschen entstehen, der seine schicksalshafte Prägung allein zu erkennen und sinnvoll zu bestimmen hat.

Durchgängig bei Kuhnlein ist auch das Bemühen, den Raum einzubeziehen. Er betrachtet die zerklüftete Oberfläche nur als Begrenzung eines Rauminhaltes. Der Künstler verarbeitet die Luft ebenso wie festes Material und erreicht, dass der Durchbruch den selben Formwert darstellt wie seine Eingrenzung, das bearbeitete Material.

Bei einem Rundgang durch die acht Räume der Rosenheimer Galerie wird der Besucher im Eingangsraum mit dem wuchtig und monumental wirkenden Werk »Säulenheiliger« konfrontiert. Gewaltig erheben sich auf einem sehr hohen Sockel zwei massive, goldene Stiefel. Anstatt einer Figur findet sich nur zersplittertes Holz als abgebrochene Restspuren einer von Sockel gestoßenen, einstmaligen »Herrschergestalt«. Im umzäunten Auffangbecken liegen Skulpturenfragmente, Gestürzte mit den Attributen ihrer einstigen Macht wie Kronen, Bischofsmützen oder Ritterhelme. Bei dieser Installation thematisiert Andreas Kuhnlein den Machtmissbrauch vermeintlich Wichtiger, demaskiert Mächtige, zeigt sie in einem völlig anderen Licht, eingefangen im Augenblick des Zerfalls. Im angrenzenden, rechten Saal 2 mit dem Titel »Gespeichertes Leben« stehen den Büsten dreier Lebensalter drei Baumscheiben gegenüber. Wie beim menschlichen Gesicht hat man hier, so wie Kuhnlein dies formuliert, »ein offenes Buch, wenn wir verstehen, darin zu lesen«.

Sein und Schein

Zu den beeindruckendsten Werken in der Ausstellung zählen die Säulenpaare »Schein und Sein«, die im anschließenden, dritten Raum präsentiert sind. Es sind Würdenträger, weltliche und geistliche, mit und ohne Uniform, Ornat oder Insignien. Bei diesen Arbeiten erscheinen Mann und Frau wie Urgestalten aus vergangenen Zeiten, gebunden an einen »anderen« Raum einer »anderen Zeit«. Im kurzen Abstand daneben sind sie dargestellt ohne ihre Fassade, zerklüftet, »kristallisiert« gelangen sie doch zu einer »wesentlichen« Erscheinung, in der das »MenschSein« überwiegt.

Der nächste Raum beschäftigt sich mit der »Frage nach dem Sinn«. Die Rauminstallation besitzt einen Thron und gegenüber sind 12 Hocker aufgestellt, allesamt als Sitzgelegenheit nutzbar. Sie laden den Besucher ein, darüber nachzudenken, welche Position er gerade eingenommen hat: die des Thronenden, des Diktators, des Befehlshabers oder der Massen. Dabei kann man über Kopfhörer den Protestsong von Marlene Dietrich »Sag mir, wo die Blumen sind« hören, der die Sinnlosigkeit aller Kriege anklagt.

Mehrfigurige Kompositionen nehmen in Kuhleins Schaffen immer häufiger einen besonderen Platz ein. In der Installation »Troika« mühen sich drei Männer, ein mehrere Meter langes, seeuntaugliches Schiff zu ziehen. Das kaputte Schiff steht in dieser Installation als Metapher für die von der Menschheit ausgebeutete, malträtierte Erde. Die vorgespannte Troika wird es nicht mehr schaffen, das Boot wieder schwimmtauglich zu machen. Nur die im Heck platzierte Frau hält Ausschau, hat Hoffnung und birgt neues Leben in sich. In diesem Werk verwirklicht Kuhnlein komplexe Situationen menschlichen Lebens. Obwohl die Installation in eine Art Erdzone eingebunden ist, bildet sie eine eigene Raumsphäre.

Im Ecksaal 6 wird der Mensch als Sisyphos zum Symbol der Vergeblichkeit. In zwei weiteren Räumen wird die Installation »Aufbruch« präsentiert. Eine weitere Ausdrucksform Kuhnleins ist die vertikale Streckung verschiedener Figuren wie bei der Skulptur mit dem Titel »Der Mensch, Krönung oder Krebsgeschwür«, bei der eine schmal hoch aufragende Figur im letzten Raum gezeigt wird. Dort ist auch die eigens für diese Ausstellung konzipierte Installation »Vom Traum, alles hinter sich zu lassen« präsentiert. Die letzte Figur des Ausstellungsrundgangs ist eine sitzende, karbonisierte Figur mit dem Titel »Angekommen«. Diese zeigt einen Menschen, der, so Kuhnlein »vom Leben gezeichnet, aber nicht gebrochen ist«. Mit diesen drei Skulpturen schließt sich der Kreis des Ausstellungsthemas.

Andreas Kuhnlein geht es nicht um eine Bildhauerei der »Hässlichkeit« an sich. Gerade in der zerklüfteten und zerbrochenen Form sucht er die gegenständlich aufzeigbare Wahrheit des Lebens.

Die äußerst sehenswerte Ausstellung in der Städtischen Galerie in Rosenheim ist bis 30.   April zu sehen und Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Montags (auch Ostermontag) ist geschlossen. Führungen durch die Ausstellung mit Andreas Kuhnlein und Elisabeth Rechenauer finden am Sonntag, dem 23. April, um 14 Uhr und Donnerstag, den 27. April, um 18   Uhr statt, Führungen für Schulklassen mit Andreas Kuhnlein sind am 26. April um 9 Uhr und um 10.30 Uhr. Eine Exkursion zu Kuhnleins Künstleratelier findet am 27. Mai statt. Weitere Infos unter gibt es online unter www.galerie.rosenheim.de Gabriele Morgenroth