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Michael Kretschmer: Vom Wahlverlierer zum Regierungschef

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Kretschmer und Tillich
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Stanislaw Tillich (r.) nach seiner Abschiedsrede beim CDU-Landesparteitag neben seinem Nachfolger Michael Kretschmer. Foto: Ralf Hirschberger Foto: dpa

Er will einen neuen Politikstil etablieren und die CDU zwei Jahre vor der Landtagswahl zu alter Stärke zurückführen. Der 42-Jährige Michael Kretschmer steht als neuer sächsischer Ministerpräsident vor großen Herausforderungen.


Löbau/Dresden (dpa) - Sachsens neuer Ministerpräsident Michael Kretschmer gehört zu den jüngsten deutschen Politikern in diesem Amt. Auch wenn Helmut Kohl bei seinem Amtsantritt 39 Jahre alt war und Sigmar Gabriel erst 40: Aktuell ist der CDU-Politiker mit 42 Jahren der jüngste Ministerpräsident.

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Heute wurde Kretschmer vom Landtag in Dresden mit 69 Stimmen zum Nachfolger von Stanislaw Tillich gewählt. Das waren acht Stimmen weniger als die schwarz-rote Koalition dort Sitze hat. Mehr Zustimmung hatte er wenige Tage zuvor von einem CDU-Landesparteitag erhalten, der ihn mit gut 90 Prozent zum neuen Landesvorsitzenden kürte.

Tillich hatte nach dem desaströsen Abschneiden der sächsischen Union bei der Bundestagswahl die Verantwortung übernommen und Mitte Oktober seinen Rücktritt angekündigt.

Kretschmer war bislang Generalsekretär der sächsischen Union. 2009 wurde er überdies Vizefraktionschef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und war unter anderem für Forschung und Bildung verantwortlich.

Noch Ende September hatte die Karriere des gebürtigen Görlitzers alles andere als rosig ausgesehen. Bei der Bundestagswahl verlor Kretschmer ausgerechnet in seiner Heimatregion das Direktmandat gegen einen bis dato namenlosen AfD-Mann. Am Tag darauf gab er zu, wie schon seit 2002 mit einem Sieg gerechnet zu haben. Einen «Plan B» habe er nicht, sagte der zweifache Vater geknickt.

Kretschmer sprach von einem «ordentlichen Magenschwinger», den er genau wie die CDU erhalten habe. «Das ist eine Zäsur für mich persönlich.» Denn Kretschmer war genauso erfolgsverwöhnt wie die CDU im Freistaat, die nach der Wende dreimal hintereinander die absolute Mehrheit bei Landtagswahlen errang und erst seit 2004 die Macht mit anderen teilen muss.

Doch bei der Bundestagswahl war die AfD mit 27,0 Prozent in Sachsen stärkste Kraft geworden - ihr bundesweit bestes Landesergebnis. Der Freistaat gilt als Hochburg der Rechtspopulisten, in Dresden hat sich auch die islam- und fremdenfeindliche Pegida-Bewegung gegründet.

Kretschmer hat sich als fähiger Netzwerker bewiesen und etwa immer wieder Fördermittel des Bundes in den Freistaat geholt. Die guten Kontakte zur Bundesebene könnten Kretschmer nun in seinem neuen Amt von Vorteil sein.

Vorschusslorbeeren gibt es aus den eigenen Reihen. «Er hat großes rednerisches Talent. Er hat Charisma, er stammt von hier», sagt CDU-Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Politisch gesehen ist Kretschmer so etwas wie ein «Wendekind». «Für Politik begeisterten mich Freunde aus der Jungen Gemeinde, mit denen ich im Wendeherbst 1989 die Friedensgebete in Görlitz besuchte. Eine bis heute prägende Zeit», schreibt Kretschmer - Jahrgang 1975 - in seiner Biografie auf seiner Website. Tatsächlich stieg er schon mit 19 Jahren in den Politikbetrieb ein - als Stadtrat in Görlitz. Der gelernte Informationselektroniker studierte später an der Dresdner Fachhochschule Wirtschaftsingenieurwesen.

Schon lange wurde Kretschmer als Kronprinz für die Nachfolge Tillichs gehandelt und aufgebaut. Der frühe Wechsel kam für ihn nun selbst überraschend.

Kretschmer steht vor einer Mammutaufgabe. In nur zwei Jahren muss er die Union in Sachsen wieder so aufstellen, dass sie wieder stärkste Kraft im Freistaat wird.

Die Opposition sieht in Kretschmer keinen wirklichen Neuanfang an der Regierungsspitze. Die Linken halten ihm vor, als «Wasserträger» die Politik Tillichs unterstützt zu haben. Auch die Grünen zeigten sich skeptisch: Um die für Sachsens Zukunft nötigen Weichen zu stellen, müsse sich Kretschmer «quasi neu erfinden».