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Mit den Akten in den Urlaub – Richter Thomas Hippler geht in den Ruhestand

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Thomas Hippler nach seiner letzten Verhandlung am Laufener Amtsgericht. (Fotos: Höfer)

Berchtesgaden – Thomas Hippler hat seine Berufswahl nie bereut. Er würde es heute wieder genauso machen, würde sich wieder an den Richtertisch setzen und urteilen. Über Diebstähle, Raub und Körperverletzung, über Drogen- und Verkehrsdelikte. 31 Jahre war der gebürtige Berchtesgadener durchgehend am Laufener Amtsgericht als Strafrichter tätig – rekordverdächtige 24 Jahre war er Vorsitzender Richter am Schöffengericht. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat mit Thomas Hippler gesprochen.


Hippler ist Jahrgang 1952. Weil seine Eltern eng befreundet waren mit dem Berchtesgadener Amtsrichter, durfte sich der junge Thomas häufig hinten reinsetzen und zuhören, damals im Gericht am Franziskanerplatz. »Es war nicht selten wie im Bauerntheater«, erinnert sich Hippler heute, »viele Berchtesgadener Originale hatten dort ihren Auftritt.« Und doch hat das bei ihm den Berufswunsch geweckt.

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1973 hat er an der Christophorusschule Abitur gemacht, dann in Heidelberg, München und Göttingen Jura studiert. Nach der Ersten Staatsprüfung 1978 folgte ein Referendariat am Laufener Amtsgericht, dann am Landratsamt Berchtesgaden. Einige Monate arbeitete Thomas Hippler am Verwaltungsgericht München, anschließend bei der Staatsanwaltschaft in Traunstein. Nach zweieinhalb Jahren Referendarszeit legte er 1981 die Zweite Staatsprüfung ab, um im Mai bei der großen Strafkammer am Landgericht Traunstein als beisitzender Richter zu starten.

Ab September 1981 hatte Thomas Hippler eine Stelle als Proberichter am Amtsgericht in Laufen. Von Juli 1983 bis April 88 war er wieder bei der Staatsanwaltschaft in Traunstein, um anschließend die Stelle anzutreten, die er bis zur Pensionierung behalten sollte. »Ich wollte nie weg«, gesteht er, »ich wollte nicht die Ochsentour.« Seine Sache war das Strafrecht, obwohl er sich zeitweise auch um Wohnungseigentumssachen und Betreuung kümmern musste.

Viel mit den Kindern unterwegs

Thomas Hippler hat zwei Kinder, doch weder Sohn noch Tochter sind in seine Fußstapfen getreten. Ein schwerer Schicksalsschlag traf die Familie 2010, als Ehefrau Angelika im Alter von nur 53 Jahren an plötzlichem Herzversagen verstarb. Und in der Freizeit? Viel Bergwandern und Mountainbiken. »Neuerdings auch mit E-Bike«, gesteht er, »obwohl ich das lange abgelehnt habe.« Sein Skifahren beschreibt er selbst als »heftig«, in Vereinen war und ist er nicht aktiv.

»Ich habe lieber mit den Kindern was unternommen«, wenn ihm die Arbeit Zeit dazu ließ. Denn das Aktenstudium gab es auch an Wochenenden und im Urlaub. »Die Vorbereitung ist das A und O, denn sonst tanzen dir die Anwälte auf der Nase herum.« Er habe immer gut geschlafen, sagt Hippler, war eine Entscheidung gefallen, dann kam der nächste Fall. Nur zweimal sei er von den gleichberechtigten Laienrichtern, den Schöffen, überstimmt worden. Einmal sollte es Thomas Hippler selbst an den Kragen gehen. Ein selbst ernannter Präsident am »Strafamt des Reichsgerichts« hatte ihn zur Festnahme wegen Hochverrats ausgeschrieben, um seinen Fall vor einem »Militärgericht« zu verhandeln. »Ein Strafbefehl und der Hinweis auf eventuelle Ermittlungen reichten, dann war sofort Ruhe«, erzählt Hippler über diese Episode aus der Reichsbürgerecke. Bedrohungen sah er sich nicht ausgesetzt, denn »die Verurteilten wissen ja, was sie angestellt haben«.

»Wir leben hier wie im Paradies«, sagt Hippler und sieht einen Grund in der starken Polizeipräsenz, weshalb Einbrecher die Region mieden. In den Fokus der überregionalen Medien war das Amtsgericht und insbesondere Thomas Hippler mit der Vielzahl an Schleuserprozessen ab Herbst 2015 geraten. »Das war wohl die Zeit mit der stärksten Arbeitsbelastung.« Aber auch 18 Jahre zuvor, im sogenannten Jugoslawienkrieg, hatte Hippler täglich bis zu 32 Verfahren zu bearbeiten.

Angemessenes Verhalten

Die Angeklagten benähmen sich mehrheitlich anständig, denn sie wüssten, dass der Eindruck in der Hauptverhandlung nicht unwichtig für das Urteil sei. Und doch gibt es nicht wenige Dauerkunden, die zuvor versichert hätten, es sei nun gewiss das letzte Mal. »Betrüger habe ich gerne verhandelt«, gesteht Hippler, »die reden sich oft selbst ins Verderben. Und das Gericht ist nicht so leichtgläubig wie die Geschädigten.« Bei gefährlicher Körperverletzung kennt der Strafrichter kein Pardon: »So etwas gehört nachhaltig bestraft.« »Unangenehm« dagegen seien Sexualdelikte, handle es sich doch meist um Beziehungstaten, bei denen Aussage gegen Aussage stehe. Als Richter muss man sehr aufpassen, was man sagt. Hippler ärgert das »Nord-Süd-Gefälle« im Strafmaß und die vergleichsweise milden Urteile im Westen und Norden der Republik. Damit züchte man Verbrecher. Beispiel: Die Clan-Kriminalität.

»Einmal bin ich von einem heimischen Anwalt wegen Befangenheit abgelehnt worden«, erinnert sich Hippler. Es sei damals um eine Schleusung gegangen, bei der Menschen im Januar die Salzach auf Baumstämmen überquert hatten. »Versuche hat es mehrfach gegeben«, bilanziert er, »aber keinem Antrag auf Befangenheit ist stattgegeben worden.«

Ist Thomas Hippler altersmilder geworden? »Mit Sicherheit«, gesteht er, »ich meine, es gab später durchaus Bewährungen, die ich früher nicht gewährt hätte.«

»Ich war gerne Richter«, sagt Thomas Hippler abschließend, verhehlt aber nicht, dass ihm die großen und umfangreichen Sachen in den letzten Jahren schwerer gefallen sind. Er erzählt, dass ihm das Angebot einer Rechtsanwaltskanzlei vorliege, im Ruhestand dort einzusteigen. »Das kommt nicht infrage«, lässt er keinen Zweifel. Auch ein Buch will er nicht schreiben, denn: »Es gibt schon so viele.«

Anekdoten aus dem Gerichtssaal

In 41 Jahren hat Thomas Hippler viele vermeintliche Straftäter erlebt. Auch wenn sich die meisten vor Gericht benehmen, gibt es Ausnahmen. Manchmal lässt aber nicht nur das Verhalten zu wünschen übrig, sondern auch das Auftreten. Ein paar Beispiele:

Der Fall Monzer Al-Kassar

In Paris hatte man den weltweit berühmten und berüchtigten Waffenhändler Monzer Al-Kassar in Abwesenheit zu acht Jahren Haft verurteilt. Gefasst hat man den Mann am Pfingstmontag 1988 am Grenzübergang Walserberg. Trotz eines Haftbefehls hatte Frankreich kein Interesse an einer Auslieferung. Und so musste sich der Mann mit Verbindungen zu Politik und Terrororganisationen in Laufen lediglich wegen eines Passvergehens verantworten. Er hatte einen gefälschten brasilianischen Pass gezeigt. »Mit dem Hubschrauber hat man den Mann damals von der JVA Bad Reichenhall zum Laufener Amtsgericht geflogen«, erinnert sich Thomas Hippler, »alles war voll mit bewaffneter Polizei.« Gegen Zahlung von 300 000 DM würde der Richter den Haftbefehl außer Vollzug setzen. Tatsächlich legte Rechtsanwalt Udo Krause dem Gericht eine halbe Stunde später die geforderten 300 000 DM vor. Al-Kassar war dann 2007 in Spanien festgenommen und an die USA ausgeliefert worden, wo er zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde.

Der längste Prozess

Bei Hipplers längstem Prozess ging es um eine Schleuserbande. Fünf Angeklagte mussten sich 1995 neun Verhandlungstage lang vor dem Schöffengericht verantworten. Damals hatte der Vorsitzende tatsächlich einen Koffer voller Akten und Gesetze mit in den Urlaub nach Italien genommen.

Der Hitler-Darsteller

Skurril war die Verhandlung um einen Hitler-Darsteller, der sich am Obersalzberg gegen Bezahlung mit Touristen abbilden ließ.

Die tote Henne

Einmal hatte ein unerfahrener Staatsanwalt die Obduktion einer vermeintlich vom Nachbar erschlagenen Henne angeordnet. Geprüft werden sollte, ob die Verletzung mit einem Holzscheit ursächlich für den Tod der Henne gewesen war.

Die streitlustige Frau

Die extremsten Beleidigungen waren von einer Frau aus Ainring gekommen. Sie hatte bei einem Streit um einen Parkplatz eine ganze Familie aus Salzburg regelrecht zur Sau gemacht. »Beleidigungsschreiben habe ich gesammelt«, gesteht Hippler, ebenso wie Verstöße gegen das Lebensmittelgesetz wie Mäuse in der Bäckerei. Dabei müssen Mängel schon gravierend sein und sich über einen langen Zeitraum hinziehen, ehe sie tatsächlich beim Strafrichter landen.

Der Exhibitionist

Auf Hipplers Tisch gelandet ist auch ein Fall aus Bad Reichenhall, bei dem ein Mann heimlich Videoaufnahmen in einer Damentoilette angefertigt hatte. »Eher selten sind exhibitionistische Handlungen«, sagt Hippler, »kurios aber, was Angeklagte und Rechtsanwälte bei solchen Fällen häufig konstruieren. Man möchte es nicht für möglich halten.«

Der schlagende Landwirt

In seinem Anekdotenheft findet sich auch ein Landwirt aus Berchtesgaden, der seine Ehefrau geschlagen haben soll. Der Mann dazu: »Des hat's a braucht, des Mistviech.«

Rassismus

Gegen den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus wehrte sich ein anderer mit dem Hinweis: »Meine Tochter ist ja selbst mit so einem Bimbo verheiratet.« Ein weiterer argumentierte, er könne kein schlechter Mensch sein, schließlich sei er bei der CSU.

Keine Fluchtgefahr

Ein Münchner Schleuser im Trachtenanzug verneinte für sich jede Fluchtgefahr, denn seine Tochter sei schließlich Diplom-Kosmetikerin und Nageldesignerin.

Der betrunkene Anwalt

Alkohol und dessen übermäßiger Konsum ist häufig Thema bei den Verfahren. Dass ein Rechtsanwalt aber, wie sich später herausstellte, mit 2,6 Promille ins Gericht kommt und dort sofort nach der Kantine fragt, ist doch ungewöhnlich. Um was es bei dieser Verhandlung ging? Um Trunkenheit im Verkehr.

Hannes Höfer