weather-image
19°

Mit Herzblut und Leidenschaft

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Geigerin Alissa Margulis spielte beim Konzert des Chiemgauer Musikfrühlings »Der Dichter spricht« mit leidenschaftlichem Einsatz. (Foto: Aumiller)

Wenig frühlingshaft war das Wetter zum Konzertabend im Festsaal von Kloster Seeon, umso mehr versöhnte der musikalische Frühling, den die Musiker mit Temperament, Energie und Leidenschaft servierten. Blutvolles Musizieren boten die Geigerin Alissa Margulis, der Cellist Thomas Carroll und die Pianistin Marianna Shirinyan bei Ludwig van Beethovens Klaviertrio B-Dur op. 97, dem sogenannten »Erzherzog-Trio« – der Komponist hatte es seinem Schüler, Gönner und Freund Erzherzog Rudolph gewidmet.


Die Ausführenden gestalteten das Trio als wunderbar kantabel fließendes Melos, voll emotionalem Drive, dem aber die lyrische Poesie nicht weichen musste. Den Zug zur Romantik hin machten sie stark spürbar, formten die liedhaften Passagen in eingängiger Schlichtheit, setzten Akzente in der exzellenten Phrasierung und fanden zu tänzerischer Leichtigkeit bei den diversen Anklängen zum Walzer. An ihrer Freude am Spiel ließen sie ebenso wenig Zweifel wie auch am Ernst zur stringenten Struktur. Ihr gutes gleichrangiges Miteinander war getragen von gegenseitiger Korrespondenz und minutiöser Kommunikation für den Klangsinn. Eine eindrucksvolle Wiedergabe, die das Werk in seiner Schönheit sehr reizvoll erblühen ließ.

Anzeige

Der Übertitel zum Programm »Der Dichter spricht« erschloss sich nicht spezifisch augenfällig für die Stückauswahl, aber schließlich spricht jeder Tondichter in seiner Musik zum Zuhörer. Die Abänderungen in der weiteren Programmfolge enttäuschten etwas, wenngleich die Künstler ihren intensiven Einsatz nicht vermissen ließen. Aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung von Alexander Sitkovetsky wurde das geplante Klavierquintett von Ernst von Dohnanyi nicht aufgeführt. An dessen Stelle setzten die beiden Pianistinnen Diana Ketler und Marianna Shirinyan kleine vierhändige Stücke von Antonín Dvorák, Gabriel Fauré und Sergej Rachmaninow: Faurés »Le jardin de Dolly« aus »Dolly« op. 56, das der Komponist für die Tochter seiner Gefährtin zum Neujahrstag 1895 geschrieben hatte, und eine Auswahl aus den sechs Stücken op. 11 von Rachmaninow – kleine charmante Kompositionen, mit Verve gespielt von den Pianistinnen, die sie ihren Lieblingsstücken zuordneten. Aber es sind Miniaturen, als Zugaben geeignet, als zentrale Mitte der Programmfolge waren sie indes zu leichtgewichtig.

B-Dur war an diesem Abend die vorherrschende Tonart. So auch die nächste Programmänderung: Statt des Streichquintetts von Johannes Brahms fiel die Wahl auf sein Streichsextett op. 18 in B-Dur. Es ist zu einem der beliebtesten Stücke von Brahms’ Kammermusikwerken geworden und war einst der erste durchschlagende Erfolg des damals 27-jährigen Komponisten.

Alissa Margulis und Alexander Sitkovetsky (Violinen), Vladimir Mendelssohn und Razvan Popovici (Bratschen) sowie an den Celli Thomas Carroll und Bernhard Naoki Hedenborg gingen energisch und emotional ans Werk und gestalteten ein Werk von großer Kraft und Fülle. Das 1. Cello leitete qualitätsvoll und voller Spannung die ersten Takte ein zu einem Ganzen, bei dem sich Überschwänglichkeit, Wehmut und Heiterkeit, sangliche Melodien, folkloristische Assoziationen, feine Pizzicati und virtuose Trillerketten zu einer opulenten Klanglandschaft mischten. Mit Intensität gestalteten die Streicher eine kompakte Klangdichte, bei der die Zuhörer allerdings die kammermusikalische Transparenz etwas vermissten.

Es schlich sich der Eindruck ein, dass die Hälfte der sechs Streicher mehr solistisch auf die Profilierung des eigenen Stimmanteils als auf ein spezifisches homogenes Klanggemisch bedacht war. Es schien mehr ein Nebeneinander als das Sich-ineinander-verflechten und Verschmelzen der Themen und Stimmen. Fast glich es einem kleinen Wettstreit, der allerdings letztlich in einer imponierenden Klangopulenz resultierte. Elisabeth Aumiller