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Mit Kilt, Dudelsack und Whisky

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Mit Gunther Haußknecht am Dudelsack boten die Bad Reichenhaller Philharmoniker mit Dirigent Christian Simonis ein spektakuläres Klangerlebnis. (Foto: Janoschka)

Das hat das Konzertpublikum in Bad Reichenhall noch nicht erlebt: Einen Dudelsackspieler als Solisten, der außerdem nach seiner Darbietung einen Flachmann – wahrscheinlich mit schottischem Whisky – in den vorderen Reihen des Orchesters herumgehen lässt.


Gunther Haußknecht trug mit seiner Highland Bagpipe sehr viel zum Titel des Konzerts »Klangbilder« der Bad Reichenhaller Philharmoniker bei – und zum Klang des Dudelsacks gehört eben auch die passende Kleidung, der Kilt mit Jackett, die Ledertasche und die Kniestrümpfe. Aber nicht nur dadurch hat sich der Klang mit einem visuellen Bild verbunden, sondern auch schon in der Komposition von Sir Peter Maxwell Davies (1934 bis 2016), »An Orkney Wedding, with Sunrise« für Dudelsack und Orchester, bei der die Zuschauer zunächst lange auf den Solisten warten mussten, ehe er als krönender Höhepunkt – zum Sonnenaufgang – zur Saaltüre hereinmarschierte und auf die Bühne schritt, wo er gemeinsam mit dem Orchester das lautmalerische Werk hymnusähnlich und mit aufgeblähten Backen zum Abschluss brachte.

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Zuvor schwelgte das Orchester temperamentvoll in sattem Klang und synkopischen Tanzsprüngen und malte für Auge und Ohr das Tableau einer Hochzeit auf den Orkney-Inseln mit torkelnden Gästen und verschwommener Umgebung – das beschworen die Glissandi und schnellen Geigen-Tremoli herauf. Dazwischen sang die Oboe ein Lied, die Harmonie wurde absichtlich schräg, Schwerfälligkeit stellte sich ein. Den Alkohol setzten die Orchestermusiker im temperamentvollen Dirigat ihres Maestro glänzend und voller Humor um.

Der Spaß äußerte sich auch in einem ganz neuen Orchester-Klangbild der Philharmoniker, die unter ihrem Chefdirigenten Christian Simonis zur Höchstform aufliefen und eine Musizierfreude entwickelten, die sich unmittelbar in die Freude beim Zuhören im Saal fortsetzte.

Die Begeisterung des Publikums kannte keine Grenzen – noch weniger, als Gunther Haußknecht zur Zugabe ansetzte, einer typischen Dudelsackmelodie mit Begleitung aus den Reihen des Schlagwerkarsenals.

Eingerahmt wurde dieses außergewöhnliche Werk von einer finnischen und einer südamerikanischen Komposition. Größer als dieser geografische Aspekt könnte der Unterschied – trotz Ansiedelung beider Werke im 20. Jahrhundert – nicht sein.

Ziemlich neu für das Bad Reichenhaller Publikum dürfte »Cantus Arcticus für Vogelstimmen und Orchester« op. 61 von Einojuhani Rautavaara (1928 bis 2016) gewesen sein. In dem dreisätzigen Werk übernehmen über Tonband eingespielte Vogelstimmen die Rolle der Solisten.

In »Das Marschland« trällerte die Flöte einige Takte lang vor sich hin, sie ahmte quasi die Vogelstimmen in einer Vorimitation nach und bereitete so den Zuhörer auf die Musik aus der Natur vor. Zu Flöte und Vogelstimmen gesellten sich die verschiedenen Blasinstrumente, bevor auch die Celli und die Celesta (Kristian Aleksic) glitzernd den Klang ergänzten und auf die Vogelstimmen im dialogisierenden Zusammenklang antworteten.

»Melancholie« ließ naturmystisch-meditativ den Vogelstimmen sehr viel Raum, während der dritte Satz, »Ziehende Schwäne«, durch sich wiederholende Tonfolgen symbolhaft an die ständige Wiederkehr in der Natur denken ließ. Strahlender Trompetenklang über diesem orchestral sich entwickelnden Thema mit Harfe und Celesta und kunstvoller Imitation der gefiederten Natur und ihrem Gesang brachte die Verbindung zwischen dieser und der Musik triumphal zum Abschluss. Für die Konzertsuite »La Noche de los Mayas« von Silvestre Revueltas (1899 bis 1940) wurde das Orchester mit weiteren Schlagwerkern und Perkussionisten auf ungefähr 15, teils exotische, Instrumente ergänzt, wobei sogar ein Muschelhorn in Form einer großen Meeresmuschel und eine Baumtrommel zum Klingen gebracht wurden.

Auch hier malten die Philharmoniker mit Taktwechsel und spannenden Übergängen, gegenrhythmischen Taktbewegungen, Ausdrucksstärke und spannender Lautmalerei ein beeindruckendes Klangbild, das sich wie im Rausch vom ersten Satz »Noche de los Mayas« (Molto sostenuto) über »Noche de Jaranas« (Scherzo) und »Noche de Yucatan« (Andante espressivo) bis zu einem ekstatisch-tranceartigen Finale in »Noche de Encantamiento« entwickelte.

Die Zauberer waren dabei die Musiker mit ihrem Medizinmann Christian Simonis, durch dessen ungebremste Energie das Kurgastzentrum mit Klängen aus der Nacht der Mayas und dem mexikanischen Urwald erfüllt wurde. Unglaublich, außergewöhnlich und spektakulär mit einer immer wieder als Solistin glänzenden Konzertmeisterin! Brigitte Janoschka

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