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Musiktherapeutin Bärbel Kirst singt im Vinzentinum Ruhpolding mit älteren Patienten - in der Gruppe und einzeln

Mit Musik das Gedächtnis in Schwung halten

Im Vergleich zu anderen Teilen des menschlichen Gedächtnisses bleibt das Langzeit-Musikgedächtnis von dementen Patienten oft lange intakt und funktionsfähig. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben mit einer Studie erstmals das Musikgedächtnis lokalisiert und festgestellt, dass dieses Areal des Gehirns während der fortschreitenden Degenerierung des Gehirns bei Alzheimerpatienten weitgehend erhalten bleibt. Aber nicht nur für Demenzpatienten, sondern auch für Patienten im fortgeschrittenen Alter ist die Beschäftigung mit Musik wichtig. Sie tun damit etwas für den Erhalt ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten.

In der Kreisklinik Vinzentinum Ruhpolding singt die Musiktherapeutin Bärbel Kirst (rechts) zusammen mit den Patienten. Unser Foto zeigt sie bei der Einzeltherapie im Patientenzimmer mit der Leitenden Ärztin Dr. Marianne Gerusel-Bleck und der Patientin Anneliese Jörg.

In der Akutgeriatrie der Kreisklinik Vinzentinum Ruhpolding singt deshalb die Musiktherapeutin Bärbel Kirst einmal in der Woche mit älteren Patienten – sowohl in Einzel- als auch in Gruppentherapie. »Musik macht Freude und ist etwas Belebendes«, sagt Kirst, die eine Ausbildung zur Musiktherapeutin gemacht hat und 15 Instrumente spielt, zum Beispiel Klavier, Akkordeon, Gitarre, Harfe und verschiedene Flöten. Das Singen bedeute für viele Patienten mehr Lebensqualität. Sie wunderten sich oft, welche Liedtexte sie noch wüssten, erklärt die Musiktherapeutin. Etliche wür-den daher auch außerhalb der Therapiestunden weiter singen.

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Die Gruppentherapie erfolgt in einer Musikrunde mit sechs bis zehn Teilnehmern. Wer dabei ist, muss nicht mitsingen. »Sondern er darf«, wie die Mu-siktherapeutin betont. Für die weniger textsicheren Patienten werden Liedertexte in großen, gut lesbaren Druckbuchstaben verteilt. »Aber schöner ist, wenn sie das Auswendig-Mitsingen probieren«, so Kirst, denn das fordere und fördere ihr Gedächtnis.

Die Teilnehmer können aber auch von sich aus Vorschläge dazu machen, welche Lieder gesungen werden sollen. Was ihnen Spaß macht und was sie mögen. Das bringt Kirst zu der Frage an die Patenten, wo denn noch gesungen werde? Bei Familienfeiern, beim Frauenbund und in der Kirche; das war’s aber auch schon. Alte Volkslieder wie »Horch, was kommt von draußen rein«, »Das Wandern ist des Müllers Lust« oder »Am Brunnen vor dem Tore« sind bei den jungen Leuten heute nicht mehr »in«. Aber die älteren Leute kennen sie noch und singen in der Gruppentherapie fleißig mit. Nach der Gruppentherapie geht Kirst zur Einzeltherapie in die Patientenzimmer und auf die Intensivstation. Wo es gewünscht wird, setzt sie sich ans Krankenbett und singt zusammen mit den Patienten. Sie begleitet sie dazu mit der Gitarre. Das Vorgehen ist ähnlich wie bei der Gruppentherapie: Gesungen wird, was ihnen einfällt und gefällt. Den Schlager »Anneliese, ach Anneliese« von 1954 wünschte sich beispielsweise immer wieder eine Patientin, deren Vorname – wie könnte es anders sein – Anneliese lautete. Es kann manchmal auch sehr emotional werden: »Beim Lied »Lili Marleen« fing einmal ein Kriegsteilnehmer an zu weinen«, erzählt Kirst.

»Die Menschen sind mit Singen aber meistens einfach nur glücklich«, betont sie. »Und es beruhigt«, wie die Leitende Ärztin der Akutgeriatrie Ruhpolding und der Geriatrischen Rehabilitation Trostberg, Dr. Marianne Gerusel-Bleck, an-merkt. Studien hätten nämlich nachgewiesen, dass Parameter wie beispielsweise die Herzfrequenz gesenkt und verbessert werden. »Wer singt, der bildet auch mehr Abwehrkräfte«, so Dr. Gerusel-Bleck.

Über die Musik finden die Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten zudem oft leichter Zugang zur Lebens- und Kranken-geschichte älterer Patienten. »Durch die Musik und den damit verbundenen Erinnerungen haben sie angefangen, auch etwas aus ihrem Leben zu erzählen«, berichtet Dr. Gerusel-Bleck aus ihrer klinischen Erfahrung. Diese Öffnung (Biografiearbeit) sei wichtig für das Gesamtbild (Anamnese) und die weitere Behandlung. Deshalb sei es für das geriatrische Team gerade bei Demenzpa-tienten wichtig, dass sie in irgendeiner Form (zum Beispiel über die Musik) Zugang zu ihnen fänden. »Über die Musik werden die Patienten geistig und körperlich aktiver und lebendiger. Sie erleben in diesen Momenten Lebensfreude und gewinnen ein Stück Lebensqualität zurück«, so die Leitende Ärztin. Bjr