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Mit Phantasie und Leidenschaft

Demnächst kommen gleich zwei neue Filme in die Kinos, die sich beide auf »Michael Kohlhaas« berufen, Heinrich von Kleists berühmteste Novelle aus dem Jahre 1810. Zwei Filme allerdings, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: der eine ein opulenter Actionfilm unter der Regie von Arnaud des Pallières und mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle, der andere eine phantasievolle Dorfkomödie mit dem Titel »Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel«. Wobei sich das mit der Verhältnismäßigkeit der Mittel weniger auf das Vorgehen des Kohlhaas bezieht, der auf die Unterschlagung zweier Pferde mit Raub und Mord reagiert, sondern mehr darauf, wie man quasi mittellos, also ohne Geld, technisches Equipment und professionelle Schauspieler, einen Film drehen kann.

Aron Lehmann und Rosalie Thomass Vorpremiere des Films »Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel« in Traunstein. (Foto: Heel)

Oder genauer formuliert: Nachdem ihm die Gelder zur Umsetzung seiner Kohlhaas-Geschichte abrupt entzogen wurden, kämpft Regisseur Lehmann (Robert Gwisdek) mit recht unkonventionellen Mitteln um seine Vision: Allein die Wahrhaftigkeit des Spiels seiner Darsteller und die Phantasie der Zuschauer sollen nun genügen, um dem Film Glaubwürdigkeit zu verleihen. Und wie seine Hauptfigur Kohlhaas ist er bereit, dabei bis zum Äußersten zu gehen, um seinen Film zu beenden. Statt ein mächtiges Epos mit farbenprächtigen Kostümen, aufwendigen Kulissen und spektakulären Schlachten zu inszenieren, bekriegen sich seine Akteure nun in selbst gehäkelten Kettenhemden und mit imaginären Waffen in einer Burgruine.

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Als Vorpremiere hat der 1981 in Wuppertal geborene (echte) Regisseur Aron Lehmann den Film jetzt in den Traunsteiner Kinos am Bahnhof vorgestellt, begleitet von seiner Hauptdarstellerin Rosalie Thomass, die zuletzt in der Tragikomödie »Das Leben ist nichts für Feiglinge« zu sehen war. Nach der durchwegs positiv aufgenommenen Vorführung stellte er sich den Fragen des Publikums, das zunächst vor allem daran interessiert war, wie er ausgerechnet zu diesem Stoff gekommen sei. Dazu erklärte Lehmann, dass 2010 auch die Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg, wo er studiert hatte, von der Finanzkrise getroffen worden sei und er schnellstmöglich seinen Abschlussfilm auf die Beine stellen musste. Allerdings wollte er kein »Küchentischdrama« inszenieren, sondern einen Ritterfilm bzw. die Entstehung eines solchen Films zu erzählen. Erst mit dieser Idee sei er dann auf Kleists Novelle gestoßen, ein Glücksfall, weil »ein klassisches Thema, das unter die Haut geht, zumal ein Kohlhaas in jedem Menschen steckt«.

Zu seiner Arbeitsweise sagte Lehmann, dass zwar ein fertiges Drehbuch vorgelegen habe, die Dialoge letztendlich aber nicht mehr als Anregungen waren und manche Szenen erst während der Proben entstanden. Gedreht wurde übrigens komplett in seiner heimatlichen Umgebung rund um Nördlingen, großzügig unterstützt von der Bevölkerung, die für Verpflegung, Unterkünfte und Transporte sorgte und auch eifrig vor der Kamera mitwirkte. Kostenlos war auch die Mitwirkung der Fraunhofer Saitenmusik, sodass das magere Budget von 100 000 Euro (davon 30 000 vom BR, 50 000 von der Filmförderung und 20 000 von der HFF) für die sechs Wochen Drehzeit gerade so ausreichte.

Abschließend erklärte Rosalie Thomass noch, dass sie selten ein so unterhaltsames und poetisches Drehbuch gelesen habe, mit so vielen Ebenen. Ergänzt wurde dies von Lehmann, der von einem totalen Schauspielerfilm sprach, fast wie modernes Theater. Davon überzeugen können sich die Zuschauer ab dem morgigen Donnerstag, wenn der Film regulär in den Kinos anläuft. Wolfgang Schweiger