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Mit Plakaten und Kerzen gegen die Schließung

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»Beendet die Existenzängste«, forderte auch Marlis Kunze vom Geschäft »Karins Schwester«.

Berchtesgaden – Mit einem »stillen Protest« wollten viele Geschäftsinhaber am Dienstagabend auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen. Sie positionierten sich mit Schildern und Kerzen vor ihren Geschäften und Lokalen. »Beendet die Existenzängste«, »Rettet unsere Läden jetzt« oder auch »Hilfsmaßnahmen reichen nicht zur Existenzsicherung« war auf den Plakaten zu lesen. Landrat Bernhard Kern, sein Stellvertreter Michael Koller und auch die Bürgermeister Hannes Rasp und Franz Rasp waren gekommen, um den Betroffenen »zuzuhören«.


Der Grundgedanke hinter der Aktion stammte von Kathrin Engljähringer-Seiberl: Unternehmer wie Einzelhändler, Gastronomen und Hoteliers sollten gemeinsam mit ihren Mitarbeitern auf die derzeitigen Ängste und Gedanken aufmerksam machen. Ausgearbeitet hat sie den »stillen Protest« dann mit Max Köppl, Veronika Schlagbauer, Lisa und Karl Seiberl sowie Christina und Christoph Göttges. Als Veranstalter traten die Aktiven Unternehmen Berchtesgaden auf.

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Am Vorabend der Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch haben die Initiatoren ihren Plan schließlich umgesetzt: Mit Schildern und Kerzen protestierten sie vor ihren Geschäften. Über 35 Betriebe beteiligten sich, nicht nur direkt im Markt, sondern zum Beispiel auch am Triftplatz in Schönau am Königssee. Die Forderungen sind eindeutig, die Menschen wollen so schnell wie möglich wieder ihrer Arbeit nachgehen dürfen. »Wir wollen eine Öffnungsperspektive«, sagten Christina und Christoph Göttges, die den stillen Protest auf Fotos und Videos festhielten. Für die Geschäftsleute steht viel auf dem Spiel, die letzten Monate im Lockdown haben an den Reserven gezehrt, die Mitarbeiter befinden sich größtenteils in Kurzarbeit, das Geld ist knapp.

Sorgen und Ängste

Wenngleich es ein stiller Protest sein sollte, teilten einige der Anwesenden ihre Sorgen und Ängste den Lokalpolitikern mit. So auch Lisa Seiberl vom gleichnamigen Modehaus. »Wir hoffen, dass wir gesehen werden und die Bevölkerung darauf aufmerksam wird, wie schlecht und miserabel es uns nach über vier Monaten Lockdown geht.« Anstatt die neue Frühlingskollektion im Schaufenster zu präsentieren, stelle man nun Forderungsplakate und Trauerkerzen aus. Der Einzelhandel werde von der Politik nicht gesehen und gegenüber anderen Märkten himmelschreiend ungerecht behandelt. Was viele der Anwesenden nicht verstehen, ist, warum in großen Lebensmittelgeschäften alles angeboten und verkauft werden darf, während der Fachhandel geschlossen bleibt.

Mit 14 Menschen sei Lisa Seiberl in einem Supermarkt an der Kasse gestanden. Ins »Modehaus Seiberl« mit seinen 400 Quadratmetern dürfe dagegen kein einziger Kunde. Die Politik habe Scheuklappen, schaue nicht nach links und rechts und halte sich die Ohren zu. Die Schließung betreffe auch die Mitarbeiter, die jetzt ohnehin keine anderen Arbeitsplätze finden würden. »Menschen, die für nichts zur Rechenschaft gezogen werden, darf man nicht so grundlegende Dinge entscheiden und auch das Grundgesetz aushebeln lassen«, sagte Seiberl sichtlich wütend und ergänzte: »Die Verantwortlichen, die alles haben und auf nichts verzichten müssen, führen viele in die Verdammnis«. Schlimm sei auch, wie die Politik die Gesellschaft spalte und das Denunziantentum fördere, sagte Kathrin Engljähringer-Seiberl vom Geschäft »Kindermode Seiberl«. Max Köppl von »Trachten Köppl« sagte: »Ich habe mich lange zurückgehalten, aber die Maßnahmen sind nicht mehr verhältnismäßig. Wir sind am Ende und wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll. Scheinbar hört uns niemand von den Politikern. Wir bezahlen Steuern, aber wir kleinen Betriebe vermissen eine angemessene Unterstützung.« Viele Einheimischen hätten ihn in den letzten Monaten mit Bestellungen unterstützt, aber die Gäste würden abgehen.

Lokalpolitiker zeigen sich solidarisch

»Die Firmen dürfen nicht kollabieren«, sagte Landrat Bernhard Kern. »Wenn die Unternehmen erst mal auf ihr Privatvermögen zurückgreifen müssen, wird es eng.« Ihm sei es wichtig, sich die Sorgen der Landkreisbürger anzuhören und diese auch entsprechend weiterzugeben. Auch seinem Stellvertreter Michael Koller ging die Aktion nahe. Er möchte sich dafür einsetzen, dass es für die betroffenen Betriebe zeitnah wieder aufwärts geht.

Bedrückend sei die Lage, in der sich die Geschäftsinhaber befinden, teilte Marktbürgermeister Franz Rasp mit. »Jede kleine Aktion kann etwas dazu beitragen, zurück zur Normalität und auch zu einer Gleichbehandlung zu kommen.« Man könne einen Ort wie Berchtesgaden nicht mit einer Großstadt vergleichen und müsse Besonderheiten in Entscheidungen auch miteinfließen lassen. Bürgermeister Hannes Rasp aus Schönau am Königssee unterstütze die Aktion ebenfalls, denn die Verzweiflung der Menschen sei bitterer Ernst. Lena Klein

Christian Wechslinger

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