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Mit Schwung und Leidenschaft

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Oberst Pickering gratuliert Professor Higgings zur gewonnenen Wette: Unser Bild zeigt von links Mrs Pearce (Thekla Gras), Professor Higgins (Volker Hein), Eliza (Wibke Wittig) und Oberst Pickering (Bernhard Dübe). (Foto: Heel)

Wer kennt sie nicht, die Geschichte der armen Blumenverkäuferin Eliza Doolittle, die in die Fänge des snobistischen Sprachwissenschaftlers Henry Higgins gerät, nachdem der mit einem Freund gewettet hat, dass er das einfache Mädchen von der Straße binnen sechs Monaten in eine feine Dame verwandeln kann.


Und zwar allein anhand der Sprache, die für Higgins der Schlüssel zu gesellschaftlicher Anerkennung ist. Und so wird Eliza, Tochter eines versoffenen Müllkutschers und mit einem starken Dialekt »gesegnet«, zu seinem wissenschaftlichen Objekt, das er Tag und Nacht mit abstrusen Sprachübungen wie »Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blüh’n« traktiert, bis sie endlich seine »My Fair Lady« ist.

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Basierend auf George Bernard Shaws Komödie »Pygmalion«, zählt das 1956 in New York uraufgeführte Musical »My Fair Lady« bis heute zu den meist gespielten und populärsten Bühnenwerken des 20. Jahrhunderts. Allein am Broadway lief es sechseinhalb Jahre lang und brachte es dabei auf insgesamt 2.717 Vorstellungen, von der überaus erfolgreichen Verfilmung aus dem Jahr 1964 ganz zu schweigen. Ein echter Klassiker also, dessen Lieder längst zu Evergreens geworden sind.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an die Aufführung der Kammeroper Köln im gut besuchten Saal des Traunreuter k1. Um es gleich zu sagen, die Zuschauer wurden nicht enttäuscht, auch wenn die Vorstellung nicht der angekündigten Laufzeit entsprach bzw. etwas abrupt endete. das war aber kein Manko, denn die berühmte Geschichte, von Regisseur Lajos Wenzel vor der Szenerie des spätviktorianischen London so schnörkellos wie temporeich inszeniert, entfaltete auch so voll und ganz ihre Wirkung. Zumal auch die Besetzung keine Wünsche offen ließ, angefangen mit Wibke Wittig, die frisch-fröhlich mit Berliner Schnauze (im Original: Cockney) agierte und mit ihrem mädchenhaften Sopran Klassiker wie »Es grünt so grün ...« oder »Ich hätt’ getanzt heut Nacht« mit Schwung und Leidenschaft meisterte.

Mit Volker Hein als Higgins stand ihr ein gleichwertiger Partner zur Seite, der nicht nur gesanglich voll überzeugte, sondern auch die Arroganz und Weltfremdheit seiner Figur trefflich verkörperte, auch wenn er von sich behauptete: »Ich bin ein Mann wie jedermann«. In Nebenrollen glänzten Jens-Rainer Kalkmann als Elizas Vater Alfred P. Doolittle, der mit dem Lied »Bringt mich bitte zum Altar« seinen großen Auftritt hatte, Dominik Niedermaier als Elizas Verehrer Freddy, der den Hit »In der Straße, wo du wohnst« zum Besten gab, und Bernhard Dübe als knorriger Oberst Pickering mit ausgeprägt englischem Humor. Nicht zu vergessen Higgins’ Mutter, gespielt von Christine Kättner, die zunächst die überhebliche Society-Lady gab, Eliza letztendlich aber liebgewann.

So geriet anhand der spritzigen Dialoge, der genauen Personenführung und der zahlreichen Tanzeinlagen (Choreografie: Robina Steyer) Elizas »Erziehung« zu einem putzmunteren Spiel um Standesunterschiede, unterdrückte Gefühle und die Macht der Sprache, garniert mit scheinbar einfachen, aber genialen Melodien, gespielt von acht Mitgliedern der Kölner Symphoniker unter der Leitung von Ingal Hilsberg. Warum sich Eliza allerdings in den eingebildeten Wissenschaftler verliebt – wir wissen es nicht. Vielleicht weil so ein Stoff einfach ein Happy End braucht. Wolfgang Schweiger