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Mit Sturm und Drang zur Empfindsamkeit

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Karla Schröter (Barockoboe) und Andreas Boos (Truhenorgel) bescherten selten gehörte Klänge in der Mozartwoche im Kloster Seeon. (Foto: Benekam)

Die »Musik der Empfindsamkeit« ist in einem beginnenden Umbruch von einer feudal geprägten in eine bürgerliche Gesellschaft im 18. Jahrhundert entstanden – und eben dieser musikalischen Stilrichtung, die in den 1720er und 1730er Jahren die Barockmusik ablöste, haben sich Karla Schröter (Barockoboe) und Andreas Boos (Truhenorgel) als Ensemble »Concert Royal« verschrieben.


In einer musikalisch-kulinarischen Soiree, die im Rahmen der Mozartwoche im Kultur- und Bildungszentrum Kloster Seeon guten Zulauf fand, spielten sie erlesene Werke von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789), Gottfried August Homilius (1714 bis 1785), Joseph Haydn (1732 bis 1809) und Mozart (1756 bis 1791).

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Besonders die Instrumentierung mit Barockoboe und Truhenorgel versprach Hörgenüsse jenseits des alltäglichen Konzertangebots. Die Betonung des Ausdrucks und die Vielzahl tief empfundener Emotion innerhalb eines musikalischen Werks, die diese Stilrichtung als »Erscheinung der Vorklassik« kennzeichnen, kam damals sicherlich dem verspielten und innovativ agierenden Wesen Mozarts sehr gelegen.

Das Bürgertum suchte nach einem eigenen musikalischen Ausdruck, der sich ganz bewusst gegen das barocke Pathos, das höfische Repräsentationsbedürfnis und seine Künstlichkeit richtete. Diese Pracht des Spätbarocks wurde durch Einfachheit und eine neue Empfindsamkeit ersetzt. Mozart und seine musikalischen Mitstreiter suchten und fanden diesen »neuen, gefühlsbetonten« Ausdruck, der ganz bewusst Emotionen im Zuhörer wecken sollte. Die Zuhörer der Mozartwoche schienen genau dies zu genießen, sich allzu gerne von virtuoser Musik zur Emotion hinreißen zu lassen.

Schon der Anblick der beiden Instrumente ließ die Gäste neugierig die Hälse recken: Die Barockoboe sieht aus wie ein gedrechseltes barockes Stuhlbein, ist aus Buchsbaumholz, hat 23 Löcher, zwei Klappen und ein aufsteckbares Mundstück. Entwickelt wurde sie im Musikerumfeld des französischen Hofs von Ludwig XIV. Ihr Klang ist ausdrucksstark und pendelt zwischen durchdringend nasal-hell bis dunkel-samtig weich.

Die Truhenorgel mit kunstvoller handgeschnitzter Ornamentik ist eine kleine, leicht transportierbare einmanualige Orgel mit wenigen Registern ohne Pedal – sie macht nicht nur optisch was her, sondern wirkt in der Art, wie Andreas Boos sie spielt, ein wenig wie ein musikalischer Wunderkasten. Sie ist mit einer Transponiervorrichtung ausgestattet, die es ermöglicht, von 440 Hz auf 415 Hz herab und bis auf 465 Hz hinauf zu transponieren – da geht einfach alles.

Nur sehr wenige Komponisten haben für diese Konstellation überhaupt komponiert, sodass sich der Abend in jeder Hinsicht als willkommenes Musikereignis jenseits des »Gewohnten« entpuppte: Drei Werke für Oboe und obligate Orgel von Hertel – das Trio in C-Dur, die Partita F-Dur und das Trio d-Moll – holten mit großen Gesten, ausdrucksstarken Themen und Melodien den Flair und Charme jener Zeit des Auf- und Umbruchs nach Seeon, wo sie die Gesichter der Gäste zum Strahlen brachten.

Ebenso begeisterte Reaktionen gab es auf zwei Werke von Homilius – ein geistliches Werk, das Choralvorspiel für Oboe und Orgel »O Gott, du frommer Gott« und die viersätzige Sonate HoWV XI. 1 für Oboe und Basso continuo. Neckisch-spielerisch und fast komödian-tisch in locker-lässiger Interpretation an der Truhenorgel kamen Haydns »Drei Stücke für die Flötenuhr« zu Gehör und brachten neben viel Gefühl auch die komische Note ins Konzert ein.

Mozarts Kompositionen konnten beim Publikum ebenfalls mächtig punkten: Das Adagio C-Dur KV 617a für Orgel und die Andante F-Dur KV 616 für Orgel waren sicherlich einer von vielen Höhepunkten in einer Soiree voller Empfindsamkeit. Kirsten Benekam